Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 30 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Seit« 487 Dr. Bkpch's Wochenschrift Juden, die nicht in die englische Armee eintreten wollten, sollten nach neutralen Staaten auswandern dürfen. Auch im Oberhause kam es zu §üner;lebhaften Debatte, an dar Lord-Russell teinahm und in tiefer Erregung' erklärte der warmherzige Lord Lorebur n, ddr'schon oft für den Friedensgedanken tapfer eingetreten ist 7 „Wenn ich ein'-Jude wäre oder auch nur einen Tröpfen jüdischen Blutes in meinen Adern hätte, ließe ich Mir eher die Hand äbhauen, als daß ich diesen armen-Leuten sagte, sie würden nach Rußland zurückgeschickt, falls sie nicht der britischen Armee beiträten." Es ist eben nicht dasselbe, ob man in England aufwuchs und erzogen wurde, oder nur eingewandert ist. Schließlich wurden die jungen russischen Juden des Ostend durch Maueranschläge und sonstige Reklame aufgefordert, einer russische „Freiwilligen-Legion" im Anschluß an das englische Heer zu bilden. Eige jüdische Zeitung, „The Jewish Tribüne", und das jüdische Wochenblatt „The Jewish Voice" betrieben eine ausgiebige Propaganda. -Da der Druck von seiten der Regierung nicht .nachlreß, zogen es Manche Eingewanderte vor, das „Asylland"' zu verlassen und > Zuflucht vor dem Dienstzwang in neutralen Staaten zu suchen, was nunmehr unmöglich ist. Alle Übrigen Mußten sich dazu verstehen, in das „russische Freiwilligenkorps in England" einzutreten, das sich seitdem vielfach bewährt haben soll. Zirr Hage der Jude» in Galizien. - Sehr geehrter Herr Doktor! Was Sie gewißinteressieren dürste, ist doch wohl, Näheres Der die Lage der so hartgeprüften jüdischen Bevölkerung des Landes sowie über das allenfalls ii:- nerhalb derselben und für dieselbe — im Laufe der drei Kriegsjahre — Geschehene zu erfahren. Nun, vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, fällt einem irr erster Reihe der Zustand der meisten in den Städten und Städtchen 'befindlichen recht zahlreichen Judengememden auf.- Die mit Vorbedacht und mit recht übel angewandtem Weiß durch die Russen in Brand gesteckten Judenhäüser gehen in die vielen Tausenden. Diese Brände entstanden nämlich zumeist in solchen Ortschaften, wo überhaupt keine Kämpfe stattfänden oder waren jedenfalls nicht die Folge der Geschosse. (Sieniawa, Lubaczow, Dembiea, Janow, Belz, Radymno usw.) Selbst in größeren Städten fielen vorzugsweise jüdische Häuser der Barbarei des Hasses zum Opfer (Dgohobyoz usw.), von der Inneneinrichtung zu schweigen. Die in der Hast der Flucht zurückgelassenen Mobilien — nicht selten auch die der Zurückgebliebenen — wurden noch zahlreicher geraubt. Die Beteiligung an dieser EnteignungstäUgkei. war jedoch. eine allgemeinere. Die Hefe des Voltes, zum Teil auch irregeführte oder besitzlüsterne Bauernschaft der Umgebung, raubte während der Verwirrung eifrig mit. ' / . Allein trotz der zahlreichen Schäden, trotz der Erschütterung, bezw. Zerstörung der wirtschaftlichen Lage der dadurch, betroffenen, in die Zehntausende gehenden jüdischen Bevölkerung» ist bis nun eine aufbauende Tätigkeit, die aufrichtende Tat ausgeblieben. Die Aktion des Wiederaufbaues Galiziens hat sich, bis jetzt nur s p ä r - liH Der die Grenzen der Landwirtschaft ausgedehnt. Allein auch da pflegen die ausgeworfenen Beträge in dev Hohe von etwa/ 600'Kronen, welche noch dazu zumeist nur in geliefertem! Material bestehen/ (bei den auch hier sehr gestiegenen Löhnen, kaum hinzureichen, '.um auch nur die vier Wände eines Wohnzimmers - zu überdachen und selbiges auch nur notdürftig einzurichten. SDie Auskunft, die Abbrändler außerhalb der Stadt in einer Baracke — ohne jede sonstige regelmäßige