Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 39 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife (886 Dir. Bloch's Wochenschrift Nr. 39 zu behandeln. Von diesem Werke war im Jahre 1853' Lei Dell & Co. in Berlin ein Band erschienen, aber nicht her erste, wie Man meinen sollte, sondern der vierte, jder „die Geschichte der Juden vom' Untergänge des Mischen Staates bis zum Abschlüsse des Talmuds" umfaßte. ,'Anzeige und Rezension von Moses Gut man, Rabbiner sin Redwitz, finden sich im Januar-Heft -1855 der von Leopold Stein trefflich geleiteten, den Reformgedanken stark betonenden Zeitschrift:' „Der jüdische Bolksilehrer". .Der den kühnen Plan gefaßt hatte, eine wissenschaftliche iBearbeitung der GesaMtgeschichte des- Judentums^ herauszugeben, war der damals 36 jährige Doktor Hirsch jG rätz^ entstammend dem für die Mische Wissenschaft als klassisch zu bezeichnende Lande Posen. Natürlich wurde, er schon in früher Jugend in seiner Heimat, die das Wirken der talmudischen Heroen erschaut hatte, zum Studium des' Talmuds angeh alten, kam als Talmudjünger snach Oldenburg, wo sich seiner S. R. Hirsch, der hortige Rabbi, annahnh besuchte das' Gymnasium, beWg jdie Universität -Breslau und führte dann, da ihbr das Predigen nicht glückte, ein Wanderleben. Ws Hauslehrer 'erwarb er sich seür Brod im Hause des Hauptvertreters' der „Orthodoxie" S. R. Hirsch in Nikolsburg, war dann mehrere Jahre Lehrer in Lptydenburg, später Privatgelehrter in Berlin, bis' er nach Errichtung des' Misch-theologischen Seminars in Breslau als Dozent an diese Anstalt berufen wurde. Hier wirkte er bis zu seinem Tode. (7. SepteMber 1891, dem Tage, an dem, er in München bei seinem Sohne, einem hervorragenden Wysiker, verschied.) 1870 war er zum Professor ernannt worden und hielt als solcher auch Vorlesungen Aber Exegese an der Breslauer Universität. Dies die dürren Notizen Aber das reiche Leben dieses' großen Mischen Gelehrten, und man mäg Mer sein Werk urteilen jitxie nmn will, hßdeütendMn' Mischen Geschichts'- schreibers. Mehr 'chs' von VLend" aWererk" BahÄbrechÄ:^'- des Judentums gilt von ihm Schillers Wort: „Von der Parteien' Gunst urid Haß verwirret, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Er wurde als Geschichtsschreiber scharf, sehr scharf verurteilt, es fehlte ihM >aüch nicht am Lobe, am überschweriglichen Hobe. Man hat den subjektiven, allzu polemischen und apologetischen, temperamentvollen Historiker, dem objektiven Jost gegenübergestellt. Es wurde viel von seiner parteiischen Mnselligkeit gesprochen, er sei unbedacht gewesen in vielen seiner Aenßerungen, nicht wählerische in seinen Ausdrücken, habe viel gegen die Schriftsprache gefehlt. Schon fein erster Rezensent, der oben genannte Moses! Gutman, xügt an ihm „den Hochmut, womit er aus diejenigen herabblickt, welche einer anderen Richjtung Folgen als er". Er wirft ihm vor, .daß es „be!- fonders Dr. Jost ist, der doch eigenllich zuerst die Bahn jaus diesem Gebiete der Forschung in neuerer Zeit gebrochen hat, gegen welchen er seine Pfelle abtschießt". Zum Schlüsse dieser, wie wir bekennen Müssen, doch Ziemlich objektiven Besprechung wünscht Gut Man Herrn,Dr. Grätz» er möge sortfahsren, die Mrigen Telle der Mischen Geschichte Zu bearbeiten;. wir werden seine Leistungen Ms diesem Gebiete mit Freuden begrüßjeM Nur Mge er etwas Mehr Bescheidenheit lernen und die seinen Vorgängern schullige A ch t u n g und Gerechtigkeit picht (aus den Augen setzen." Dies wurde im Jahre 1855 über Gr atz geschrieben. Schon im Jahre 1862 starb dieser etwas strenge Rezensent und erlebte demnach: die Vollendung von Grätz's Ggschichtswerke picht, die erst 1876 erfolgte, da Zwischen 1874 pnd 1876 die letzten Bände erschienen, die biblische Zell enthaftend, welche dem Inhalte nach die ersten hatten sein sollen. Hätte Gut Man diese Zeit erlebt, so würde er an Grätz die Wahrheit des Wortes