Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 32 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Seite 519 Dr. Blpch's Wochenschrift Während das Westjudentum lediglich! auf Grund eines gedanklichen Prozesses seines Volkstums bewußt geworden ist und hiedurch ün deutlichen Gegensätze zum Ostjudentum steht, das unbeWmmert um äußere Einflüsse, gern auf der Religion aufgebautes und in derselben.wurzelndes Volkstum bewahrt hat, stellt die Bukowina — infolge ihres Völkerkonglomerates Klein-Oesterreich genannt — durch die Eigenart ihrer jüdischen Bewohner, einen besonderen Typus der österreichischen Judenheit dar'. Nicht die Volksgruppe in territorialer Beziehung allein bewirkt den Unterschied, es gibt eine Reihe politischer,, kultureller und wirtschaftlicher Momente, die die Bukowinaer Juden weder dem östlichen noch dem westlichen Judentum Zuzählen läßt. Der Umstand, daß Galizien dazwischen liegt, Macht den Unterschied noch merklicher. Die historische Entwicklung des Landes wies den Juden eine besondere Aufgabe zu. Die Bukowina erschien bei Besetzung! durchs Oesterreich lediglich dazu bestimmt, eine Verbindung Galiziens Mit Siebenbürgen herzustellen. Sie hat aber noch eine ganz andere Mission erfüllt: die Bukowina wurde zu einer Oase westlicher Kultur in Halbasiatischen Ländern und die Kulturträger^) waren vornehmlich Juden des Landes. Was aber ihr eigenes Volkstum aNbetrifst, fiitb die Juden der Bukowina zwischen Ostt- und WestjuderrtuM stecken geblieben. Keine Spur von jenem östlichen Judentum, wie es in Galizien pulsiert und zum unversiegbaren Ouell jüdischen Lebens für die ganze Welt geworden ifV Der orthodoxe Jude, der seine Tracht und Speisegesetze wie ein Heiligtum' wahrt, ist in der Bukowina ein ganz anderer Mann als im Nachibarlande. Eine halbe Stunde Wegs von der blühenden Landeshauptstadt Czernowitz entfernt, liegt das armselige Nest Sgdagora. Hier inmitten verfallener Hütten, die „Klaus" und die „Burg des Wunderrabbi" dort, unweit des Prachtbauds der griechisch-orientalischen erzbischöflichen Residenz, eine de u t sch e Universität! In diesem Gegensätze liegt der Anfang der Entwicklung. Der Jude der Bukowina hat neben westlicher Kultur einen Spiegel des östlichen Volkstums vor sich, auch ist er kein Westjude im landläufigen Sinne, weil jene geistigen Reflexionen, wie sie die antisemitische Umgebung im Westen hervorgebracht, hier von vornherein weg sielen, anderseits aber auch kein Ostjude, weil in religiöser' Beziehung der Werdegang ein anderer war und die Macht der Rabbiner, die übrigens in der Bukowina fortschrittlicher waren, eine sehr beschränkte bliebt Bukowinaer Juden und Galizianer Juden, jener Welttypus der östlichen Stammesgenofsen in unserer Monarchie, sind tatsächlich grundverschieden voneinander. Auchdie Mehrheit der Bukowinaer eingewanderten Juden hat mit der traditionellen Tracht und anderem Beiwerk der Orthodoxen bald gebrochen. Der Kampf dieser mit den „Modernen", der zur Spaltung der größten Kultusgemeinde einst führte, hat — wie bereits geschildert — mit einem Siege der Muttergemeinde - geendet, die orthodoxe Gemeinde verschwand und chassidistifche. und orthodoxe Vertreter, von denen viele die Sabbatmütze wohlverwahrt zu Hause hielten, sind bloß als Experten für rituelle Institutionen beibehalten worden. Es sind die letzten Mohikaner einer abgestorbenen Richtung, deren Söhne und Enkel die Gymnasien und die Universität des Landes füllen, und die selbst, auch bei festlichen Gelegenheiten, außerhalb der Synagoge, die; traditionelle Tracht mit moderner Kleidung vertauschten, und nach Sadagora, Wiznitz oder Bojan, den Sitzen von Rabbinaten, noch, gravitierten — aus Pietät. Dieser „Ostjude" ist ein anderer, als der aus Galizien itnb *) Die meisten städtischen Neueinrichtungen sind den Juden zu verdanken. Ein kleines Beispiel: Die erste Stadtuhr von Czernowitz ist! ein Geschenk der Czernowitzer