Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 33 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 534 Dir. Blochss Wochenschrift Nr, 33 dort Zur bröMnden Decke hinaufstreift? Oder sind es seufzende Seelen? Die Seelen, die hier ihr wahres. Heim, ihre Zuflucht hier Ruhe und Frieden aus der Unrast der Woche, dem Kanchf des' Tages fanden? Ihnen voran die Seelen der Gottbegeisterten, die einst hier in diesem heiligen- Raum Gottes Wort gesprochen und gesungen zu des Höchsten Preis und Ehre? — Wir wenden uns zum Gehen. Da stehen auch andere, denen das Herz blutet, das Auge tränt. Ja,'es' ist unsere Seele, die hier trauert.' Die Seele der „Leopold stadt" weint um ihr zerstörtes Heim! — Was nun? Der heilige Schabbos vor der Tür! Der Schabbos Rausch chaudesch Elul! Die Jomism na uro im ohne Gotteshaus! Gott prüft uns schwer! Bis hier hinein reckt sich die Zerstörungswut dieser grausen Zeit! — Auch Land und Stadt senden hohe Vertreter aus die Stätte des Brandes. Teilnahmsboller Händedruck. Das Unglück schlägt Manche Brücke. Erinnert sich einer, daß dieser Judentempel als ein Mahnwort zur Versöhnlichkeit auf Wiener Boden steht? Daß der Grundstein zu diesem Wahrzeichen längst, entschwundener Blütezeit von einem und demselben Stück gebrochen äst, wie der Stein, der in den Grund der VoiiErche gelassen ist? Daß sie beide dem Oelberg entstammen, sie beide von dem-, selben Mischen Künstler an Ort und Stelle geformt und' von demselben Mischen Boten aus der.Helligen Stadt nach Wien gebracht wurden? Auch Wien trauert mit unserer Seele!- Unseren Kaiser haben wir heute hier gefeiert. Sein Lob und ein Gebet für chn, das war das Letzte, was diese stolzen Pfeller hörten, die i jetzt geborsten am Boden liegen. An.jenen edlen König Cyrus denken wir, den: unsere Väter so Diel zu danken hatten,' von dem die ersten Sätze des Esrabüches uns berichten, wie sein Machtwort den zerstörten Tenrpel in Jerusalem aus seiner Asche neu erstehen ließ, wie sein königlicher Wunsch die Judett aller-feiner Lande aufrieß zu diesem Neubau Gold und Silber beizusteuern. / Werden auch heut' unsere Brüder so rasch so Doller Eifer, Tatkraft und Opferfr eudigkeit an den Neubau unseres Tempels gehen? Das Heiligtum in Jerusalem, so erzählt der Talmud, wies zwei Kammern auf, die eine ganz besondere BesttnÄnung hatten. In die eine trug man Spenden für verschäntte Arme. Spender und Empfänger blieben unbekannt. Die andere Kammer barg Gaben für das Heiligtum. Was immer, selbst den Aermsten, frommer Sinn für Schmuck und Ausbau des Tenwels spenden hieß, es wurde dankbar angenommen, und sollte. auch nur der Erlös daraus deM heiligen Zweck gewidmet werden. Der Trieb, 'den Armen Hilfe zuzuführen, hat sich in unserem' TeMpel jederzeit — und wie zumal in diesen: Kriegs! — aufts glänzendste bekundet. Wird unserem armen Tempel nun. auch das jüdische Herz sich hilfsbereit erweisen? Wird man von ihm auch, sagen dürfen, wie einst vom Heiligtum zu Zion: Stattlicher noch' wird das neue Werk erstehn, als je das alte war? Wirb sich! auch an unfserem Gotteshaus 'bewähren das so oft vom Judentum gebrauchte Gleichnis' jenes Märchenvogels!, der strahlend neu sich, aus der Asche schwingt? Wird sich auch hier für uns der zauberkräftige „Schamir" finden, der, wie beim Bau des Königs