Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 30 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022248-3022279--26185-3051530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Serie 486 Dir. BchH's Wochenschrift Nr. 30 organ, wie .die „Times", und zahlreiche andere Blätter, sogar, ein Organ der Gebildeten, wie die. Wochenschrift „The Nation", gaben sich« rückhaltlos dazu her, seine Anschauungen zu verbreiten —/daß die. Juden für Rußland einen Kr^sschahen bedeuten und daß sie nach Beendigung: des gegenwärtigen Krieges nichts Vernünftigeres tun könnten, als Mt Kind und Kegel nach Onkel Sams Lande auszuwandern. Oder aber, erklärt Graham mit zynischer Dreistigkeit, wenn es nicht alle nach Amerika zöge, stünde ihnen ja noch Palästina zur Verfügung, von dem man unbedingt glaube, daß es nach, Zertrümmerung der TKrkenherrschaft Großbritannien oder eineranderen EntenteMachit-zufallen müßch. Gegen diesen Klüngel lief Zangwill Sturm!, mit dem Erfolge, daß man ihn einen schlechten Patrioten und einen „alten Jew" schalt. Denn ein loyaler Engländer dürfe grundsätzlich die Nachrichten über die Mißhandlungen der Juden in!Rußjland nicht glauben, es wären nur plumpe Erfindungen der „deutschen Intriganten" gewesen, und den .Kabour Leader", das Blatt der „Unabhängigen Arbeiterpartei", das sie systematisch, veröffentliche, hätte man von Rechts wegen schon längst in Grund und Boden stampfen sollen! , Recht bezeichnend ist auch die Art und Weise gewisser englischer Tagesblätter im Zusammenhang mit der Jüdenfrage. So erschienen zahlreiche Schmähartikel gegen die Juden Deutschlands, wefl sie in Hervorragender Weise sich an der Zeichnung der deutschen Kriegs anleih en beteiligten und auch sonst durchwegs als deutsche Patrioten auftraten. (!) Besonders die famose „Morning Post" hat sich über diese Tatsachen-nicht genug gallig äußern können, obzwar ihr der „Jewish Chronicle", das bekannte Hauptorgan der englischen Juden, immer wieder entgegenhielt, es fei doch Pflicht der deutschen Juden, ebenso wie der englischen, ihr Land zu unterstützen. Dagegen mutet es stets recht komisch an, wrc diese seDen englischen Blätter im gleichen Atemzuge sich, der Juden Palästinas auf das wärmste annehmen, Mer deren Unterdrückung durch die Türken ohne Unterlaß die entsetzlichen Schauerberichte veröffentlicht werden. — So sieht die Judenfreundlichkeit Englands in Wirklichkeit aus. . III. Wie sehr der/ Antisemitismus in England während des Krieges gewachsen ist und welche gefährlichen Dimensionen er angenommen hat, zeigte sichin erschreckender Weise bereits 'Ende Mai vorigen Jahres. Das bekannte liberale Blatt „Daily Chronicle" stellte fest, daß „die Erregung der englischen Arbeiterbevölkerung in den östlichen Teilen Londons bedrohlich zunehme". Es wurde nämlich behauptet, daß in Gretna Green, dem Zentrum der billigen Londoner Möbelindustrie, russische und polnische Juden alle britischen Tischler ersetzt hätten, ähnliche Klagen vernahm maß aus anderen Londoner Vorstädten und aus sonstigen englischen Jndustriebezirken. Die Regierung ließ zur Beschwichtigung erklären, die Herstellung der Soldatenuniformen im Werte von mchr als zweihundert Millionen Kronen wäre ohne die Juden ein D,ing der Unmöglichkeit gewesen; und übrigens müßten alle in England geborenen und auch die ausländischen naturalisierten Juden in der englischen Armee dienen. Das besänftigte jedoch keineswegs die Unruhe in der Bevölkerung. Und der Bürgermeister von Gretna Green sprach, in. einem Briefe an die Regierung seine Besorgnis auf folgende denkwürdige Weise aus: Falls man keine