Judengemeinde. Sie ist von den „Äeltesten der Judengemeinde" um 100 Dukaten angeschafft worden. (K. u. k, Kriegsarchiv, Hofkriegsratsakten 1782-13-144. Zieglauer). aus Rußland eingewanderte Menschenschlag, der um die Rabbihöfe sich später gelagert hat und die Verwechslung mit den echten Ostjuden mächtig förderte- Trotzdem, so Merkwürdig es klingt,' trat uns seit jeher ein kräftigerer Nationalismus der Bukowinaer Juden entgegen, der dem Lande einst ein eigenartiges Gepräge ausgedrückt und bei antisemitischen Schriftstellern wiederholt das spöttische Epitheton „Klein-Jerusalem amPruth" oder „Jüdisches Eldorado Oesterreichs" eingetragen hat. Dieser Nationalismus der Juden im Buchenkande ist nicht auf religiöser Grundlage, wie zumeist bei den galizischen, aufgebaut. Die Bukowinaer Juden haben sich stets weniger um die Synagogen und Ritualbäder gelümmert, als um den ihnen gebührenden politischen Einfluß im Lande. Die Juden fühlten sich als Autochith'one des Landes und betonten ihr Recht, national, gleich den anderen Völkerschaften, dort sich ausleben zu Wunen. Ihre Gleichwertigkeit war in der Bukowina, besonders seit der konstitutionellen Aera, von vornherein selbstverständlich-. Und so konnte es kommen, daß, während im -übrigen Oesterreich noch zaghaft der Ruf nach jüdischer Realpolitik in verschwommenen theoretischen Aufsätzen vorbereitet wurde, im Kronlande Bukowina, an der Grenze von Rußland, Rumänien und Sieben--' bürgen, bereits jüdische Realpolitik längst in die Tat umgesetzt war. In allen öffentlichen Körperschaften begegnete man einer erheblichen Anzahl jüdischer Vertreter, die dem Lande sehr nützlich waren. Im österreichischen Parlament saß seit jeher als Abgeordneter der Landeshauptstadt ein Jude. Auch in den österreichischen Delegationen erschien einmal ein Bukowinaer jüdischer Vertreter. Auf dem Bürgermeisterstuhl der Landeshauptstadt saß nach demnationalen Schlüssel schon zweimal ein Jude. Der letzte jüdische Bürgermeister, Dr. Salo. von Weisselb er ge r, der von den Russen als Geisel weggeführt worden war, ist wegen seines Opfermutes für die gesamte Bevölkerung, nach seiner Rückkehr aus Sibirien, in den Adelsstand erhoben worden?) Im Landtage, Stadt- und Gemeinderate, in der Handelskammer waren die Juden entsprechend vertreten. Als vor Jahren der Gemeinderat von Czernowitz daran ging, denr Beispiel des österreichischen Parlamentes nachzueifern, und den Versuch wagen wollte, als erste Stadt der Monarchie eine Gemeindewahtreform auf Basis des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes zu beschließen, ist für die Juden ein Zugeständnis erfolgt — es blieb allerdings beim -Entwurf, aber nicht wegen des Zugeständnisses —, das als erstes in Oesterreich erschien. Die Wahlbezirkseinteilung wies nämlich die Nationen in folgender Reihenfolge aus: Juden, Deutsche, Rumänen, Ruthenen, Polen. Die Juden ihrer Zahl nach in den einzelnen Bezirken voll berücksichtigt. Nicht bloß in politischer Beziehung liegt der Unterschied. Das Hauptgewicht ist auf den kulturellen Wert der Bukowinaer Juden zu legen, der es bewirkt hat, daß sie mit der Zeit ein Maßgebender und gleichpiertiger poetischer Faktor des Landes wurden. Während die Polonisierung der Juden Galiziens naturgemäß Hand in Hand mit der Zurückdrängung des. ^Deutschtums in jenem Lande ging, sind, trotz starker Assimilierung, die jüdischen Polen zu keiner Gleichwertigkeit' gegenüber der herrschenden Nation gelangt. D>ie Reaktion kam: eine kräftige jüdische'Volksbewegung, deren Entfaltung jedoch niedergehalten geworden ist. Ganz anders war die Entwicklung in der Bukowina. Hier standen die Juden aus seiten der deutschen Minorität. Eine herrschende 2) Bgl. „Die Juden der Bukowina" von Dr. S. K a s ftner („Jüdisches Archiv", Lfg. 6 und 7: Oktober 1916 im Verlage von R. Löwit, Wien), sowie den Aufsatz „Jüd. Äriegsbildchen aus der Bukowina" („Jüd. Zeitung", Wien, 6. April 1917).