Unterstützung — unterzubringen, ist als verfehlt zu betrachten. (Lubaczow usw.) Das im Wege der Selbsthilfe auf philanthropischer Basis Geleistete ist nicht befriedigend. Den eigentümlichen tatsächlich herrschenden konfessionell-politischen Verhältnissen .Rechnung tragend, müßte die „Israelitische Allianz in Wien" eine recht rege Rettungsaktion anregen und entwickeln. Allein die zwei Millionen Kronen ungefähr, welche — wie aus dem jüngst erschienenen Jahresbericht der „Israelitischen Allianz" ersichtlich ist — für obigen Zweck lausgeworfen wurden, zum allergrößtere Teile von -amerikanischen Juden gespendete Gelder, reichten kaum hin, um! in manchen Fällen über die augenblickliche Not hinwegzuhelfen. Existenzen wurden hiedurch nur selten aufgerichtet. Dü Hilfe war ja nur philanthropisch, aber nicht sozial. Diese Wohltätigkeit, ausgeübt durch zahlreiche lokale Rettungskomitees, war ja eben — sagen wir leider — nur für den Augenblick berechnet. Um Großes zu schaffen, um Bleibendes zu gründen, waren eben die einem Privatverein durch die vorwiegend ausländische Herzensgute zur Verfügung gestellten Gelder bei weitem nicht hinreichend genug. Und doch wären und sind noch immer entsprechend bemessene D a rlehen das einzige Mittel, um Existenzen zu erhalten und ausznrichten. Entsprechend der Kreditwürdigkeit, welche von der ehemaligen Vermögenslage und vom Charakter des Ankeihewerbers in erster Reihe abhängig gemacht werden müßte, sollten die erforderlichen Minimakbeträge leihweise ausgegeben werden. Die Erfahrungen, welch,e mit der Vertcauenswürdigkeit und der Verläßlichkeit der ein Darlehen ansprechenkden Handwerker- und Kleinhändlerkreise die Jen noch in Friedenszeiten gemacht hat, sollten ermutigend wirken. Leider sind infolge des Krieges manche bereits bestandenen Jcakomitees der Untätigkeit verfallen und noch nicht zu neuem Leben auferstanden. Allein selbst, wenn hier alles wie normal funktionieren würde, wäre dieses vereinzelte, mit beschränkten Mitteln unternommene Hilfswerk lange noch unzureichend, um auch nur einen ansehnlich,en Teil der sozialen und ökonomischen Not zu bezwingen. Bei dieser Beurteilung pars gewiß die getäuschte Erwartung nicht unterdrückt werden, daß die führenden Kreise das Verständnis hiesür aufbringen werden, um selbst dieses, der privaten Initiative entspringende soziale Hilfswerk im Rahmen des Möglichen aus inländischen Mitteln weiter auszugestalten. Die jüdischen Abgeordneten, welche im Reichsrate und Landtag .tatsächlich das jüdische Element vertreten und eigentlich als solche — trotz ihrer formellen Klubzngehörigkeit — von Freund und Feind angesehen werden, wie die Vorstände der diversen Kultusgemeinden haben sich, bis nun zu einer sichtbaren Tat noch nicht aufgerafst. Die von Zeit zu Zeit etwa stattfindenden Beratungen halten sich allzusehr im Banne des rein Politischen, ohne zu bedenken, daß primuM vivere. Den Mischen Kriegsbeschädigten darf die Hilfe unter keinen Umständen voremhalten, und zwar muß sie ihnen bedingungslos zuteil werden. Entsprechend begründete und formulierte Denkschriften und Interpellationen würden ihr Ziel gewiß nicht verfehlen. Aber gerade hier merkt man die Unzulänglichkeit und das Unbefriedigende der in dieser Hinsicht bereits getroffenen Vorbereitungen. Wer soll die Grundlage liefern? Ohne (Statistik, (ohne genaue statistische Daten keinen Schritt, so betrübend, so beschämend es ist. Für die Entwerfung eines Bildes der Zustände (in allen materiellen und geistigen Richtungen) innerhalb der galizjschen Judenheit sind bis nun die nötigen einzelnen Züge und Erscheinungen nicht gesammelt worden. Nicht um Eindrücke handelt es sich hier. Solche sind von .be-