Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 28 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 461 Nr. 28 Dr. Bloch,'s Wochenschrift längeren Rede, in der er unter anderem sagte: „Wir haben gesagt: deM Staate wollen wir geben, was-er braucht, aber wir wollen, er soll ein Staat sein, , nicht ein• Soldiateskaftaat, sondern ein Staat beH Gesetzes. Die Herren glauben, daß sie überall, wo sie hingehen, Schrecken verbreiten Müssen, weil ihnen Recht und Gesetz als veraltete Begriffe erscheinen. Weil die Herren nichts verstehen und das Volk nicht verstehen, glauben.sie, daß sie nur durch Schrecken Md durch Henkerjarbeit sich Achtung im Lande -verschaffen Wunen. Das Armeeoberkommando hat die „unabhängigen Militärrichter" in der Weise „unabhängig" gemacht, daß es sie vom Gesetze „unabhängig" machte. Die Belehrungen, die Man ihnen fortwährend gab, waren so schön, daß geschrieben wurde: Mer gebt acht, ihr sollt sie nur gegenüber den Oesterreichern und gegenüber den BosNiaken.und den Herzegowinaern in Anwendung bringen, aber gegen die Ungarn nichtz Meine Herren, wenn Man die Gesetze umgehen, 'verhetzen will, so geht Man zuerst dort, wo locus minoris resistentiae (Ort des geringeren Widerstandes) ist, gegen die Juden vor. Als es der Zufall wollte, daß gleich! zu Beginn des Krieges ein Stück des Königreiches Polen in. unseren Besch kaM, da durften die Christen von Polen nach Oesterreich kommen, aber die Juden ließ der Gendarm, der jedermann nach, seiner Konfession fragte, nicht herein. Als ich Mich in dieser Angelegenheit an das Festungskommando wandte, verwies Mich dieses an das Kriegsministerium. Der Landesverteidigungsnrinister Georgi sagte mir, er würde sich erst erkundigen; inzwischen haben wir dieses Stück des Königreiches Polen verloren und die Sachte wurde dadurch gegenstandslos. Es ist ja nicht so tragisch, aber es zeigt nur, wie es zur Gewohnheit geworden ist, das Gesetz zu verletzen. Die Gesetzesverletzung hat den Herren ein Ver?- gnügen gemacht, sie war auch in voller Uebung. Wollen die Herren noch« Mehr? Es war einmal in den alten Zeiten Gesetze daß jüdische Zeugen nicht gelten. Ich habe hier ein Schreiben von einem Advokaturskonzipienten, der einmal als Zeugen zwei Juden brachte. Da sagte der Obermagistratsrat: „Meine Herren, Sie wissen, ich bin kein Judenfeind, aber ich habe vom' Festnngskommando den Auftrag, jüdische Zeugen dürfen nicht einvernommen werden. Sie Müssen christliche Zeugen haben." - Redner bringt noch verschiedene andere Beschwerden vor über die Wirtschaft der Militärbehörden in Galizien und die Behandlung der Flüchtlinge. Er sagt: „In Prag hat Man gefunden, daß es auch jüdische Typhusbazillen gibt, es durfte nämlich kein Jude in die Tramway hinein, weil er als galizischer Jude schon dadurch typhusverdächtig ist; da Mußte man erst . einschreiten, uM die jüdischen Typhusbazillen auszivrotten. — In dieser schweren Zeit, wo wir aus Galizien so viele Opfer an Gut und Blut gebracht Haben, hat Man uns iüberall wie die Hum de gejagt." Redner fordert die Beseitigung der Verordnungen, welche das Staatsgrundgesetz! über die richterliche Gewalt so kraß verletzen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. Redner wird beglückwünscht.) ' In der Sitzung vom Samstag, den 14. Juli, sprach Mg. Dir. Slmucher in der Debatte Wer die Geheimerlasse des Kriegsministeriums als Generalredner und führte aus: Der Erlaß betreffe nicht nur die bisher genannten Völker; sondern auch die Juden. An einer Stelle heißt es, daß. Juden, .Italiener und Tschechen in den Offiziersgefangeuengruppen nicht auf Wache kommandiert werden dürfen, und an einer anderen Stelle wird von scharfer und unauffälliger Kontrolle der jüdischen Wachmannschaften, wie aller minderverläßlichen Elemente der Wachmannschaft gesprochen. Wir von der völkisch-jüdischen Richtung, sagt Redner, die wir unser Volk in seiner Eigenart.und Nativnalität ebenso hoch halten, wie Sie die Ihrigen, empfinden, daß