Salonw das Sprödeste — selbst Herzenshärte! — zu bezwingen weiß? — Verzagt stand 'RoMas Volk an heimatlicher Stätte, die gallischer Siegesrausch in Schutt und. Asche gewandelt hatte. Wer Mochte in jener schweren Zeit an einen Neubau denken! Da fanden Priester des Mars dort, wo einst ihr Tempel sich! erhoben) den heiligest Stab des Romulüs, den teuersten Besitz der. Stadt. Dsts war entscheidend. Durch diesen Wink der Gottheit angefeuert, ging alles Volk, wie ein Mann geeint, begeistert an die Arbeit, den Tempel prächtiger als' einst von '.neuem' aufzuführen. . Brüder! Das Heiligste unseres Tempels) die Thorarollen, find gerettet, sind aus dem! fürchterlichen Brand erhalten! Sie sind für d i e s e s ' G 0 t t e §>' h a u s von fromMem Sinn 'gestiftet worden! Gott weist es u ns: Lasset uns' unverzüglich von neuem ihnen ihr Heim bereiten, ein Heim!, das' ihrer, dasdes alten Prachtbaues, das unser würdig ist! Bis dahin 'trauern die Seelen, die an diesem unseren:' Tempel hängen, die Seelen derer,, die waren, und derer, die noch heute leben, diese harte Zeit der Heinratlosigkeit mit uns durchleben Müssen. Unsere Seele trauert, wie der Vogel, dem. fein Nest geraubt. Gin Heopold Hilsner-Fonds. Der kaiserliche Amnestieerlaßi, der so vielen mit den schwersten Verfehlungen gegen den Bestand des Staates Belasteten die Kerkermauern öffnete, hat die Aufmerksamkeit weiter Kreise, wieder auf einen unschuldig im Kcrker Schmachtenden, das unglückliche Opfer eines Justizmordes, auf Leopold Hilsner, gelenkt, und mit hoher Spannung sieht) Man dem Erfolg der Interpellation entgegen, die auch ihm die Pforten des Kerkers öffnen will.- Die StiMMung im Mischen Publikum gelangt u. a. in den: folgenden Briefe zuM Ausdruck, den Herr Rabbiner Dr. Gr p nw ahd erhaltenund.un^-Aur Veröffentlichnüg: "sdwle' 'Iter^'därin gewünschten Sammlung übermittelt hat. . Wien, 6. August 1917. Sehr geehrter Herr Rabbiner! In der letzten Zeit ist Mir durch eine Zeitungsnotiz das Schicksal Leopold Hllsners wieder in Erinnerung gebracht worden. Ich bin nun der Ansicht, daß -gerade in der heutigen Zeit, in der vor allem soziale und Kriegsfürsorgeaktion gefördert werden, Menschenfreunde auch eines Unglücklichen gedenken sollten, der Mar wegen Mordes 'zu lebenslänglichem' Kerker verurtellt. worden ist, welcher aber niemals ausgehört hat, feine Schuldlosigkeit zu beteuern. ' Vielleicht wäre es möglich, festzustellen, ob sich etwa Angehörige Hllsners' um den Verurteilten kümmern und ob überhaupt Don irgend einer Seite etwas geschieht, nur das Dasein des' feit vielen Jahren im Kerker schmachtenden. Mannes mitunter durch! eine Kostaufbesferung erträglicher zu.gestalten. Ich! bin bereit, zunächst für den regelmäßigen Beitrag für eine Kostaüfbefferung aufzulkommen, würde ferner, wenn eine Aktion zur Erreichung der Wiederaufnahme des Verfahrens zustande käme, eine solche gern unterstützen und jetzt schon die Anregung geben, zugunsten Leopold Hi.lAners!' einen Fonds für den Fall zu bilden, daß der Verurteilte einst aus der Haft entlassen wird. Zur. Gründung dieses Fonds widme ich unter Einen: K. 200.—, welchen Betrag ich Euer Ehrwürden gleich,- In seinem Buche „Friedensministerium" veröffentlicht Herr Elias Lehr das folgende ihm zugeko'mMene Schreiben Leopold- Hllsners: