Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 32 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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£eiie 520 ' Ar. Büojchfs MochssNschrist Nr. 32 Nation gibt es nicht. Der vorwiegend) noch deutsche Charakter des Landes' ist ein Werk der Juden. Sie stellen das -. größte Kontmgerrt der SchUer^ahl in den deutschen VoM- und Mittelschulen^) und der Hörer der im Jahre 1875 gegründeten deutschen Universität.^) Dlie Zusicherung der Gestattung der Nationalitätsklausel im.statistischen Ausweise des Rektorares der Franz isoo-Josefina war vor.Jahren als 'bescheidener Ansatz die erste Errungenschaft der jüdischen Studenten Oesterreichs. . Die Inder: als Knlturträgerö) der Bukowina sind ein besonderes Kapitel der Landesgeschichte. Die gesamte deutsche Presse des Landes ist von Juden -geschaffen worden. Das deutsche Theater ist zumeist von Juden besucht. Tie Juden haben so die Bukowina zu jener Kulturoase geumcht. die stets die Verwunderung der Fremden hervorruft.- Als Vernarbe Lazare vor Jahren Czernowitz. betrat. schlug er erstaunt die Hände zusammen. Er weilte zuvor ir: den Nachbarländern. Nun kam er nach „Klein- Wien", wie Czernowitz oft gienannt wird. „Wer ist's. der diesen Unterschied hervorgebracht?" fragte er, und von einem Nichtjuden erhielt er /die Antwort: die Juden! Während der Kriegszeit haben Aage Madelung uitd viele andere Kriegsberichterstatter die Bukowina als Vorposten des Deutschjtums an der Dreistaatenecke bewundert. Nichtsdestoweniger sind die, Juden in der Bukowina keine Deutschen und wollen es auch nicht sein. Deutsche und Juden sind Svrachgenossen in der Bukowina. In politischer und nationaler Beziehung führen sie eine Sonderexistenz, Das ZeiUruM der Deutschen ist das b) Im Jahre 1908 hat die älteste Mittelschule der Bukowina, das k. k. erste deutsche Staatsgynmasium in Czernowitz, ihren hudertjahrigen Bestand gefeiert. Aus her Iubiläumsschrist mögen einige statistische Bemerkungen Platz finden, um den großen Einfluß der Juden auf Bildung'und Kultur in der Bukowina erkennen zu lassen: Im Schuljahre 1808/9 gab es 17 Schüler, davon waren 7 Deutsche, 2 Rumänen, "3 Ruthenen, 5 Polen und keine Juden. 1820/21 war die Schülerzahl 239, darunter 64 Deutsche, 60 Rumänen, 39 RuHenen, 76 Polen und 1 Jude (unter den Deutschen). 1845/46 waren von den 343 Schülern: 58 Deutsche, 116 Rumänen, 80 Ruthenen, 89 Polen und 10 Juden (unter den Deutschen). 1865/66 waren von 556 Schülern: 162 Deutsche, 118 Rumänen, 177 Ruthenen, 88 Polen, unter den 162 Deutschen befanden sich bereits 100 Juden. 1885/86 waren von 721 Schülern: 380 Deutsche, 128 Rumänen, 107 Ruthenen, 100 Polen, 8 andere, unter den 380 Deutschen waren 314 Juden. IM Schuljahr 1905/06 betrug die Anzahl der Schüler 1100, darunter 870 Deutsche, von diesen'Deutschen waren 664 Juden. >Jm Jubiläumsschuljahr 1908 waren 801 Schüler. Davon waren 702 Deutsche, darunter 5 2 8 I u d e n. — In der Folge hat die Nationalisierung der Schulen begonnen. Die vollständige Lösung dieses verworrenen wielsprachigen Schulproblems hat der Weli> krieg unterbrochen. ' *) Rector magnificus ist zurzeit Dr. Cäsar Pomeranzi, ein Jude. 5) Die Bukowinaer Judenschaft hat sehr begabte Schriftsteller und Journalisten hervorgebracht, von denen auch jetzt einige in führenden Wien,er Blättern und in reichsdeutschen Zeitungen angesehene Stellungen bekleiden. Der bedeutendste unter ihnen war Karl Emil Franzos, der seine Heimat bis zum letzten Atemzuge geliebt hat. Ein .Gespräch mit Mommsen, das In der „Neuen Freien Presse" publiziert war, wurde ihm mit Anrecht übel vermerkt. Der leider früh verstorbene Leo Eber mann, der Dichter der „Athenerin" — im Burgtheater mit Erfolg ausgesührt — war ein Bukowinaer Jude. Von den gegenwärtigen bekannten Schriftstellern, die aus der Bukowina stammen, seien erwähnt Adolf G e Iber, der auch als Shakespeareforscher einen glanzvollen Namen sich erworben hat, und Friedrich Leiter (volkswirtschaftlicher Redakteur des „Neuen Wiener Tagblatt" und Herausgeber der „Oesterr. Konsularkorrespondenz"). Der vielgelesene Schriftsteller Marco Bro einer hat in der Bukowina gelebt und während seiner Jugendzeit dort eine zweite Heimat gefunden. Noch viele andere nanchaste Publizisten und Journalisten sind in der Wukowina M Hause. In sehr vielen Wiener Blättern, wie auch in Berlin und Budapest, sind Juden aus der Bukowina tätig. Auch die heimatliche Presse hat in -den letzten Jahren 'unter jüdischer Leitung einen ungeahnten Aufschwung genommen. Es sei noch erwähnt, daß einige sehr erfolgreiche Kriegsberichterstatter großer Blätter gleichfalls Juden aus der Bukowina sind. „D e u t s ch e Haus". Die Juden haben ihr „I ü d i sch e s Haus", eine Toynbeehälle usw. Die Juden der .Bukowina unterschieden sich auch wirtschaftlich in: günstigen Sinne von den Volksgenossen im Nachtzarlan.de, Es gab einen ausgedehnten jüd i scheu Großgrundbesitz, in: Lande, der Vertreter in den Landtag entsandte, und einet: kräftigen Mittelstand. Die zahlreichen sogenannten „Lustmenschen", die infolge der antisemitischen Hochflut in den Nachbarländern der Bukowina nach und' nach zuströmten, verändertet: allerdings die Lage sehr nachteilig.