Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 37 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Blockes Wochenschrift Seite 603 löst und nichtig erklärt, und . daß seine Abfassung, Einführung und Verbreitung der Situation entsprach, in welcher die erwähnten, 'äußerlich abgesallenen, aber innerlich treugebliebenen Stamm'esgenossen sich befanden. Das ganze Jahr ging jenen Scheinchristen hin, wie es eben ging. EistgieschkumMert war das Gewissen durch das. Rauscheu und Klappern in der Tretmühle des Geschäftes und Gewerbes; man vermied wohl geflissentlich, über die große Lebenslüge, den. Zwiespalt zwischen Schein und Sein auch nur nachzudenken. Aber . es kam endlich jener Tag'.- im Jahre heran, dessen mahnende Stimme noch nie an die -Brust eines Israeliten vergebens! gepocht hat. An dem Vorabend des Versöhnungslsestes, der wohl erst damals den bezeichnenden Namen „Kol Nidre" erhielt, versam- . mellen sich jene Judenchristen entweder iM jüdischen Betlokale oder an einem geheimen Orte, uM die Feier der Versöhnung -zu begehen. Es mußte aber vorher die Zeremonie vorangehen, durch welche sie eigentlich erst die geistige Freiheit errungen, Jom-Kippur se'ern zu dürfen. Die Gesetzesrolle emporhaltend> bei geöffneter Lade, trug dann der Vorbeter die Formel des „Kol Nidre" vor, welche besagt, daß alle Gelübde, alle erzwungenen Schwüre,. alle unwahren Gelöb-- nisse, jedes geheuchelte Bekenntnis, die sie das ganze - Jahr hindurch falsch geschworen, falsch gelobt, heuchlerisch bekannt haben, daß sie das! alles aus tiefster Seele bereuen, daß sie alle aufgelöst und als nicht geschehen geachtet sein mögen. Man schuf sich solcherart die Gewissensberuhigung trotz der in der Kirche geleisteten Eide, die Jom-Kippur-Feier beginnen zu dürfen. Für sie, d'e Anussim, enthielt der Text nicht unwichtige Worte, eine leere Formel, sondern den Schrei einer zerrissenen Seele, die Tragik ihrer Lebensljüge, ihres schallerlichen Geschickes. „Kol Nidre" ist aus tiefstem Leide geboren, geschaffen? -unerträgliche - 'Ketten '/ der- - Seele - zu zersprengen,':' HerM mungen zu überwinden, die den Zutritt zu Gott hinderten. Was uns die Geschichtsdokumente übrigens verschweigen, das weiß uns die Melodie des „KolNidre" zu-erzählen. Sieiklingt.wie der Seufzer einer gefangenen Seele, die sich in Qualen windet, die nach Befreiung ringt, die in ihrer Pein in lautem Jammer aus'brecheir möchte. 'Aber sie darf es nicht; die menschliche . Matur legt ihr Schwanken auf, denn die Schergen lauem in jchdem Winkel, und wehe der Gemeinde, wenn sie entdeckt würde! Und so wird der'Schrei zum Seufzer gedämpft, zur leisen Klage, zu einem angstvollen Wimmern der vergewaltigten Seele. AM Schlüsse folgt dann die dreimalige Formel: W -2 bsmn^rr 'vb) '^2 rry bzbrbüy Die Entstehung des ,,Kol Nidre" fällt.offenbar in die Zeit der W e st g?o t h e n. Unter der Herrschaft des Römerreiches erlebte Spanien ein Zeitalter der Blüte; nie ist Spanien so bevölkert gewesen — es soll 40,000.000 Einwohner gezählt haben, Tarracona allein eine halbe Million —, nie hatten Industrie, Handel und Verkehr aus einer so höhen Stufe in Spanien gestanden, nie im ganzen Lande ein so größer Wohlstand und Reichtum geherrscht, als in dem ersten Jahrhundert der römischen Herrschaft. - - " - Jnfolgeder tragischen Vorgänge in Judäa, nach der Niederwerfung der letzten Aufstände, hat die jüdische Bevölkerung auf der Halbinsel ungemein Angenommen und nicht uninteressant ist es, wenn wir hören, daß Tarracona, dje "Heimat Trajan's)Hadrian's, .Marc Aurel's ^einmal, auch die „Judenstadt" hieß, und bei Saragossa ssgab es