Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 32 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Btoch's Wochenschrift Seile 5:5 geh ö rtz unter ,a n 11 f e wt itis ch c n SC u s rufen t n Fetz.en zerrissen. In Kiew, Odessa und Moskau würden auf den Straßen mitten unter revolutionären Reden gegen die. Provisorische Regierung mehrfach auch regelrechte Pogromreden gehalten. In .einigen Fällen wurde festgestellt, daß diese antisemitischen Hetzredner in Wirklichkeit ehemalige Schutzleute waren, die die Unzufriedenheit zu konterrevolutionären Zwecken verwerten wollen, und alte antisemitische Hetzer, die irr den trüben Wässern auch ihre Netze zu spannen versuchen. Auch in Petersburg wurde in den blutigen Julitagen der bewaffneten Demonstrationen plötzlich das Gerücht verbreitet, daß in den'Vorstädten ein Judenpogrom Organisiert würde. Beunruhigende Nachrichten gingen auch aus Kiew und Reschiza ein. Die Provisorische 'Regierung und der Rat der Arbeiter- und Soldateudeputierten griffen überall rechtzeitig und tatkräftig eur und verhinderten Exzesse. Als aus Verordnung der Provisorischen Regierung das Hauptquartier der Bolschewiki, der Kscheschinski-iPalaft, am 18. Juli untersucht wurde, wurde unter anderen kompromittierenden Dokumenten auch ein Hansen Po graut--Literatur und Ansichtskarten lyit Schilderungen von Ritualnr o r d e n entdeckt, die von einem alten Mitarbeiter des extrem-antisemitischen „Rußkoje Snarnja", Slotnikow. versaßt sind. Die bolschewistische Presse stellte die Sache als eine Provokation.seitens ihrer Gegner dar. Die menschewistische und bürgerlich-revolutionäre Presse dagegen warnten vor den gefährlichen Elementen; die unter den Fittichen des auftührerischen Bolschewismus eine neue Zuflucht fänden. ___ Ansgestattnng des Schukwesens im otzkupierlen Seöiet. Auf eine Anfrage des k. u. k. Generalgouvernements in Lublin/wie sich der Staatsrat die Ausgestaltung des Schulwesens für die jüdische Bevölkerung denke, wurden in der letzten Sitzung folgende Beschlüsse angenommen: Erstens: Für jüdische Kinder werden, wenn eine genügende Anzahl von Anträgen seitens der Eltern gestellt wird, besondere Klassen mit Einhaltung der Sabbatfeiers eröffnet. Der Sonntag soll für den Religionsunterricht bestimmt sein. Zweitens: Cheder, Talmudthora und andere konfessionelle Schulen werden als Privatschulen angesehen, wenn obligatorischer Unterricht in Polnisch und die polnische Unterrichtssprache in Elementarfächern eingeführt und wenn diese Schulen der allgemeinen Schulaufsicht unterstellt werden. Drittens: Die Abteilung für Kultus und Unterricht beim provisorischen Staatsrat hat demnächst' Maßnahmen zur Ausbildung von jüdischen Religionsschullehrern zu treffen.. Die russischen Juden in England. Das „Hamburger FpeMdeubkatt" meldet aus dem Haag: Die 30.000 russischen Jude n, die die englische Regierung im die. englische Armee zwingen will, haben in einer Konferenz beschlossen, lieber mit ihren Familien nad> Rußland zurückzukehren und, falls die englische Regierung darauf beharrt, ihnen die Gelegenheit dazu!zu verweigern, dem englischen Dienstzwang mit p as sivem Widerstand zu begegnen. Sie haben gleichzeitig telegraphisch au die russische Regierung appelliert. Inzwischen versucht die Northclisse-Presse, dieOsteudbevölkexung zu einemähnlichen Pogrom aufzuhetzen, wie er nachudem ersten diesjährigen Luftangriff in London stattfand. Die Lage gilt als sehr gefährlich. Sie können 's nicht lassen. Nach einer Meldung der New-Iorker „Wahrheit" hatte Präsident Wilson beabsichtigt, der nach Rußland gesandten amerikanischen Kommission ein jüdisches Mitglied beizugeben. Die aus Rußland eingegangenen Nachrichten über vie Stimmung einflußreicher Volkskreise veranlaßten den Präsidenten jedoch, alsdann im Einvernehmen mit den maßgebenden jüdischen Notabeln von der Ausführung seiner Absicht, abzusehen. Die Lage der Juden in Rußland sei noch keineswegs so gesichert, daß man cs wagen dürfe, die Empfindlichkeit der judenfeindlichen Kreise herauszufordern. _ Die spanischen Inden in Serbien. Im Mar dieses Jahres war es 425 Jahre her, daß Königin Jsabella mit ihrem ^dikt vom 13. Mai 1492. alle. Juden aus Spanien verwies. Alle Gefühle der Dankbarkeit gegenüber einem zwar heterogenen Volksbestandteil, der aber znr wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Blüte Spaniens in jener Zeit viel beigetragen hatte, waren bei den spanischen Gewalthabern, die völlig unter dem