Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 33 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 53ä Nr. 33 Dir. BLsch's Stein n. D., 26. August 1910. Hochgeehrter Herr Lehr! Verleihen Sie, - Wenn ich unglücklicher Mensch Sie mit einer Bitte belästige. Mein Bruder (Moritz schrieb mir, daß Sie. hochgeehrter Herr, unbekannterweise Mitleid mit mir haben; darauf bauend, erlaube ich' mir diese Zeilen. Sie werden ja aus den Zeitungen zur Genüge meinen Prozeh kennen. Bis jetzt,- resp. April 1909, war meine Sache durch Dr. Friedrich Ellbogen vertreten. 'Leider starb dieser edle und seltene Mensch zu. meinem größten Leidwesen, und abgesehen davon, ist die letzte Und die sich meiner am meisten angenommen hat, meine teure Mutter, .im Vorjahre auch verschieden. Und nun stehe ich mutterseelenallein. Kein Mensch ninimt sich meiner an. Versetzen Sie sich, hochgeehrter Herr, in Meine Lage, wenn man sich unschuldig weih und lebenslänglichen schweren Kork.er.hat, wie es einem da zumute sein kann, und kein Lichtstrahl erhellt diese Finsternis. Mein früherer -Vertreter, Doktor Auredniczek, der jjetzt 1. Bezirk, Habsburgergasse Nr. 5, wohnt, schrieb mir schon seit Mai vorigen Jahres nicht mehr. Ich weih nicht mehr, was ich anfangen soll. Sind denn alle guten Menschen in der Welt schon g esto rb,en, dah keiner s i ch eines' unschuldigen Wesens annimmt. Ist unser großer, allmächtiger Gott nicht mehr, dah er ein solch großes, himmelschreiendes Unrecht duldet? Haben Sie, edler Mensch, ,.Erbarmen" mit mir. vielleicht gelingt es^ Ihnen, mir etwas beistehen zu wollen. Ich flehe Sie an, 'helfen Sie m,r, der alles sieht, wird Ihnen das auch lohnen. Ich habe erfahren durch andere Mitgefangene, dah sich Dr. Siegftied Türkei gern für unschuldige Menschen annimmt, vielleicht durch Ihre Fürbitte würde er meine Sachen übernehmen, vielleicht gelingt es ihm, eine Wiederaufnahme meines Prozesses zu erwirken, um dadurch meine Freiheit wieder zu erlangen. Cs ist genüg, 11 Jahre, säge elf Jähre in Kerkermauern,, des D o> l k e s halber, ohne Beweise zu schmachten, und als Opfer der damaligen Bevölkerung <jjt es genug, wenn man mich eine solche Zeit gefangenhält. Jetzt könnte die Sache doch eine andere Wendung nehmen.. ..Die aus jedem Wort des Herzbrechenden Briefes hervorleuchtende Wahrheit springt förmlich in die Augen. Aps der Geschichte des KeopoLdstädter TrmpeLs. Der Leopoldstädter Tempel, der größte Tempel in Wien, Mer dessen Brand die Tagesblätter ausführlich berichteten, wurde am 18. Mai 1859 fertig ge stellt. Wir lassen hier -aus Grund einer Arbeit des verstorbenen Archivbeamten der Wiener isr. Kultusgemeinde Sigmund H u s s e r b die wichtigsten Daten aus der Geschichte dieses monumentalen Tempels folgen: Dler Tempel in der Seitenstettengasse, bei dessen Bau leider nur das momentane Bedürfnis ins Auge gefaßt wurde, hatte sich schon bald nach seiner iM Jahre 1826 erfolgten Eröffnung als zu beschränkt und für die Zahl der Andächtigen nicht ausreichend erwiesen. Um so weniger könnte er räumlich genügen, als durch den Umschwung der allgemeinen Verhältnisse im Jahre 1848 sich die Zahl der Glaubensgenossen in Wien rasch vermehrte. ' D>re Folge war, daß man sich! aus Mangel eitles entsprechenden Gotteshauses in enge Betstuben flüchten mußte; dies wurde um so schmerzlicher empfunden, als durch die Einmischung störender Elemente, durch Herabziehung des geheiligten Zweckes zu einem Broterwerbe, der Gottesldienst nicht selten unter ganz weihemnd würdelosen Formen äbgehalten wurde. Immer mehr sprach sich daher der Wunsch .und nicht nur als StiMm'e von einzelnen, sondern allgemein entpsunden aus: M-an inläge zum iBau xinesmenen Motteshauses schpeiten. Tie Unabweisbavkeit. dieser Forderung machte sich dem damaligen Vorstände in derselben Weise geltend lvie seinem Vorgänger, der ein Menschenalter vorher zur Errichtung