Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 33 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloeh’s ^akrgang XXXIV Zentraloroart kür die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 24. August 1917 : LrscveLnt jeden zfrettag.: e> - Brief-Adresse: Wien, II/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Unserem Tempel! — Ein Leopold Hilsner-Fonds. — Aus der Geschichte des Leopoldstädter Tempels.— Der Brand des Leopoldstädter Tempels, — Der jüdische Kongreß! — Auszeichnungen von Rabbinern. — Auszeichnungen anläßlich Kaisers Geburtstag. — Verleihung des Adelsstandes. — Weitere Auszeichnungen. — Judenverfolgungen in Rumänien. — Was geschieht mit den jüdischen Geiseln in Sibirien? — Die Kricgs-Jeschiba. — Freigabe der hebräischen Druckschriften im österreichischen Okkupationsgebiete. — Korrespondenzen: Kaisers Geburtstag. — Kaiserfeier des Vereines „Frauenhort". — Elternvereiu „Pestalozzi", Wien — Kaiserfeier. — Die Familiennamen der Juden Galiziens. — Das Testament der Schwiegermutter Dawid Kaufmanns. — Eine pflichtbewußte Gemeinde. — Triest. — Berlin. — Vermischtes. — Feuille ton: Jüdische Flieger im Kriege. — Briefkasten. — Inserate. Oü— ■ . —.-zrr^o p D. k. Postsparkassenamt . Q Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien ° II/i, Praterstraße 9. lj Telephon 45.859. <1 Q O— ■ — ■ — Oo 0(r =ÖO Vrxugsxrers für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür das Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. * Anzeigen: Die 2mal gespal» *j tene Petitze'-le 48 Heller. oO- -—4a Unserem Tempel! Am Tage des Brandes, dem Crew Rausch chaudesch Elul 5677! Ein Wort der Trauer von Rabbiner Dr. Mar Grunwald. Wie ein Vogel, dem! sein Nest geraubt, trauert unsere Seele. — ■— Erew Sch^abbos-StimMung. In. den Küchen ringsumher eifrige Hände bei der Zurüstung des Ruhetages. Aus den offenen Fenstern abgerissene Töne der vertrauten Freitagab end-Melodieu. Im Stiegenhaus die Scheuerfrau. Auf dem! Hose .Deckenklopfen. (In den Gassen festliche Stille. Es ist Kaisers Geburtstag. In blendender Augustsonne ragen stattlich die Zinnen des Teuchels. Der Prachtbau, den wir nie ohne Zärtliche Bewunderung betrachten. Neben dem Nordbahtthof. der Gipfel baulicher Zier der Leopoldstadt. In seinem- Stil eine Meisterleistuna, unerreicht weit Aber Wien hinaus. Heut' Abend wird er wieder seine mächtigen Pforten öffnen. Dichtes Gewoge wird sich! in ihn ergießen. Kopf an Kopf werden sie wieder andächtig den weihevollen Weisen lauschen, die nie altern, weil Freud und Leid der Woche immer neuen Inhalt in sie hauchen. Unsere Khillo, unsere Leopoldstadt wird dem herrlichen Bau wieder Seele, unsere Seele geben. Dg — ein Schrei! Alles stürzt ans Fenster. Aus dichtem. Rauch schlagen grelle . Feuerschwaden! Der Tempel brennt!! — Zwei Stunden später ist er leergebrannt. Die Weide , unserer Augen ein rauchender TrÜmMerhaufe! Unser Stolz ein Gewirr jaus verkohltem Holz, geschmolzenem Metall, verbogenen lEisenstangen! Doch ein Aufatmen, ein Trost. Die S'forim, die Thorarollen, das Heiligste im Heiligtum, sie sind gerettet! Gott sei gedankt! ... Als man sie, unsere heiligsten Kleinodien, Stück für Stück, geborgen in mutigem Mannesärm, wie das Kind an des Vaters Brust, aus! dem Brande tragen sah/ flüchtend aus die!m Hause, in den« sie 'nun an die sechzig Jahre friedlich ihrem heiligen Zweck gedient, — wer von uns konnte sich der Tränen verwehren? ß Und da sie nun, unversehrt in ihrem altehrwürdigen Schmuck, sichere Zuflucht gefunden, treu behütet, Rolle an Rolle aufgebährt liegen in langer Reihe, — wer je eine Gruppe unserer 'Flüchtlinge auf dem Bähnhofspflaster liegen sah, die Kinder in tiefem Erschöpfungsschlgfe, die Eltern auf armseligem Trödel wachend, in den gramdurchsurchten Zügen das graue Elend und doch einen Schimmer der Freude, dem Furchtbarsten entronnen zu sein, wer das je mitangesehen, vor dessen Geist taucht jetzt dieses Bild des .Jammers auf. Und wir gedenken vor diesen geretteten Thorarollen all des grausigen Erlebens unserer armen Brüder seit den Tagen von Kiew und Kischinew bis heute. Zu ahnen beginnen wir, was „eine zerstörte Khillo" heißt, zu ahnen, was unsere Märtyrer im Osten leibhaft erleben mußten. Das ahnen nun auch wir angesichts des flammenden Tempels, nun auch« wir flüchtig mit unserem Heiligsten, unseren Thorarollen. Und chie der Vogel, aus dem Nest gescheucht, so trauert unsere Seele.- Die Flammen sind gelöscht. Noch einmal betreten wir den Tempel. Wir nehmen Abschied. Von ihm, der, als Kunstwerk vollendet, einheitlich in seinem Stil bis in den Nagel des Leuchters an der Wand, auch uns, die große Gemeinde, zu einer Einheit verschmolzen sah, in einem Klang die Herzen stimmungsvoll erhebend' vom ersten bis zum, letzten, bald jauchzend in Festesfreude, bald klagend in Stunden traurig-ernster Weihe. Da draußen jagt und peitscht den einen gegen den anderen das unbändige „Ich". Hier beteten wir alle mit tausenden von Stimmen und doch einem Herzen, dem jüdischen Bruderherzen, als einheitsstarkes „Wir". Und nun vor uns dieses Werk der Zerstörung! Immer deutlicher fühlen wir, versunken in diesen erschütternden Anblick, unsere Seele aufgescheucht flatternd, wie des Nestes, des Heimes 'beraubt. Ist es Rauch, was