Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-03-09 · 10 (9.3.1917) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022248-3022259--25838-3051163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 10 -Dr. BlM's MoMnfchrift" Seite 159 Der „Mwavze Fuchs" erzählte. nnr gar urancheS derartige Stücklein. Doch ich konnte wich nicht so Leiht darMer freuen. Erbemerktees. ..Ihr Großstädter, besonders ihr Journalisten? seid für solche Dinge blasiert," meinte er. „Aber ich werde schon ein dankbareres Publikum finden. Zu Haufe, so Gott will, am Purim. Denn ich bekomme Urlaub, der Herr Oberst hat es! mir versprochen." „Ich fuhr zusammen. Sollte ich es ihm sagen? Eine innere Stimme verbot es mir,- die Briefe in meiner Brusttasche brannten mir aufs Herz- — doch ich schwieg. Ich nahm nervös Abschied von ihm. „Wenn Sie nach Oberungarn kommen, unterlassen Sie es nicht, in Bilin anzuhalten, übergeben Sie meiner Familie meine Grüße und beruhigen Sie ^sie. Sagen Sie ihnen, daß sie mich zu Purim bestimmt erwarten können. Oder schreiben Sie ihnen; von hier kommt ohnehin keine Post dahin. Von Pest geht das eher." „Gut, gut," ^antwortete ich, „ich habe Eile. Ich will den Zug nicht verpafsm." „Aber Sie werden ihnen doch schreiben, nicht wahr?" rief er mir noch nach. * * * Noch iMmer höre ich seine Stimme und sehe ihn. Wie ganz anderst als dort im Hauptquartiere. Was für Purim mochte der arme, liebe, närrische „schwarze Fuchs" gehabt haben? Mein armer, armer La n d sturmfreund! Ich fühle mich; erleichtert, seine Geschichte nun zu Papier gebracht zu haben. Möge er erfahren, daß sein Weib und Kind nicht die Beute von Krähen und Wölfen geworden sind. Daß dort oben unter einer Fichte, an eines Baches Nand ein Grabhügel sich wölbt, unter dem die Seinen ihren ewigen Glchckstrnum! träumen. Meratur. Gustav Meyrink' ».Das grstne Gesicht". Von Grillparzer sagte Lord Byron: Der Name sei schwer, natürlich dem Engländer, auszusprechen, aber man werde sich daran gewöhnen müssen. Gustav Meyrinks Namen mag wohl leichter auszusprechen sein, ich denke aber, in der neuesten Geschichte der deutschen Literatur wird es wohl wenige, vielleicht keinen zweiten geben, der, im Sturmlause gleichsam, sich so wie er, den Ruhm erobert hat, daß man ihn nennt, wo man der Besten in der Ehrenhalle des Schrifttums gedenkt. Und diesen Ruhm hat dieser, noch vor kurzer Zeit wenig gekannte Münchener Schriftsteller durch zwei Werke errungen: den heute von allen neueren Dichtungen meist gelesenen „Golem" und durch das nicht minder tiefsinnige Werk: „Das g r ü n e G e s i cht " *). Was uns veranlaßt, über dieses in der Tat merkwürdige Buch für eine jüdische Zeitschrift zu schreiben? D.v Antwort ist leicht gegeben. Wie der „Golem" uns in die altberühmte Judenstadt Prag, in dessen sagenumsponnenes Ghetto führt, wo uns der Rabbi Bezalel Löwe, der hohe Rabbi Lob, begegnet, der den „Golem" geschaffen^ dem er die „Neschamah" eingehaucht hatte, so geleitet uns der mysteriöse „Chidher Grün", wir wissen nicht, ist er der Prophet Elias oder der „Ewige Jude", in die Ikdenbreestraat Amsterdams, in der einstens, als der Messias Sabbatai Zewi im Osten erstand, Menasse ben Israel wandelte und Uriel Dacosta und der Weltweise Spinoza, der mit seinen himmelstürmenden Gedanken das Antlitz der. Erde erneuerte. Doch nicht von Philosophen spricht Meyrinks „Roman", sondern von Mystikern, Kabbalisten, Ehassidim. Einen „Roman" nennt Meyerink sein Buch. Man denke aber dabei ja nicht an eine billige, seichte Leihbibliotheksware, gut genug, um sich über einige Stunden in dieser schweren Zeit hinwegzutäuschen. Das ist ein Buch, das studiert'werden will, denn tief ist sein Jn- *) Leipzig, Kurt Wolf-Verlag, 1917, 31-—40. Tausend. halt und schwer zu erschöpfen. Wir hören Stimmen: Mischung von E. Th. A. Hosfmanns Phantasterei, „Goldener Topf", „Eliriere des Teufels", mit Edgar Allan Poes schauerlicher Realistik. Warum es leugnen: Meyrink hat sicherlich Vorläufer. Denn