Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 16 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Seite 267 Nr. 16 Dr. Btsch's Wocheuschrn: Gru dek-Jaaiciionsii. Der hiesige Kultusvorsteher Israel Eichm ann ist lebhaft bemicht, für die religiösen Bedürfnisse der hier und in der Umgebung dislozierten jüdischen Soldaten und Kriegsgefangenen Sorge zu tragen. Ein besonderer Dank gebührt ihm jedoch, für die unter sehr schwierigen Verhältnissen klaglos durch geführte rituelle Soldatenbespeisnng während des letzten Osterfestes, an Iber etwa 80 Mann teilnahmen. Sie wurden Vierwal täglich, reichlich bewirtet und vergaßen so teilweise an die Trennung von Haus und Familie. Bei dieser schweren Arbeit wurde Herr Eich mann zunächst von feinen bei jeder jüdisch^gemeinnützigen Aktion hilfsbereiten Töchsern, vom hiesigen Religionslehrer Herrn Israel G la ßm ann, ferner von den Mitgliedern der Familien Mehr, Alles und Mandel werktätig unterstützt." Der hiesige Etappenstatfonskoniwandant Oberstleutnant Waldherr ist der Gemeinderepräsentanz sowohl in jbezug auf die Bespeifung als auch was die Befreiung der Mischen Soldaten während der Gottesdienststunden betrifft, auf das weitgehendste entgegengekowmen. ' B. Wer weist? Moses. G r u b e r, 21 Cm.-Rst.-Mos., 10. Bat., 4. Reg., Feldpost 304, sucht die Familie Mali G r u b e r aus Lechuczeny Pentulin l. p. Novosielicza. ■ Feuilleton. Martyrium silbischer REtziösttat. Im „Prager Tagblatt" lesen wir nachstehendes Feuilleton von Richard Katz: In Prag leben gegenwärtig sechs- bis siebentausend .Flüchtlinge, zur großen Mehrzahl Bukowinaer. Nach der ersten Russeninvasion gab es ihrer mehr als dreianal so Viele; ihre Zahl, ihre Fremdartigkeit und Unbeholfenheit wachten sie damals weitaus stärker bemerkbar, weckten Neugierde, Mitleid oder Verachtung, wohl auch Haß; man beobachtete sie,schrieb über sie, beschäftigte sich irgendwie, mit diesen sonderbaren, halb scheuen, halb verschlagenen Menschen und gewohnte sich schließlich ebenso rasch an ihren Anblick wie an alle ein berat. Absond erlichkeiten d es Krieges. Jetzt bedarf es schon eines aktuellen Anlasses, um den Gedanken an sie wachzurufen, etwa des Straßenbahnverbotes für Galizianer (Amerika sperrt Bahnen und Tramways gegen Nigger-ab, die genau so gut amerikanische Staatsbürger sind wie galizische Juden österreichische) oder der Nachricht, daß wieder ein Zizkower Haus der Flüchtlinge wegen entlaust werden mußte. Im allgemeinen sind aber die Galizianer ins Prager Stadtleben pufgenommen worden, die Christen, indew sie sich dem Vorstadtvroletariate assimilierten, die Juden, indem' sie ein kleines, -nach außen hin unauffälliges Ghetto in einigen Gassen der Altstadt und der Arbeitervorstädte bildeten, immernoch! ein Fremdkörper iw Organismus der Stadt, aber einer. Wer den Haut gewachsen ist. Etwas mehr als die Hälfte der sechs- oder siebentausend Flüchtlinge, nämlich viertausendzweihundert sind Juden, die anderen katholische oder orthodoxe Christen. Da weder die einen noch die anderen von der staatlichen Flüchtlingsunterstützung leben können, die eine Krone fünfzig Heller pro Kopf und Tag beträgt, sorgen gut organisierte Komitees privater Wohltäter für jeder der beiden konfessionellen Gruppen und bessern deren sehr prekäre Situation durch Geldunterstützungen und Freiwohnungen. Meinen Informationen nach , dürften völlig vermögenslose Flüchtlinge insgesamt zweieinhalb Kronen täglich beziehen, was bei knapper, vegetarischer Kost einigermaßen zureichen dürfte, zumal die staatliche Fürsorge sich jetzt auch auf Kleider-, Schuhe- und Wäscheversorgung erstreckt. Diese Angaben gelten selbstverständlich nur für die wirklich Armen und keineswegs für die nicht unbeträchtliche Zahl Armut Simulierender oder Arbeitsscheuer. Einige dieser jüdischen Flüchtlinge dürften in allernächster Zeit verhungern. Oder anders gesagt: Selbstmord durch Verhungern begehen. Dies sei lediglich als Tatsache konstatiert, ohne Vorwurf nach irgend einer Seite hin; denn ein Vorwurf wäre in diesem besonderen Falle nach jeder Seite hin ungerecht. Man muß dieses Ereignis wahrscheinlich ebenso fatalistisch ruhig betrachten, wie es der alte galizische Jude tat, 'mit dem ich bei einem Ausflug in eilt Dorf der Prager Umgebung ein Stück Weges zusammeuging und der wir auf die Frage: „Wie geht es Ihnen hier?" iw gleichgültigsten Tone erwiderte:'„Jach merd' verhungern." Er sagte das mit voller Seelenruhe, aber mit einer Bestimmtheit, die seine Worte sehr deutlich von den üblichen, nur halb ernst gemeinten Befürchtungen ängstlicher Skeptiker unterschied. Als ich ihn bat, seine Antwort zu erklären, erzählte er mir, daß er mit Weib und Kind ftus Kolonie« geflohen sei, wo er „Chassid" eines berühmten Rabbis war. Er gehörte also der orthodoxesten jüdischen Sekte an, einer in Galizien sehr starken Gruppe bis zum- Fanatismus glanbensstrenger Männer, denen die rituellen Vorschriften eisernes Gesetz sind. Zu diesen Vorschriften gehört das Verbot, während der sieben Tage des jüdischen Osterfestes gesäuertes Brot zu essen. „Mazzoth krieg mer kane, Erdäpfel sennen kaue? esoi wer jach verhungern." — „Sie wissen doch, daß wan für Mazzoth kein Weißes Mehl hergeben kann, es ist Krieg, mafn Wuß damit sparen. In der Not dürfen Sie sicher" Verbotenes essen." — „Jach eß nich Chomez." — „Sie werden sieben a.age überhaupt nichts essen? Das ist ja Selbstmord!" — Der alte Jude zuckte gleiche mutig mit den Achseln und verabschiedete sich. Als ich nach Prag zurückkam, suchte ich einen Herrn vom jüdischen Hilfskomitee. auf, teilte ihm den seltenen Fall mit und bekam die Bestätigung, daß der alte galizische Jude vollkommen die Wahrheit gesprochen hatte. „Wenn er ein siebentägiges Fasten nicht aushält, wird er vermutlich verhungern." „Ja, aber das wäre doch..." — „Das wag traurig sein, aber wir können es nicht ländern. Sehen Sie, wir bekommen täglich von unseren Vertrauensmännern aus den Landgemeinden bei Prag Briese, die ganz analoge Fälle schildern. Ein Chassid ißt nichts Verbotenes, er wäre entehrt (oder würde sich doch daftir halten), wenn er am 'Passahfeste gesäuertes Brot üße. Die Chassidim, die in Prag leben, meiden unsere Volksküche, trotzdem sie streng koscher kocht, weil sie chrer rituellen Zuverlässigkeit nicht vollständig trauen; dabei gibt ihnen nur diese Volksküche die Chance, sich satt zuessen. Die Rabbiner Prags und der Provinz haben die Flüchtlinge der strengsten rituellen Speiseregeln entbunden und ihnen erlaubt, bei dringender Notwendigkeit Verbotenes zu essen; was Hilsts? Die Chassidim würden lieber verhungern, als von einem einzigen Buchstaben der biblischen Gesetze abznweichen. Sie werden verhungern. Wir können den jüdischen Flüchtlingen nur wenig Mazzoth zuteilen, gerade soviel, daß sie ein Symbol für die vorgeschriebene Passat- Speise haben. Das weiße Mehl reicht nämlich nicht aus und selbst' wenn es ausreichen würde, müßte man es sich sehr wohl überlegen, ob man es der einheimischen Bevölkerung in so großen Mengen entziehen dürste. Ueberlegen Sie nur, wie aufteizend das wäre." — „Ja; aber Kartoffeln. . — „Kartoffeln haben wir mehrmals verlangt, ohne sie zu bekowmen, vermutlich sind