verderblichen Einfluß der Inquisition standen, plötzlich verflogen. So mußten denn noch in demselben Jahre 1492 gegen 170.000 jüdische Familien, arm und verachtet und namenlosem Elend preisgegeben, Spanien Verlagen. Rührende Szenen spielten sich ab, als die des Landes verwiesenen Juden vor ihrem Scheiden aus dem ihnen zu einer zweiten Heimat gewordenen Spanien tage- und nächtelang all den Gräbern ihrer Borfahren, die glücklichere Zeiten in Spanien erlebt hatten, weinten und klagten. Und doch schieden die Juden zwar mit einer gewissen Bitternis, aber nicht mit Haß im Herzen — so ungefähr, wie man eine namenlos Geliebte tre ilos werden sieht. Tausende der unglücklichen Exulanten wandten sich nach der Türkei, speziell nach Saloniki. und auch nach Serbien, das ja damals zur Türkei gehörte. Seit dieser Zeit erhielt sich in Serbien eine spanische Kolonie mit allen Eigenheiten, die diesen sogenannten „Spagniolen" allenthalben gemein sind. Der weift dunkle Teint und die feurigen Glntangen, dabei aber eine romanische Trägheit, lassen noch heute den einstens in Spanien akkliniatisierten Südländer erraten. Im Berkehr unter sich bedienen sie sich ausschließlich einer spanischen Mundart die sich, llicht mehr bodenständig, natürlich nicht wie in Spanien entwickeln konnte, die aber zum Beispiel in den spanischen Republiken Südamerikas, deren Sprache sich ja auch nicht im gewöhnlichen Maße sortbildete, sehr wohl verstanden wird. Zur schriftlichen spanischen Verständigung dienen den Spagniolen jüdische, von rechts nach links geschriebene Zeichen. Es existiert auch eine bescheidene spagniolische Literatur und — was noch märchenhafter' änmuket, als die' durch Jahrhunderte von Generation zu Generation übertragene Sprache an sich — es kursieren noch heute unter den Spagniolen spanische Gedichte aus der Zeit vor 1492, die ohne, die Spagniolen dauernd verloren gegangen wären. Im Jahre. 1911 bereiste im Aufträge der spanischen Akademie der Wissenschaften Manuel Manrique de Lara die spagniolischen Niederlassungen in Bosnien. Serbien, Bulgarien, in der europäischen Türkei, in Kleinasien usw., um diese -Gedichte zu sammeln. Die Spagniolen separieren sich im allgemeinen nicht nur von d?r übrigen Bevölkerung und wohnen in besonderen Vierteln, sondern auch von den in spärlicher Zahl in Serbien vorhandenen Ostjuden (den deutsch-polnisch-rnssischen). Heiraten unter diesen beiden Richtungen kamen bis in die jüngste Zeit fast überhcnrpt nicht vor und gehören auch heute noch zu den größten Seltenheiten. Stolz lob' ich mir den Spanier! Nur dadurch war es möglich, durch 42l/3 Dezennien bi: völkische Eigenart so rein zu erhalten. Daß Spagniolen bald nach ihrer Vertreibung anS Spanien in Serbien und speziell in Belgrad ansässig wurden, daraus deutet ein im Jahre 1876 in Belgrad aufgeftmdener Grabstein der Familie Abrabanel ans dem 15. Jahrhundert hin. Auch Reisende des Mittelalters erwähnen das Vorhandensein einer Spagniolengemeinde in Belgrad. Bon ihren moslimischen Herren als tüchtige Kausleute und Handwerker geschätzt, teilten die Spagniolen in Serbien mit den Türken gute und böse Schicksale. Bald nachdem die Kaiserlichen Belgrad 1739 verlassen hatten, trat dort der berüchtigte Zewy Zabetai auf und brachte über die Spagniolen großes Unheil. Durch seine kabbalistische Lehre entzweite er die Geister, und zuletzt flohen seine spiritistischen Anhänger vor ihren moslimisch-christlich-jüdischen Verfolgern in die nahen Hohlen, wo sie mit Exorzismen, Geißelungen usw. ihre Zeit vergeudeten. In jener Epoche des „falschen Messias" erschienen der „Bäl-chem-tov" und ähnliche mystische Werke in unzähligen Auslagen. Nur allmählich reinigten die dem positiven Judentum huldigenden Rabbiner Taitazak, Pnito, Finzi. Sasson. Pereira, Calderon, Alkalai und andere die Lust und stellten den Frieden in der ja auch materiell stark zerrütteten Gemeinde wieder her. Einzelne Familien gelängten sogar zu solchem Ansehen und Wohlstand, daß sie während der serbischen Freiheitskämpse der nationalen Sache durch die Beschaffung von Waffen und Mu. itjon ans Oesterreich gute Dienste leisten konnten. Fürst Milos appellierte oft an den Patriotismus der Familien Taitazak, Kumapromovic. Celebonnovic, Davico Kohen und die nach Wien übersiedelten Familien Adutt, Fcrrchi, Rnsso und andere betätigen auch dort ihr Interesse für Serbien, indem sie sein kaufmännisches Ansehen mehrten und seinen Produkten neue Absatzwege im Westen eröffneten.