Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 32 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Nr. 32 Seite 530 Dr. Bloch,'s Mahnruf, ein bejahender Nuf froher, starker Zuversicht, das; nicht die verlogene Rassenfeindseligkeit, sondern das, was die Menschen eint, zum endlichen Siege gelangen werde. Mögen sie frivol lächeln die Berneiner, die ewig Zweifelnden, mögen sie auf die blutigen Tatsachen Hinweisen, die-wir schaudernd miterleben; die Menschen werden cs doch erkennen, daß sie „nicht mit Zu hassen, sondern mit Zu lieben da sind", und Magauch diese Ernte auf unsäglich! blutigen ,JamMerfeldern erblühen . . . Das ist's, was Rolland, der sich mit seinem Werke den Größten aller Völker Zugesellt, ausführt. Schopenhauer stellte die Werke gewisser Dichter höher, «als die von Geschichtsschreibern. Denn der Dichter läßt uns ins Hertz- und in die Seele eindringen, der Geschichtsschreiber berichtet nur. Wird man dereinstens verstehen wollen, was unsere, mit Unrecht, als dekadent Lezeichnete Welt bewegte, dann wird man Romain Rollands Werk lesest Müssen, wie man Tolstoi, Thackeray, Stendahl lesest mußt, will man beit Geist ihrer Zeiten erfassen. Zwei Bände des „Johann Christof" sind bis nun in einer Uebersetzung erschienen, wie sie eben nur Deutsche herZustellen vermögen, dieses Volk, das trotz>. allen Hasses, der ihm entgegengebrecht wird, das Volk bleibt, dem der Idealismus 'des. Weltbürgertums innewvhnt, das Volk Goethes, dieses mächtigsten aller Weltbürger. So Uiögen denn die Uebersetzer O L to un d Erna Grautoss hier neben dem Dichter genannt werden. Sie haben ein großes Werk der deutschen Allgemeinheit zugänglich gemacht. In dem unseligen Jahre 1914, da der Weltkrieg begann, erschien der I. Band unter dem TUel: „ IohannEhri st o s, K i n d e r - st n d jJ u g e n dj a h r e",*) jetzt, 1917, Zur richtigen Zeit, da dieser furchtbarste aller Kriege wohl seine Höhe schon, überschritten hat, der (FL Gand runter dem Titel: „I o ha n n C h r i sto s i u. P a r i s".**) 1360 Seiten umfassen diese beiden Bünde, cs ist. als wäre Rolland bei den Aelteren, bei den Aeltesten in die Schale gegangen/was die Länge seinE Buches betrifft, aber wieviele können sich rühmen, uns trotz solcher Ausdehnung ihrer Werke von der ersten.bis Zur letzten Seite in Spannung, nein in bis Zur Andacht gesteigerter Aufmerksamkeit in ihrem Banst gehalten Zu haben, daß wir ausrusen:' Der ist nicht wie nie anderen und sein Buchnicht wie das der anderen, hier spricht einer, dem die Gottheit selbst zugerufen: „Geh' hin und künde". — . „Johann Christof" ist kein sogenannter Entwicklungsroman. Eher könnte Man sagen, er enthält ein Stück Kulturgeschichte. Er erzählt die Geschichte eines Kraftmenschen, eines Lebensbejahers, eine^ Vollblutgeschöpfes, eines Menschen voll Wahrheit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit. Mag sein, daß sich solche Menschen gerade nicht viele Freunde erwerben. Johann Christof erwirbt sich sie auch nicht, und. wenn er sie gewonnen, stößt er sie wieder von sich er ist für das große Gelichter Zu ehrlich, Zu aufrichtig. Ein Musiker wird er, ihm aber ist diese erhabenste aller Künste mehr, als sie chren gewöhnlichen Liebhabern und AusWern zu sein pflegt. Ihm ist sie die wahre Offenbarung welche die Menschen und Völker erleuchten und vereinen soll. Johann Christof entstammt einer.Musikerfamilie, hat mit des Tages gemeiner Notdurft in seiner Kindheit und Jugend Zu Nmpfen, mstß wegen eines elenden Streit-. Handels die deutsche Heimat verlassen und flieht nach Paris. Er bleibt auch, dort ein Deutscher, wie es Börne und Heine geblieben sind. Und: dieser Krastdeutsche findet in Paris einen wahren Freund an einem schwäch-- licheu, kränklichen, die Musik schwärmerisch liebenden *) Literarische Anstalt Rütten und Loening, Frankfurt a. M. **) Der dritte Band erscheint