Gegenmaßregel träfe, könnte es zu argen Ausschreitungen gegen die Juden koMrnen, die die zu Anfang des Krieges an den Deutschen verübten Plünd erun g en weit übersteig er/w nrd en. (!!) Welch ein herzlich beschämendes Eingeständnis Kr das so überaus judenfreundlich tuende Albion! — Nun schlug/ der „Daily Chronicle" in seinem! Patriotismus vor, m a n sollte die Fremlden zum Militärdienst sch l e u.n ig ft zw ingen. Zwar hätte Lord Kitchener srüher die Bildung derartiger Regimenter verworfen, doch die Zeiten Hätten sich geändert. Wie es sich bei den freiwilligen Werbungen ergeben habe, seien diese jüdischen Fremden bereit, für England zu kämpfen. Allerdings hätten sich: zwei Fünftel von ihnen als körperliche Kr den Militärdienst ungeeignet erwiesen, doch befänden sich! in Gretna Green allein zurzeit 15.000 Taugliche. Anfangs Juni vorigen Jahres begann eine Bewegung, jüdische FreMde (es handelte sich hiebei nur um aus Rußland und Polen Eingewanderte), n ach d e r H e im a t ab s ch, i e b e n zu l a s s t n, damit sie dort ihrer Drenstpslicht Genüge leisten könnten. Damit war das Judenproblem in England zur Gänze aufgerollt. Wieder. sollte der ewige Jude, der heimatlose Wanderer, auferstehen!-Diese Bewegung schuf auch unter den anglisierten Juden eine begreifliche Erregung. Der Londoner „Jewish Chronicle", von deM bereits die Rede war, sprach sich auf das energischste gegen derartige Maßregeln aus, die „auf die fatalste Weise die Juden berühren würden. Für die vielen in England lebenden russischen Juden wäre es das- (größte Unglück -und das stärkste Unrecht, sie nach Rußland zurückzuschicken, wo das judenseindliche System! der regierenden Gewalten noch ganz unerträglich sei. Gegen diese Maßnahme müßte daher entschieden Front gemacht werden, und zwar sofort. Gehörten doch Lord Reading, die. jüdischen Minister'S amüel und Montag ne ünd änöere jDische Parlamentsmitglieder zu der neuen „National Union for Jewish Rights". Man Möge aus den Juden ein russisches Bataillon unter englischem Oberbefehl bilden." Darauf gab der britische Minister des. Innern Samuel am 29. Juni 1916 im! Unterhause die Erklärung ab, das englische Kriegsmiinisterium habe den in ' England wohnenden russischen Untertanen die Erlaubnis erteilt, sich 'freiwillig in die britische Armee einreihen zu lassen, und zwar bis zu einer Höhe von zwei Prozent der' englischen Soldaten. Die Zahl der in Großbritannien lebenden Russen im wehrpflichtigen Alter belief sich! auf etwa 25,000. Weiters schlug Samuel vor, daß diejenigen, die nicht dem englischen Heere be'itreten wollten, zur. Erfüllung ihrer Dienstpflicht in ihre Heimat zurückkehren müßten. Damit aber hat England seine alte Tradition, ein Asylland politisch Verfolgter und Entrechteter und der Bes ch ützer der Juden zu sein, gänzlich über Bord geworfen. Das stellte auch! der liberale - Abgeordnete Kin g im Unterhause fest. Als Hauptargument gegen die beabsichtigte Ausweisung der Juden aus England führte er in erster Linie die. zahlreichen Pogrome an, die die aus Mußland eingewanderten Juden aus der Heimat vertrieben hätten. Nicht minder scharf griffen die Abgeordneten Lord Sheffield und Morel die Regierung an. Sie äußerten sichj dahin, daß bei der .Rückkehr nach! Rußland die ausgewiesenen politischen.Verbrecher Kerker oder Tod erwarten würde. Woher nähme SamNel das Recht, die bisherigen Asylbestimmungen Englands auszuheben? Albion müsse das Asylland für die. Juden blechen, sonst könnte rnl.au. nicht länger ä n'd ein Gl anbe n festh a l t e n, e s kam p fe sür die Befreiung der kleinen 'Nationen. Diejenigen