Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 38 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr- 36 Dir. Bloch's Dias Schreiben verfehlte den Eindruck iftcht. Der Kirchenfürst erwiderte, er "begrüße den Antrag und werde Zu diesem Zwecke einen Disput.anordnen. .Bald daraus versammelte der Kardinal etwa 300 Geistliche und -Theologen,- uni die Grundsätze der bei deyt Disput Au erörternden Fragen festzulegen. Eine diesbezügliche Verständigung ließ er Rabbi Löw zu- Wrinien. / . Als- Rabbi Löw die Verständigung bekam, teilte er dem Karinal durchs ein zweites Schreiben mit, daß es ihrn als einzelnen Menschen unmöglich sein werde, mit dreihundert Geistlichen zu disputieren, und er bat daher, man möge dreißig Sitzungen'für dreißig Tage bestimmen und Tag. für Tag sollen zehn Geistliche ihre Fragen und Einwendungen dem Kardinal schriftlich unterbreiten, worauf er zu ih'M kommen und dieselben schriftlich beantworten würde. Dieser Vorschlag leuchtete dem Kardinal ein und die Aussprache kam zustande. .. Auf Anordnung des Rabbi Löw wurden im Laufe der Disputtage in allen Synagogen und Bethäusern Prags bei Morgenaufbruch Gebete verrichtet, Psalmen rezitiert - und ein schweres Fasten angeordnet. 4. Der Disput. Rabbi Löw wurden mehr als hundert Fragen vorgelegt. Seine glänzenden und würdigen Ausführungen fanden Anerkennung,. Die von den Geistlichen vorgelegten Fragen und die Antworten des Rabbi Löw finden sich in einem Gedenkbuch das noch heute im Archiv des Dominikanerordens in Prag aufbewahrt ist. Von den Fragen, die behandelt wurden, sind zu erwähnen: 1. Haben die Juden nach dem Talmud zum Pessachfest Christenblut nötig? - V ■ : 2. Sind die "Juden an der Kreuzigung- Jesu Christi schuldig? 3. Ist der Jude nach denk Talmud verpflichtet, den Christen zu Hussen?. 'ri 4. Weshalb wird der getaufte Jude von seinen StaMmesgenossen verpönt? 5. Weshalb überheben.sich die Juden als „auserwähltes Volk"? Rahbi Löw antwortete: Zur ersten Frage: Der Genuß von Blut ist dem Juden nach der heiligen Schrift verböten. Der Talmud hat die Gebote Nicht aufgehoben oder erleichtert, sondern im Gegenteil verschärft. Jene Weisen, die gelehrt haben: „Wer gegen seinen- Nächsten die Hand erhebt, auch wenn er ihn nicht schlägt, ist ein Bösewicht" (Sanhedrin 58 b); „Etwas Größeres' ist die Würde des Menschen., denn um sie zu erhalten, dürfen selbst die Verbote der Thora Überschritten werden" (Berachoth 19 b) können unmöglich den Genuß des Merischenblutes gestatten, da doch das Tierblut verboten ist. Zur. zweiten Frage: . Ein König hätte einen einzigen Sohn, der in der Residenzstadt Feinde hatte, und sie-erhoben gegen ihn die Beschuldigung der. Majestätsbeleidigung. Der Königssohn wurde daher zur Verantwortung gezogen und 'kraft des'Gesetzes zum Tode -verurteilt. Der König war von der Unschuld seines Sohn^ überzeugt, überließ ihm dennoch seinem Schicksal, weil sein Sohn kein Wort zu seiner Verteidigung ergriff. Und. als die Gerichtsherren zur Vollstreckung des Todesurteils schritten, flehte , der Delinquent zu dem König, der nach Landessitte dabei anwesend war: „D,. hilf, Vater, du bist kjä yott. meiner Unschuld überzeugt, rette mich aus den. Wochenschrift Seite 631 Händen der Mordgesellen." Der Köllig schwieg jedoch. Erschaute auch An, als man seinen Sohn in feinem Namen!zum Henker führte, und