Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 188 Nr. 10 die Angst Ausdruck, die das arme Kind bloß für Momente eutpfunden Haben mochte. Ich betrachtete sie lange. Wäre ich ein Maler gewesen,' fo: hätte ich mir, diese andächtige halbe Stunde in einer flüchtigen Skiztze verewd- Zur Erinnerung nahnt ich einige Briefe aus dem Ranzen mit, den die Frau krantpfhast zwischen ihren Schulten: gepreßt hielt. Es waren die Briefe ihres Gatten, des Landstürmers Jehüdja Tobak. In diesen 'Briefen ermahnte er seine Frau zur Ausdauer, schickte er seinen: Rinde Küsse. Er tröstete sie, sich! nicht um ihn Zu mistigen, er befinde jidj; wohl, die Russen hätten sie zwar bei Nowoszielicza zurückgedrängt, da, ihrer soviele waren wie die Spreu, doch würden sie mit ihnen schon fertig werden. Wie denn nicht: Mehr mit Verstand als mit Gewalt. Er hoffe, zu Purim Urlaub zu erhalten. Dann werde er zu Hause schon erzählen,! mit was für List er gegen die Moskoviter gearbeitet habe. Sie könnten ruhig bis dahin warten, der Herr Oberst Fischer habe chm mit Bestimmtheit für Purin: den Urlaub zugesagt. Das wird ein fröhliches Puriutfest werden! Ich nahm die Briefe zu mir und traf im nächsten Dörfchen Verfügungen zur anständigen Bestattung der beiden Toten. Wir — ich und zwei ruthenische Frauen — beerdigten sie aus einer Berglichjtung, dort, wo das Bächlein sich ausweitet. Da ich! keinen Rabbi auftreiben konnte, vollführte ich> selber die Zeremonie: ich betete aus der -Erinmrung einige traurige Psalmen. Wohl blieben Worte und ganze Sätze aus dem! heiligen Urtexte aus, doch ich betete innig uM die Verzeihung, uM das große Erbarmen des Allmächtigen. „El mole rachämim," wiederholte ich mechanisch, während ich die Erdschollen Aber sie schaufelte. Welche Großartigkeit, wieviel Poesie lag! in dieser halben Stunde. Der Genius des Vergehens war Mir erschienen, mein Herz war voll Untertänigkeit, mü> niemals hatte ich« so, sehr gewünscht, Dichtes zu sein, als in diesen Momenten. Ich! war mit meinem Wagen schon weg voM Grabe, als ich bei einer Windung des Weges einen leisten Blick nach dem einsame:: Grabhügel warf. Die Stählen der Herbstsonne vergoldeten die Gipfel der Fichjten/ spielte:: über den frischen. Grabhügel, den kein Stein, kein Wahrzeichen bezeichnete. Und an des Baches «Rande standen Gemsen. Ich« entschloß Mich, Jehüda Tobak, dessen Adresse ich, in den Briefen besaßt von der Katastrophe zu verständige::. Doch mein Griffen gab es nicht zu, den seines Urlaubes harrenden Krieger zu betrüben. Die Briefe trug ich immer bei mir, um mir damit einsame Stunden der Trauer zu versüßen, und weil ich, eine mtbestimMte AhnmU hatte, daß ich! noch! einmal' dem Gatten Frau Jehuda Tobaks begegnen werde. Und das wahrte in der Tat nicht lange. Anfangs November, als wir die /Russen, aus der Bukowina, über den Pruth vertriebe:: hatte::, begab ich mich über die Waldkarpathen nach diesem Kronlande. IMHauptquartiere stritt: uh! den „schwarzen Fuchs", wie seine Kameraden JehNda Tobak nannten- Um seine Lippen spielte eil: gewinnendes Lächeln. Er freute sich unendlich, mit einem ungarischen Journalisten sprechen zu können. Und so oft ich. das Gespräch auf den E,inb!ruch der Russen in die MrraMaros lenken wollte, blieben mir die Worte im> Hälse stecken; ich konnte es nicht auf mein Gewissen nehmen,, das heitere Gemüt dieses guten ‘ Menschen zu verdüstern. Ich, ging! in dem' kleinen rumänischen Dorfe stundenlang mit ihm spazieren. Er erzählte mir viele