des- Stadttempels' aufgerusen hatte. So bemerkte Josef WertheiMer in der am 24. November 1849 stattgesilltdenen Vertretersitzung, als die Tempel- Hall angelegenheit zum erstenmal in Beratung gezogen Wochenschrift wurde: „Wir haben vor aller Welt zu betätigen, daß wir wahrhaft bestrebt sind, die Quellen der Religion und der Sittlichkeit vor dem Verfall zu bewahren." In der erwähnten Bertretersitzung, der sämtliche Vertreter: I. L. Hofmiann v. Hofmannsthai, Heinrich S ich rowsky, M. H. Werkers he im, Bernhard W e r t h e i m, Josef Werth e i M e r und Leopold von Wertheimstein, letzterer als Vorsitzender, beiwohnten, war eine Einigung, wo und in welchen Dimensionen der Bau erstehen solle, nicht zu erzielen. Auch mehrfache, diesbezüglich später gepflogene Beratungen blieben resultatlos. - Am 24. Juni 1851 beantragte Heinrich S i ch,- rowsky, das in der Leopoldstadt, Wällischgasse 569. gelegene, dem Rafael Foges gehörige Haus um den Preis von 52.000 ft. C.-W. anzukaufen. Da die Grundfläche dieses Gebäudes nach Ausmaß und Lage zu einem Tempelbau vollkommen geeignet schien, wurde per.Kauf auch am 30. d. M. abgeschlossen. Obwohl bereits am 3. Juli d. I. eme Kommission gewählt wurde, die ein Bauprogramm zu entwerfen und Vorschläge zur Geldbeschaffung erstatten sollte, wurde doch, da sich, der Bethausvorstand entschieden gegen die Erbauung eines Teuchels in der Leopoldstadt ausgesprochen hatte, die Beschlußfassung über die ganze Bausrage bis nach der in Kürze zu gewärtigenden Genehmigung des ersten Gemeindestatutes vertagt. Als diese unter dem 14.- Januar 1853, Z, 633, erfolgt und damit znM erstenmal der Bestand der Wiener KuUusgemeinde gesetzlich anerkannt worden war, beschloß der neükonstituierte Vorstand am 21. 2lpril 1852 den Bau in der Leopoldstadt zu errichten. Am 22. d. M. wurde der k. 1 n.-ö. Statthalterei die Bitte um Bewilligung zur Errichtung eines zweiten Gemeindebethauses unterbreitet. Diese forderte unter dem 17. August d. I.. Z. 28604, die 1 k. Polizeidirektion zur Aeußerung hierüber binnen drei Wochen auf. Letztere kam diesem Auftrag jedoch erst ictm 31. Oktober d. I. nach. Am Schluffe des^ an diesem Tage ad Z. 28604 erstatteten Berichtes, heißt es: . . . freilich steht zu befürchten, daß die Gründung des neuen großen Bethauses eine besondere Anziehungskraft für neue Zuwanderer in die Residenz haben und namentlich der Leopoldstadt, wo ohnehin die Taufen und andere christliche Funktionen sich bedeutend mindern, den alten Ncmren „Judenstadt" Anziehen dürfte; doch läßt es sich, wenn nun einmal die unbeschränkte Duldung der Israeliten auf hiesigem Platze sorrdauern soll, konsequenterweise nicht vermeiden, ihnen auch' die erforderliche Gelegenheit zu ihrer Religionsübung zu gestatten, was übrigens, lvie schon erwähnt wurde, in der Hauptsache und allen Folgerungen dem höheren Ermessen gehorsamst anheimgestellt wird." Statthalter.Josef Freiherr v. Eminger legte die Angelegenheit unter dem 10. Januar 1854, Z. 43.332, dem Kultusministerium zur Entscheidung vor. Gras T h u n als Chef dieser Zentralstelle genehmigte den Ban bereits mit Erlaß vom 14. Januar d. I., Z. 659. Eure am selben Tage in der „Presse" enthaltene Notiz über den beabsichtigten Tempelbau veranlaßte den Chef der Obersten Polizeibehörde, Freiherrn v. Kempen, vom Statthalter unter dem! 17„ b. M., Z. 279, eine Aeußerung Wer den Stand dieser Angelegenheit einzuholen. Nachdem letzterer am 18. d. M. ad Z. 237 berichtet hatte, daß die Genehmigung des Kultusministeriums bereits erfolgt sei. forderte ihn Freiherr von Kempen mit Erlaß vom 22. d. M. auf, „alle weiteren Verfügungen insolange zu sistieren, bis die Frage über die Besitz-- und D'omizitssähigkeit*) der Israeliten erledigt sein wird." *) Zufolge kaiserl. Entschließung vom 2. Oktober 185:» war nämlich die Besitzfähigkeit der Inden provisorisch auf den Stand vor dem 1. Jänner 1848 zurückversetzt worden.