Phantastiker gab es in allen Jahrhunderten. Aber fein „Roman" bietet mehr. In einer Zeit in der gär mancher Bildungsphilister in seiner protzenhaften Gottähnlichkeit vermeint, alle Welträtsel lösen zu können bis auf eines, das der Rätsel allergrößtes ist, unternimmt es dieser, die Pygmäen unserer Zeit um mehr als Haupteslänge überragende Geist, an den Schranken der Ewigkeit zu rütteln und das Hamlet-Wort zu betätigen : Es gibt Vieles unter dem Himmel,' von dem sich euer Eelehrtendüntel nichts träumen läßt. Was unsere Kabbalisten, in mystisches Dunkel gehüllt, verkünden über das Wesen des Menschen, seine Bestimmung, über Körper und Seele, über das „Schauen Eoties", über den Mekor Chajjim, den Lebensquell und die Gimatria, das Geheimnis der Zahl, über Unsterblichkeit unb das Erwachen und die Wiederkehr, Fragen, über die viel geschrieben wurde und die in der erschrecklichen Seichtheit der Gegenwart nntergegangen zu sein scheinen, sie erfahren in Meyrinks „Roman" ihre „Urstend", wie man im Mittelalter sagte, eine Auferstehung, auf die wir kaum zu hoffen wagten in dieser Zeit des sinnlichen Materialismus und der „reinen Vernunft". Den Inhalt dieses vielgestaltigen Werkes mit wenigen Worten wiederzugeben, würde schwer halten. Es sind die Erlebnisse eines Ingenieurs, Fortunat Hauberisser mit Namen, der sich nach dem.Kriege aus seiner Heimat Oesterreich, wie Tausende andere aus allen Ländern Europas, nach Amsterdam begeben und hier an dem Hooigracht seine Wohnung gewählt hat. Er gewinnt die Liebe Evas van Druysen, eines Mädchens von außerordentlicher Schönheit, das durch ein furchtbares Geschick, in das ein Zulu-Neger eingrerft, ihm entrissen wird. Er hält es für tot, aber es kehrt wieder zurück, ^vereinigt sich mit ihm und wird ihm wieder genommen. Doch, was rankt sich nicht alles um diese Liebesgeschichte? Uns Juden interessiert es besonders, daß zwei Persönlichkeiten im Mittelpunkte des ganzen Werkes stehen, die gleichsam zwei Weltanschauungen des Judentums darstellen: Dr. Jsmael Sephardi, ein Nachkonrme jener edlen Portugiesen, die im 17. Jahrhundert in Holland eine zweite Heimat fanden, und der chassidische Kabbalist, der russische Jude Eierdotter aus Odessa, der bei einem schauerlichen Judenmorden kn dieser Stadt sein Weib und seine „Kinderlech" verloren hatte. Dr. Sephardis Anschauung wird durch seine eigenen Worte wohl am besten wiedergegeben. Er sagt: „Ich bin Jude.... Ich meine: nicht nur Jude der Religion nach, sondern auch Jude der Rasse nach — und als solcher komme ich immer wieder zum alten Gott meiner Vorfahren zurück. Es liegt im Blut, und das Blut ist stärker als alle Logik. Freilich sagt mir mein Verstand. daß ich mit meinem Glauben in der Irre gehe, aber mein Glaube sagt mir auch, daß ich mit meinem Verstand in der Irre gehe." — Eierdotter ist ein >,chassidischer Kabbalist, der weniger gemeinverständlich und grammatisch richtig spricht. In eine Gesellschaft von Schwärmern ist er geraten, die sich um einen hellsehenden Schuster. Klinkherbogk, schart. Ihrer Kabbala stellt er seine entgegen. „Im Anfang war das Wort", sagt er, „ist falsch übersetzt. „Bereschith" heißt auf deitsch das „Koppwefen" und nicht: „im Anfang". — Klinkherbogk, ein Jakob Böhme der neuesten Zeit, ist ein Gottsucher, der endlich das „innere Wort" gesunden, „und es sagte ihm, wie wir leben, sollten, um von dem Hotz des Lebens zu essen, das int Paradies Gottes ist. Es 'wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen und aller Jammer würde von uns weichen, und wir sollten wie Hiob tausendfältig wieder erhalten, was das Leben uns nähme". Was eigentlich „Das grüne Gesicht" bedeutet? Wir erfahren es aus einem Gespräche zwischen Hauberisser und seinem Freunde Baron Pfeill. Es ist ein Bild des „Ewigen Juden". Dieses Bild Ahasvers soll sich in einer Privat-Galerie zu Leyden befunden 'haben, „ein Gesicht von oliv-bronzen-r Farbe, unglaublich schreck-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.