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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-04-20 · 15 (20.4.1917) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
15 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 3L6 BloH's WoMenschrift' Nr. 15 Spießbürger, die behutsam zu den Hinteren Reihen schreiten. Kaufleute, die mit geschästigeny prüfendem Blicke die Ankommenden mustern, Vermittler, allerlei Gewerbe- Volk^ einige Orthodoxen mit zierlichen Kappen, hie und da ein verirrter Soldat und allen voran die örtlichen Honoratioren. In den ersten Reihen spreizen sich breit und behäbig neben ihren Gatten nicht alltäglich ausgeputzte Dämchen, auf deren verschwommenen Gesichtern das vergnügte Lächeln unter den funkelnden Ohrgehängen und Halsketten um so grinseichafter wirkt. Das Gemurmel und Geflüster, steigert sich unterdessen fortwährend. Allerhand Kinder tummeln sich zwischen den Bankrechen und dränge::' sich zur Bühne voran, Bekannte begrüßen einander mit einem Gepolter von läuten Ausrufen, die Damen von den vorderen Reihen drehen sich ungeduldig auf ihren Plätzen und sprechen miteinander wie bewährte. Klatschbasen, die Geigen und die Trompeten vom Orchester stoßen unkoordinierte Laute aus - und mittendrein ' rennen geschäftig kleine Schankburschen und bieten lautselig ihre frischer: Spezialitäten, wie Orange:: u:ü> Limvnaden, an. ... Das Publikun: beginnt sich endlich zu langweilen. Man erkennt dies am häufigen „Anfang"-Rufen und ungeduldigen Händeklatschen. Das Orchester besinnt sich noch rechtzeitig und fällt mit einem feurigen Czardasch ein. Für ein Stück wie „König Lear" ein gar eigentümliches Vorspiel! Nach einer Weile hebt sich der Bühnenvorhang. Aus dem ganzen Saale entsteigt ein lauter, hochtönender Ruf: o oo!, viele stehen plötzlich auf, bis aus tausend Kehlei: warnende und drohende Rufe erschallen: „Sitzen bleiben! Sitzen bleiben!" Im allgemeinen Getümmel will auch ich mich vom Sitze erheben, als zwei Hände :::ich gar unsanft am Arm packen und gewaltsam auf meinen PW Mrückdrängen. ,,Sitzen bleiben — scha! —- sitzen bleWn)",,WalltEcken, und Egde::.^. des Saales.. . " . ..... \~' Inzwischen beginnt das Spiel. Man führt den König Lear auf. Den „Wischen König' Lear" — must m an zugeben. Und das bedeutet emen wesentlichen Unterschied, für de::, nicht Shakespeare, sonder:: Gordin, der..Verfasser dieses Stückes, gÄ:ugsam vörgesörgt hat. Mein Gott! Durfte der Engländer den Lear schaffen, weshalb sollte es seinen: jüdischen Doppelgänger verwehrt sein, eine jüdische Reproduktion des unglückseligen Greises zusammenzukleistern?! - Bekanntlich war Gordin ein Meister auf dem Gebiete des.Wischen Dramas- Man nvöchte beinahe sagen — ein produktiver Meister en inasse. Unter den wuchernden Betriebsleuten des jüdischen Theaters jedenfalls einer, der aus.der europäischen Kultur so manches erlernte und unstreitbar der geschickteste Bühnentechniker war in der Menge karikierender Graphomane, wie Schumer und Lateiner und ihre ebenbürtigen Jünger. Gordü: hatte dramatischer: Schmiß und hiuterließ neber: einer Unmenge echt amerikanischen Machwerks doch eine kleine Anzahl erlesener Dichterwerke. Er verstand es trefflich, die Geistesblitze eines. Shakespeares, veraltete Bühnentricks eines Moliöre, die Pikanterie eines d'Atmnnzio und den starrhalsigeir Pessimismus eines Strindberg auf geschickte Weise' aufzulesenund nmzümodelu und hie und da solchen Schöpfungen einen liefsinmgen Anstruh zu geben. Und da die handelnden Personen zumeist in Wische Kleider gesteckt wurden und mit jüdischen Namen auch Wische Gefühle zum Ausdruck gebracht wurden, entstände:: Dutzendwerke, denen die amerikanische Schminke den Schein der Originalität verlieh. Mit Mnig Lear hMes.'CWdin 0>ex:f)äWß. ein leich!- tes Spiel. Die königliche Majestät eines Lear wurde - zu der Gestalt eines trivialen Greises verzerrt, die reizende Anmut der Kordelia wandelte sich in die .Anhänglichkeit der fortschrittlichen „Madan: Doktorius" um, der König erhielt den Namen eines Dnvid Mojschele, sein Hofnarr ward zun: Hanswurst Schmaje und die erschütternde Tragödiedes ewigen Undankes ward in: jüdischen Stücke auf einem Konflikt konservativer und fortschrittlicher Spießbürger aufgebaut. Weshalb dieses Stück just so betitelt wurde? Ebenso gut könnte es heißen „Mischte mit Mofchke", oder „Kunie Lemel n: be ni me n: türurikn", oder gar „Gesfanrt, geharget yn gehongen -- a höchst ynteresfante Piece :nyt a Prolog yn a Epilog". Der Inhalt unseres Stückes ist::::t einigen Worten erschöpft. Ein alter Kauz verschenkt bei' Lebzeiten feine ganze'Habe unter den Kindern und soll in Palästina fein Leben beschließen. Als er jedoch von dort verarmt zurückkehrt, wollen die Beschenkte:: von ihm nichts hören. In seinem Elend wendet sich, der bettelnde Greis an eine Locht er, die er seinerzeit als Fortschrittsdame enterbt hatte, und bei der „Madan: Doktorius" findet er Mitleid und Hilfe. Ende gut, alles, gut. Alles kehrt sich zun: Vater und — wenn sie nicht gestorben, so leben sie noch heut'. Moral? Sinn? Motive? — wer fragt de:::: danach.? Aus der herrlichen Königstragödie ist eine banale Tragifarce geworden, in welcherein Komiker die Hauptrolle spielt. Er wird zum Träger der 'Handlung und drückt dem Ganzer: seinen Stempel auf. Be: jeder Gelegenheit bringt er zwerchfellerschütternde Kuplets zum Vortrag, tanzt und hüpft unermüdlich schleudert Witzworte in die Menge und wo sich auch Worte unzu,- längliche erweisen, .hilft er mit nicht rnißzuv er steh ende n Gebärden. Ein grünlich geschminktes Clowngesicht, ein Ziegenbärtchen mit zwei herabhängenden Stirnlöckchen, ein langer Mantel, aus dem traurig-gelbe Hosen hervorlugen — ein solch singendes, hupfendes und ununtervöran jedoch erweist er sich als trefflicher. Causeur. Bei jeder Gelegenheit hat er ein Sprüchlein zur Hand:„Fun. a chassers („Ferkel") Szwenzl kon men kein Sztraml nyt machen", oder „Mein Kiszke (Magen) yz ousgedart wie a soldackie Podeszwe (Schuhsohle)", oder „Azoj wieder Misznajes fugt: ::: käzij hop pakij ne Peres kop". Tos süw nur einige Blüten aus dieser Saat. Der Clown philosophiert in englischer Manier, spielt einen Gentleman in deutschen Sprachbrocken und flucht hinterdrein in urwüchsig jiddischen Lauten. -Ein Poliglot und. Zlphorist, w:e es der Verfasser des Stückes kann: geträumt haben möchte. Und wo die Sprache nicht mehr ihre Wirkung erreicht, beginnt Szamaj zu singen: „Ein Sztykale vynm Elefmrt" in erbärmlichen Kirchenweise:: oder ein ergreifendes Lied: „Az Hunten yz gewejn a Zojre Jehude", das hier in lustigen, hüpfenden Weisen herausgestoßcn wird, wobei der vielseitige Künstler sein. Lied mit den Händen und Füßen begleitet und fortwährend den Refrain wiederholt: „Az Humen yz gewejn a Zojre Jehudy, Hot er bakymen a schwarze Hagude, .oj waj! oj was! oj. ." Das Publikum annisiert sich> prächtig. Man ruft und pfeift ganz ungeniert, greift bekannte Weisen auf und wiederholt sie halblaut bis in die hintersten. Reihe::. Dem Narrenkönig gehört die Welt. Vor lauter Bäumen sieht man nicht den Wald und übersieht gar die eigentliche Sensation des heutige:: Theaterabends: „Dejm berühmten Artist vyn Amejrika" der sich nur .zueinen: einzigen Gastspiel bewegen ließ. Er wird jedoch! durch den Hanswurst gewältsan: in den Schatten gedrängt, trotzdem er eigentlich unverhofft gut spielt. Er hat entschieden Talent. Er versteht es!, als reicher Manu mit Würde aufzutreten, dann aber auch als Bettler den gebröche-

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