- Tie Bukowinaer Juden legten stets darauf Gewicht, mit allen Nationen des Landes friedlich und geeint zu wirken, wobei das Prinzip der nationalen Gleichwertigkeit^) zur Anerkennung gebracht wurde. Auf allen 'Gebieten. Schon äußerlich ist es bemerkbar: irebei: einer Heinegasse und Karl Emil Franzosgasse gibt es verschiedene Gässeubezeichitruirget: nach bekannten nationalen jüdischen Führern und noch vor mehr als 10 Jahren ist der alte Markt in der Jndenstadt Mer einstinÄnigen Beschluß des Gemeinderates von Czernowitz, „Theodor Herzl-Platz" benannt .worden. ✓ Das sind die Juden des Landes, nach dessen, endgültigen Besitz hie Feinde streben. Die Sehnsucht dieser Juden aber geht nach Retablierung der öi st erreich i> schen Verwaltung. Der Krieg hat in politischer und wirtschaftlicher Beziehung das schöne Land aufgewühlt, die Stellung der Zuden, die als Flüchtlinge?) Haus und Hof verlassen müßten, hat sehr gelitten. .Nach den:. 6) Bemerkenswert ist, daß im Gegensätze zu Galizien zwischen ■ Juden und Polen in der Bukowina außerordentlich gute Beziehungen bestanden.. Die. Polen als Minorität erfreuten sich mit Hilfe der Juden und übrigen Völker aller nationalen Begünstigungen, die sie forderten. Auch zwischen den Juden und Ruth e n e n sowie den Ru m ä n e n des Landes hat das beste Einvernehmen geherrscht. Zeitweilige Verstimmungen einzelner Führer haben aus die, Völker geringen Einfluß ausüben können. Von wie. größer'Bedeutung' die Juden für die Machtstellung des Deutschtums in der Bukowina waren, ,ist bereits oben gesprochen worden. —- Wie herzlich das Verhältnis zwischen den. Gebirgsbewohnern und Juden ist, geht aus folgender Einrichtung hervor: Bei den Huzulen besteht das Institut der sog. „hodowanci". Alte, familienlose Huzulen nehmen wohlhabende Wirte an Sohnesstatt, mit der Verpflichtung, die Adoptiveltern bis zuM Tode zu pflegen und standesgemäß zu beerdigen, wofür ihnen das Vermögen gufällt. Zumeist werden Juden als „hodowanci" genommen, weil die Huzulen von ihnen voraussetzen, daß sie die übernommenen Verpflichtungen einhalten. Die * * Adoptierten sprechen sich gegenseitigmit „Väterchen",'„Mütterchen" und „Söhnchen." an. (,;Die Huzulen*" von R. F. Kain d l). 7) Für die Flüchtlinge ist in Wien die „Zentralstelle der Flüchtlingsfürsorge" (2. Bezirk, Zirkusgasse 5) geschaffen worden, die unter Leitung des Wiener Gemeinderates und Kultusvorstehers Dr. Schwarz- Hi Her steht. Die Flüchtlinge erhielten die staatliche Unterstützung durch Aufnahme und Verpflegung in Flüchtlingslagern oder durch Auszahlung von täglichen Beiträgen in bestimmten .Flüchtlings ge m e in d e n. Für Israeliten waren bestimmt: die Läger in Pohrlih, Nikolsburg und Gaya (Mähren), Deutschbrod (Böhmen) und eine Reihe von Flüchtlingsgemeinden in Steiermark, Böhmen, Mähren, Oberösterreich, Schlesien und Salzburg; für sozial Höherstehende Budweis und Reichenberg - (Böhmen). Im Bukowinaer Beiblatt der Prager „Bohemia" vom 28. Februar 1917 ist ,folgende ^A-eußerung ,'des /Referenten (der Statthalterei) für Flüchtlingsangelegenheiten in Böhmen reproduziert: „Zwischen den Flüchtlingen aus Galizien und denen aus der Bukowina besteht ein Unterschied, der unmöglich übersehen werden kann. Auch wir haben diesen Unterschied sofort erfaßt. Die Bukbwinaer sind Leute von außerordentlicher Intelligenz und Bildung. Sie haben die Kultur des Westens; sie haben eine .intensive ■ Vertretung uns gegenüber. Für alle Flüchtlingsgebiete in Böhmen Haben sie ihre Delegierten, die die Ortschaften bereisen, die Flüchtlinge nach ihren Wünschen und Begehren fragen, alle Mängel und Defekte aufdecken und überall zu helfen suchen." Diese intensive Vertretung besorgt das „FürsorgeköMite e der Bukowinaer Flüchtlinge" (9. Bez., Schwarzspanierstraße 15, und ,1. Vez., Elisabethstraße 26). Die „Neue Jll. Zeitung" vom 22. Juli 1916 berichtet über dessen Gründung: Im Sommer 1914 wurde es über Initiative der Betroffenen selbst ins Leben gerufen. Die Abgeordneten und sonstigen Mandatare aller Nationen der Bukowina beteiligten sich an der Hilfsaktion.