er war Augenzeuge der Hinrichtung; er hinderte daran nicht. Nun, wer ist an diesem Justizmord schuldig? Me Richter, die ihn auf Grund einer durch Zeugen bekräftigten Beschuldigung verurteilten und hinrichten ließen, oder sein Vater, der König, der von der Unschuld seines Sohnes überzeugt war und dessen Wort genügt hätte, seinen Sohn zu rechtfertigen, vom Tode zu retten? Es kann kein anderer für die Hinrichtung des Königssohnes' verantwortlich gemacht werden, als der König selbst. Wer aber daran denkt, daß der Königssohn unschuldig getötet wurde, macht sich einer Majestätsbeleidigung schuldig; denn er zweifelt an die Gerechtigkeitsliebe des wahrheitssicheren Königs. Denket nach über Eure eigene Lehre: Jesus Christus ist am Kreuz gestorben, um die Menschheit zu erlösen, chre Sünden zu sühnen; er mußte einen grauenvollen Tod mit allen seinen Bitternissen und Demütigungen erleiden, um als Opfer zu seinem Vater zurückzukehren. Es mußte so sein, das lag im unerforschlichen und unfaßbaren göttlichen .Ratschluß. Er mußte also sterben. Und durch wessen Hände mußte er sterben? Durch die Hand seiner eigenen Brüder, die das Volk Gottes waren, von chm selbst so benannt. Hätten sie ihn nicht getötet, sie hätten Go'tites! Wort, Gottes Wille vereitelt. Sie mußten ihn töten. Gott wollte es so. Djas Christentum ist den Juden für die Kreuzigung Jesu nur Dank schuldig. Tenn wie hätte das Christentum Mit all seinen Grundlehren entstehen und existieren können, wenn nicht deren Stifter ein Märtyrer wäre? Die Juden. sind daher an dem 'Tode Jesu nicht schuldig und es ist eine Undankbarkeit gegen sie und eine Gottesverleugnung, wenn man für die .Kreuzigung Jesu Rache nächträgt^ " ' u Es muß noch darauf hingewiesen werden, daß'nicht die rabbinifchen Juden, die Pharisäer oder die Esfäer Jesus verurteilt und hingerichtet haben, sondern die Sadducäer, welche die Räbbinen befehdeten und zusammen mit König, Herodes zur römischen Anhängerschaft gehörten. Dies beweist die Kreuzigung, eine Todesart, die der Talmud nicht kennt, die vielmehr bei den Römern eingeführt war.*) Zur dritten Frage: Ein König hat' Beamte verschiedener Rangklassen Nach der Disziplin muß jede niedere Klasse der höheren ehrerbietig sein. Dies geschieht jedoch nicht, wenn der König zugegen ist, dem sie alle ohne Unterschied der Rangklasse die Ehre bezeugen Müssen. Wenn einer dennoch ungeachtet der Anwesenheit des Königs seinem Vorgesetzten die Ehre bezeugt, vergeht er sich gegen die Majestät des Königs. Nun, im Talmud wird wohl von Nichtjuden an manchen Stellen mit Mißachtung gesprochen. Es sind aber nur jene genannt, die nicht Gott, sondern seinen Untergeordneten, der Sonne und verschiedenen Planeten, dienen. Nicht aber Christen, die Gott dienen. Im Gegenteil. Es finden sich im Talmud selbst und in der späteren rabbinifchen Literatur viele Stellen» die geradezu die Achtung des an Gott glaubenden Nichtjuden zum Gebote machen. So heißt es: „Den Priestern gleich find die frommen Heiden, die Gott dienen" („Ofsios di Rabbi Akiba", Kap. 13, verfaßt im dritten Jahrhundert nach Christus); „Jeder Ungehörige eines Volkes das einen fittlich-rekigMen Lebenswandel führt und die *) Vgl. „Das Evangelium Matthäi vor dem Forum der Bibel und des Talmuds" von Dr. 5\. Lippe, sowie die ausgezeichnete Schrift „Morija und Golgatha" von B. Segel.