uns hier ein sthjwerer Schimpf angetan worden ist. Es wäre auch! ein Wunder gewesen, .wenn irgend eine gehässige Verfügung erlassen würde, bei der die Juden nicht figurieren würden. Neben Ukrainern und Polen haben iM Osten unseres Reiches in diesem Kriege die Juden »aM meisten gelitten. Die Russen sind doch von Haus -aus chre Todfeinde. Das tranrige Schicksal der Juden unter dem zaristischen Regime ist bekannt genug. Erst infolge des größten Ereignisses des Jahrhunderts, der russischen Revolution, können sie erwarten, ihre Freiheit zu erlangen. In diesem Weltkriege haben die Juden ihre Pflicht und Schuldigkeit in vollstem Maße erfüllt, in keinem Belange stehen wir hinter den staatstreuesten Völkern Oesterreichs zurück. Warum also dieser Schimpf? Und er ist nicht vereinzelt, er ist ein Glied in der ganzen Kette von Maßnahmen! In der zehnten Jsonzoschlacht haben die galizischen Regimenter Heldentaten verrichtet, ganze Abteilungen sind verblutet, und es waren Ukrainer und Juden und tschechische Regimenter! Den jüdischen Soldaten im Felde wird verboten, mit ihren Angehörigen daheim in jüdischer Schrift und Sprache zu korrespondieren, obwohl Man weiß, daß sie keiner anderen Mächtig sind. Der Deutsche Mationalverband war die einzig Partei, die gegen den Antrag des JustizaUsschuffes, betreffend die aus Galizien und der Bukowina verjagten Advokaten stimmte. Da hieß es, wir seien Fremde. Fremde, deren Haus und Hof eingeäschert, deren Habe geraubt worden ist, deren Kinder im Felde stehen, die alle schweren Heimsuchungen Wer sich ergehen lassen Mußten! Das ist der Freisinn! Ein Freisinn für Sie, ober Knechtschaft für uns. Das wollen wir uns nicht Mehr bieten lassen. Diese Debatte zeigt, in welchem Lager Oesterreich ist, und unter den Elementen, in deren HagM Oesterreich ist, ist auch die 'Juden-' schast Oesterreichs. (Beifall rechts.) Aus der Rede des Abgeordneten Reizes. Hohes Haus! Der Herr Abgeordnete Freitzler hat mit den Schmähungen unglücklicher jüdischer Flüchtlinge seinen kleinlichen Rassenhaß nackt enthüllt. Es ist traurig, daß ein Vertreter der deutschen Kultur in diesen ernsten Zeiten Menschen, die ebenso roie ihre Leidensgenüssen anderer Rationen die Märtyrer des Staates, die Unglücklichsten der Unglücklichen dieser Welttragödie sind, vor der Welt aus eine solche Weise be-» schimpft. Drei Jahre schmachten die Flüchtlinge hmter den Zäunen. Ein Jahr davon in Räumen, in denen im Winter das Wasser von den Hotzwänden flotz, in denen sie vor Frost keinen Schlaf finden konnten. (Hört!) . Sie hatten keine Kleider, sie liefen mit nackten Fützen im Schnee und Kot, es gab keine Möglichstes für sie, sich zu waschen, und Menschen, die eigene Häuser und Bequemlichkeit besessen hatten, mutzten in vierfach übereinander geschichteten Hohftellagen leben und konnten nicht einmal menschenwürdig ihre » Notdurft verrichten. Sw hungerten auch, ans die Verpflegung des Lagers angewiesen, das sie nicht verlassen durften, die- Geldmittel, die sie zum .Teile besahen, waren nicht ausreichend, ihnen (tzüeichterungen ihrer Lage zu verschaffen. In den Holzschachteln, in denen sie lebten^ lagen Kranke und .Gesunde untereinander.' In dem feuchten Dunst, in den Aus-: dünstungen der vielen hundert schlechtgewaschenen, unterernährten Leute, die ihre rauchgeschwängerten Kleider und Masche am Körper tragen mutzten, lagen scharlach- und diphtheriekranke Kinder, gebaren Frauen. Nein, das war keine Noh wie sie der Krieg anbefahl, sie wurde gelitten von den Flüchtlingen inmitten blühender Landstriche, in der Nähe reicher Orte, die auch von österreichischen Bürgern bewohnt waren, die für den Krieg nicht ihr Hab und Gut geopfert hatten, nicht die Qualen der Flucht erduldeten, nicht Wochen der Angst und des Schreckens verlebten und nicht ihre Heimat verloren haben. And in diesen nahen Städten und Orten, da lebten die Bevölkerungen wohl bescheidener als im üppigen Frieden, aber sie lebten doch menschlich, sie