im Herbst 1917. Dgl. auch: Otto Grantoff, „Romain Rolland, sein Werk, sein Leben". Wochenschrift Franzosen Olivier. Diese beiden symbolisieren die beiden Völker, die vereint das größte leisten könnten, während durch die Jahrhunderte sich: wie eine Schlange hinziehender Haß Ue Zum Schaden und Flüche der Menschheit entzweit. Es sind eigentlich, die Geschichten Zweier Familien, die in den beiden Bänden, wie im biblischen Parallelismus die Verstecke, nebeneinander einherlaufen, die der deutschen Krafft und der französischen Jeamin, denen Christof und Olivier an gehören und die sichi dann, wie Zwillingsströme, Zu einer Mündung verbinden. Das wird mti; hoher Kunst durchgeführt. Und nun ist es Zeit, daß wir noch ein Volk nennen, dem Rolland neben Deutschen und Franzosen eine Protagenistenrolle einräuMt. es sind die'Juden. In keinem neueren-Dichtungswerke aber, soviel auch! Richtiges oder mehr noch Unrichtiges in diesen über unser Volk gesagt wird — denn der ewige Ahasver und selbst die „Ahasvera" (siehe Hans von Kalenberg) fehlen wohl in keinem —, werden über das Wesen der jüdischen Gesellschaft, über die Charaktereigenschaften von Juden und Jüdinnen so wohl geschaute, psychologisch tief eindringende, freilich auch so gegensätzliche Beobachtungen und Betrachtungen gemacht, wie tit dieser Völkerschilderung Romain Rollands. Wir Möchten sein Werk betiteln: „Deutsche, Frantzosen und — Juden". Die verschiedenartigsten 'Judentypen ziehen in diesem Menschheitsbilde an uns vorüber. J o - chann Christof kann nicht gerade ein Judenfreund. genannt werden — Juden srenndschaft gehört nicht Zu den bezeichnenden Merkmalen der Deutschen —, und doch muß er sich sagen, daß es Zwei Juden sind, die sich des ganz. Verlassenen, da er in der Weltstadt Paris sich: vereinsamt fühlt wie in einem Dorfe seiner Heimat, annehmen, wenn auch, nicht allein aus rein menschlichen Gründen. Ich will nicht behaupten, daß die Schilderungen der Juden, wie sie Rolland darbietet, uns immer sympathischberühren. Es ist eigentlich, nur e i n e r, dessen liebevolles Wesen uns wahrhaft Zu ergreifen vermag. Das ist: jener Moochj, der in dem Völkerbünde, versinülicht durch Christof und Olivier, der dritte ist. Aber eine Charakteristik der Juden möchte ich doch hier wörtlich anführen, weil sie, vom psychologischen Standpunkt gesprochen, besonders bemerkenswert zu sein scheint. . ,Jm allgenteinen hatte Antoinette (Oliviers Schwester) unter den Juden mehr Güte gesunden als unter den eigenen Glaubestsgenossen. Sie haben zwar viele Fehler, aber sie besitzen eine gute Eigenschlaft, vielleicht die beste /von allen: sie sind lebendig, sind Menschlich; nichts an Menschliches ist ihnen fremd; sie nehmen an allem, was lebt, Anteil. Selbst wenn ihnen wahre und warme Zuneigung abgeht, behalten sie doch eine fortwährende Neugier, die sie auf der Suche nach wertvollen Seelen! und Gedanken erhält, wären diese von ihren eigenen auch nochso verschieden. Zwar tun sie im allgemeinen nicht viel, um jene Zn fördern: denn sie verfolgen Zuviele Interessen lauf einmal und hängen, trotzdem sie sich für frei halten. Mehr als irgend jemand an gesellschaftlichen Eitelkeiten. Aber immerhin, sie tun doch etwas; und das ist sehr viel bei' der .schlaffen Untätigkeit dev zeitgenössischen Gesellschaft.. Sie sind ein Gärungsstoff der Tat, ein Sauerteig des Lebens." (H., 312, 313.) Rolland versteht es, wie Man sieht, sehr wohl, psychologische Feinheiten mit bitter schmeckenden Wahrheiten Zu verbinden. Und noch: eine Parallele zwischen Christofdem deutschen Kraftmenschen, dem! Nietzscheaner, und.Olivier, dem schwächlichen, schwärmerischen Franzosen. - Christof liebt die alte Bibel, das Me Testament, ivie sie das Buch! nennen, Olivier empfindet gegen dieses eine angeborene Abneigung. Für Christof ist das alte Buch ein Stahlbad, eine Quelle auch für seine musi-