interessante Einzelhetten Aber die listigen Tricks^, denen er die beiden Sterne und den noch ehrenderen Beinamen verdankte. „Wir haben iMmer :uit KoMbranntwe::: gegen sie gearbeitet," begann er seine:: Bericht Einmal waren wir in einen: Dorfe ungefähr fünfundzwanzig jüngere Landstnrmer :nit Gendarmen. E'ines Tages kornmt ein rumänischer Bauernjunge keuchend zur Gendarmerie gerannt. „In den Gemarkungen des Dorfes, a:N Fuße des Hügels lagern Moskowiter. An vierzig Kosaken mit hohen Mützen, aber auch ebenso viele alte Infanteristen," meldet der Junge. Es war spät am Nachmittag. Was sollten wir tun? Den Kampf:nit ihnen dort an: Dorfesrand ailfnehmen oder uns zurückziehen?, berieten die Gendarmen mit uns. „Weder zurückziehen/ noch! einen Kampf mit ihnen aufnehmen," war meine Meinung. „Wir stellen uns vor den Dorfbewohuern, als wollten wir retirieren, quartieren uns jedoch! in einen: nahen Wirtshause ein. Nachts koMiuen wir zu einem kleinen Besuche zu ihnen zurück. Ich« werde die Lache schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt es nur mir." Und so geschah« es« auch. Wir verließen schleunigst das Dorf. Wer uns aus« der Richtung des Wirtshauses begegnete, den nahmen wir Mit uns, damit er uns nicht verraten könne. Der Wirt überließ Mir seinen Kaftan und seine Pelzmütze, sein Pferd, ein kleines' Wägelein und ein Füßchen vortrefflichen Kornbranntweins. Abends begab ich Mich! in das Dorf. Die Russen befanden sich schon in der Gendarmeriekaferne. Sie mochten sehr ntüde sein, denn selbst die um die Lagerfeuer postierte:: Wachen schlummerten. Immerhin hatten sie Energie genug, mir Halt zu gebieten und Meinen Branntwein zu requirieren. Er hätte vielleicht auch ohne Bron: seine Wirkung nicht verfehlt, doch' ich wollte sicher gehen. Nach! zwanzig Minuten war die ganze Wache in tiefen Schlaf versunken. Das Lagerfeuer loderte noch lustig, als wir Zwanzig die Kaserne umzingelten. Wir führten sie noch dieselbe Nacht ab. Hätten Sie nur gesehen, wie sie schwankten und selbst während des Marsches schliefen. So etwas sind nun Moskowiter imstande.;;; Ein anderer Fall. Wir kanten bei Sereth in ein Dorf. Die Bauern :nachten uns ausmdrkfam, daß! jede Minute Verzögerung unsere Gefangennahine bedeuten könne. „Gut, so ziehen wir uns zurück," Meinte ich«. „Ich habe aber inzwischen erfahren, wo sie ihre Batterie untergebracht haben. Die werde ich ihnen nehmen. Das ist totsicher." Ich suchte mir zwei abenteuerlustige Jungens aus und wir beschlossen, in Zivilkleidung einen „Geniestreich" aNszuführen. Natürlich« wieder mit Branntwein.! Wir ginge:: also zurück, die beiden Jungen als rumänische Bauern, ich! als Jude verkleidet. Die Batterien waren an beiden Seiten der Fahrstraße aufmontiert. Der Offizier schlief in steiner nahen Hütte, die Kanonen waren, der Obhut eines alten russischen Unteroffiziers anvertraut. „Judp!" rief er mich« an, als wir in seine Nähe kanten, „zuerst sagst du mir? wo eure Soldaten stehen, dann igibtst, du das Fäßchjen her." „Ich will es zur Hochzeit meiner Schwester bringen. Sei mir so gnädig und behalte nichjt das Ganze." Er war so gnädig/ und ichj brauchte jedem Artilleristen bloß die halbe Kostschale mit deM köstlichen Naß zu süllen. Nach! einer halben Stunde führten wir Mit ihren Pferdendie Kanonen fort — leider nur eine halbe Batterie. Den Offizier holten dann zwei Landstürmer zu uns. Sie waren ohnehin neugierig auf unsere Stellung gewesen, nun wußten sie wenigstens, wo wir uns befanden."