Lessings bestätigt gefunden haben, der da sagt: „Wir' wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein." Dieses Glück wurde deM Mischen Geschichtsschreiber zuteil. Man hat ihn viel getadelt, Mer fleißig und gern gelesen. . Selbst solche taten dies, die sich sonst wenig für Mische Literatur interessieren. Und dies Muß seinen ' Grund haben, penn „Tatsachen sprechen". Vor 30 Jahren mußte sogar Grätz eine dreibändige „Volkstümliche Geschichte" besorgen, die nichts anderes ist, .als ein Auszug ausdem großen Geschichtswer'ke. Kein jüdisches Geschichts- Werk hat eine solche Verbreitung gefunden, einige Teile erlebten 3 Auflagen, was von' einem Mischen Werke viel sagen will. Einzelne Abschnitte fanden Bearbeitung ins FraiHösische, so: ,,Les. Juifs (fEspague“ (1872),; „öinai et Golgatha“ (schon 1867). Das Werk selbst wurde ins. Französische, Englische, Hebräische übersetzt. Was' ist .es demnach, das diesem Werke, dem ja unleugbar manche Fehler anhaften, zu denen nicht äm wenigsten die Ducht gehört, neue Entdeckungen zu machen: un- . haltbare Hypothesen auszustellen,. durch pikante Zusanvmenstellungen zu frappieren, mit den Quellen es nicht ganz genau zu nehmen, Manche zu verschweigen und doch Zu benützen, wM ist es, das diesem Geschichtswerke eine so große Verbreitung, einen solchen Leserkreis aus ' allen . Schichten, kurz eine solche Volkstümlichkeit sicherte? Die Antwort ans diese Frage ist: Grätz wird nie langweilig,, er besitzt die künstlerische Gabe, immer zu fesseln, den spröden Stoff anziehend darzustellen, er besitzt die hohe Kunst, für den Gegenstand Interesse zu erwecken. So, Hanken wir ihm daß die jüdische Geschichte in den weitesten Kreisen, auch in denen der Jugend, bekannt , wurde. Das ist sein großes: sein unsterbliches Verdienst. Man wird neue Quellen für unsere Geschichte erschließen,. es werden Einzelschriften Aber gewisse Teile, der Mischen Geschichte erscheinen, das Werk von Grätz.wird, überholt, verbessert werden, teilweise geschah dies schon, über verdrängen - - wird'-es ^niemand .können/- es bleib t eine große, eine bedeutsame Leistung, ein Verdienst, das sich per seDstbewußle Meister um das Judentum erworben hat. G o e t h -e hat das Wort geprägt: „ Nur (Lumpe . sind bescheiden/" Und wenn der erste Rezensent. von Grätz Mehr „Bescheidenheit" verlangt,, so ist das', was man als solche oft bezeichnet, nichts anderes als Mangel an berechtigtem Selbstbewußtsein, dem Bewußtsein, etwas geleistet Izn -haben. Vieles und vielerlei schrieb noch Grätz: über „die Septuaginta im Talmvd", Mer „GeostizisMus und In-, dentum^. 'Er schickte seinem Lebenswerke eine philosophische „Eonstruction der (Geschichte der Juden" voran, die noch heute lesenswert ist, er beschäftigte sich mit der Massoraünd Akzentlehre, mit der Geschichte des' Karäertnms, er redigierte Mit Z. Frankl bis 1887 „Die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", aber seinen'bleibenden Ruhm hat er seiner in einer stattlichen Bändezahl vorliegenden „Geschichte der Inden" zu danken, die er beendete, nachdem er 1872 das Land der Väter - erschaut, wie einer seiner Schüler sich ausdrückt, als er „den .Jordan rauschen gehört, die schneebedeckten Gipfel des Hermon und Libanon geschaut, in den Toren Jerusalems' geweilt hatte, um feine Feder zu weihen und zu heiligen zur Darstellung der heiligen Geschichte."*) Es gehört heute, da wir soviel Weltgeschichte er-, leben, ein gewisser Mut des Idealismus dazu, auf die Gedenktage Mischer. Gelehrter' .aufmerksam zu' machen. Wir haben dies gewagt, einmal in der Ueberzeugung, daß es gut tut, Ms dieser Welt des Kampfes szn flüchten, um Mit Goethe Hu sprechen, „Patriarchenluft zu kosten", dann, well gürenken dessen, was geschehen in den Tageü ,*) Vgl. „Die jüdische Literatur. von Mendelssohn bis auf die zEegenwart" von Dr. M. -Layserling, in dem dritten Band -des Wertes von Winter nnd Wünsche (1896).