eine Veste Rnta al Jahud. ' - Auch die ällMälige Ausbreitung des Christentums .war für die Zustände der Juden anfänglich von keinem Nachteil. Und diese Zustände erfuhren keine Aenderung infolge der Eroberung der Halbinsel durch die Westgothen. Anfänglich herrschte der milde Arianismus«, dessen Bekenner nicht mit gehässiger Gesinnung.gegen Andersgläubige auftziutreten gewohnt waren. Die Juden Erbeuten sich politischer und bürgerlicher Gleichberechtigung, wurden zu öffentlichen Aemtern zugelassen und waren als Richter besonders beliebt, da man ihnen mehr Unparteilichkeit, und Neutralität zutraute, als den seindl'ch sich gegeniüberstehenden Romanen undWothen. Sei: 58b ■, aber gelangte der römische KatholizisirGs. zur Arleinherrr schaft und es begann zunächst die Ausrottung der Arianer, von welchen sich einzelne vor der Verfolgung sogar, durch Uebertritt zum Judentum retten!zn können glaubten. Zwischen Arianern und Juden bestanden vielfache Sympathien. Nach Vernichtung der Arianer wandte sich der religiöse Eifer gegen die Juden, für welche nunmehr eine der schauerlichsten Geschichtsperioden der Drangsalierungen einleitete. Die westgothischen Könige Rec a r e d, S i s e v u t, C h i n t i l l a wetteiferten miteinander in ausgesuchter Grausamkeit gegen sie und die Ketzer, und während der 'Regierungszeit Recenswinihs (652—72) und Wambas (672—80) waren auch die Zwangstäuflinge Gegenstand der ausgesuchtesten Verfolgungen. Nach den bet'.essenden Vorschriften in dem westgothischen Gesetz buche (ley de los Visigodos) war die Ausübung eines jüdischen Ritus mit dem Tode durch. Feuer oder Steinigung bestraft, im Begnadigungs falle mit Leibeigenschaft. Zn Vollziehern dieser Gesetze wurden überall die Geistlichen bestellt und nur im äußersten Notfälle durften Richter ohne Zuziehung der Geistlichen die Judenstrasen durchführen. Dementsprechend kann es freilich nicht auffallend erscheinen, daß andererseits der König -wiederum den korrekten G l a uch e n getaufter Judenkinder prüfen mußte. Die Täuflinge mußten die schwersten Eide leisten, nie mehr in jüdische Ketzere-en zu verfallen und über ihre Rechtgläubigkeit einen Schein ausstellen, in welchem sie erklärten, das Christentum freiwillig angenommen und der alten Ketzerei „für immer" entsagt zu haben. Die 28 Judengesetze Erwigs atmen eine bis ins Kleinlichste bohrende Rachsucht und zahllose mit lauernder Beschnüffelung durchgeführtcn Quälereien für Leib und Seele. Mit Recht sagt Montesquieu in seinem „Geiste der Gesetze" (L. 28, c. I): „Alle Grundsätze. Prinzipien und Anschauungsweisen der Inquisition verdanken wir dein Gesetzöuch-e der Westgvthen, und die Mönche hatten nichts weiter zu tun, als die früheren Beschlüsse der Bischöfe gegen die Juden zu kopieren." So. verfielen ganze Gemeinden der Zwangstause. die aber im Geheimen noch immer dem alten Giauben anhingeu, Sie obrsalNinelten sich in ihren Schlupfwinkeln, um Jom-Kippur zu feiern, und waren d a -ei von Gewiffcubedrängniffen erfüllt, daß sie durch diese Feier Mit einer schweren Sünde ihre Seele belasten, mit einem Eidbruch. Daher zuerst das ,Kol Nidre", das der Vorbeter Vorkrug, und herzzerreißend erhob sich die verhaltene Stimmb ar Gemeinde: , W'nislad). Verzeihe der ganzen Gemeinde Israels; zusammen mit dem Gar, denn dasgesamte VE handelte, im Irrtum'.... ." ' Erst nach diesen Vorbereitungen ging man zum eigentlichen Mariw-Gebete über. Tie .ältesten Autoren,, welche „Kol Nidre" erwähnen, gehören dem 8, und 9. Jahrhundert an. Der Gaou Nacronai gibt an, „Kol Nidre" werde in keiner depf-beiden Akademien (Suva und Pnmbeditha) gesagt, der Ge-