Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022248-3022256--25774-3051096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 98 ®Y. Wochenschrift" tr. f Ln der Walachei bei, allen rumänischen Juden noch heute in dankbarer Erinnerung steht. Unter einmütiger Zustinrmung seiner Parteigenossen erklärte damals' der Führer des französischen Proletariats, die französische Regierung sei an dem Verbrechen in der Walachei mitschuldig, da sie in Bukarest nichts unternommen habe, um dem Morden und Wüten des Pöbels Einhalt zu tun. I a u r e s verlangte, die Regierung möge im diplomatischen Wege Ln Bukarest gegen das' Verhalten der rumänischen Lülälbehörden in der Walachei energisch protestieren und von der rumänischen Regierung für die Opfer der Exzesse Schadenersatz beanspruchen. Gleichzeitig möge der französische Gesandte in Bukarest auf der absoluten Erfüllung des- Artikels 44 des Berliner Vertrages bestehen und erklären, daß die französische Regierung nicht länger geneigt sei, die bestehenden Zustände in bezug auf die Behandlung der rumänischen Juden als „Fremde" noch weiter zu dulden. Da sich die französische Regierung durch ihren Wortführer gegen den Antrag Jaures, der als inopportun bezeichnet wurde, aussprach, wurde über die Interpellation zur Tagesordnung übergegangen. Dennoch aber - wurde der französische Gesandte in Bukarest beauftragt, in freundschaftlicher Weise bei der rumänischen Regierung im Interesse der rumänischen Juden vorstellig zu weröan. Die Antwort der rumänischen Regierung ist zwar nie veröffentlicht worden, doch ergibt sich aus dem Laufe der Begebenheiten, daß sowohl diese Intervention wie alle früheren und späteren ohne den geringsten Erfolg blieben. Auch das italienische und das englische Parlament befaßten siich zu wiederhollenmalen mit der Situation der rumänischen Juden, und zwar ebenso wirkungslos wie die zahlreichen Schritte, die die europäischen und die, amerikanischen Hilfskomitees für die bedrängten Glaubensgenossen unternahmen. Die rumänischen Regierungen der verschiedenen Parteien blieben allen von innen oder von auswärts an sie gerichteten Vorstellungen gegenüber unzugänglich und erklärten in mehr oder weniger zynischer Weise, es gebe überhaupt keine Judenfrage in Rumänien. Geradezu unüberwindlich sind die ungeheuren Schwierigkeiten, unter denen die gemeinsameSchutzorganisation der rumänischen Judenschaft, die durch lokale Vertretungen über das ganze Land verteilt ist, zu leiden hat. Allen Schikanen der lokalen Machthaber ausgesetzt, kann sie naturgemäß nur Geringes im Interesse der armen jüdischen Bevölkerung leisten, und wo es zwischen ihr und den Behörden zu Konflikten komnrt, zieht sie natürliche in Ermangelung jeder öffentlichen Tribüne den Kürzeren. Immerwährend stand sie vor der Drohung der rumänischen Regierung, die Organisation auszulösen, die ja nach Ansicht der Behörden keine gesetzliche Grundlage hat, weil nach der Fiktion die Juden in Rumänien bloß „Ausländer" ohne Rechte, aber mit allen Pflichten sind. Angesichts der Gefahr eines Gewaltaktes, der die langjährige rnüh selige organisatorische Arbeit brutal zerstören könnte, hat sich im . vorigen Jahre die Zentralleitung veranläßt gesehen, ihr Domizil nach der Schweiz zu verlegen, von wo aus sie weit ungehinderter und freier als' in ihrer Heimat ihre Tätigkeit entfalten kann. Eine Reihe wahrhaft uneigennütziger Männer, die sich in den Dienst der edlen Sache gestellt haben, besorgt pon der Schweiz aus die hundertfältigen Atzenden, die nicht nur aus dem Gebiete organisatorischer, humanitärer, beratender und unterstützender Arbeit liegen, sondern auch das weite Feld der Aufklärung in allen europäischen Staaten und in Amerika umfassen. Insbesondere ersprießlich war bisher die Propaganda in den Bereinigten Staaten von Amerika, woselbst es' der Zentralleitung gelungen ist, nicht nur in den Reihen. : der vielen Tausend rumänisch-jüdischen Auswanderer/ sondern auch in einem; großen Teile der amerikanischeir Öffentlichkeit werktätiges Interesse für die bedrückten Juden Rumäniens zu erwecken. Tatsächlich wurden durch die zielbewußte, in Wort und Schrift geführte Agitation der Zentralleitung in Amerika große Erfolge gezeitigt und die praktischen Ergebnisse dieser Propagandaarbeit sind vollauf befriedigend, indem es.mit Unterstützung amerikanischer Hilfskontitees gelang, vielen Tausend jüdischen Familien Rumäniens die Uebersahrt nach Amerika zu ermöglichen. Dieses Resultat ist umso bemerkenswerter, als sich die rumänische Regierung in der -jüngsten Vergangenheit auf den zu ihrem früheren Verhalten in gerade diameträlem Gegensätze eingenommenen Standpunkt stellte, daß es die Interessen des Landes erheischen, die Juden nicht auswandern zu lassen, sie vielmehr noch weiterunter den sie erdrückenden sozialen und kulturellen Verhältnissen int Lande festzuhalten. Das' bis vor wenigen Jahren in Geltung gestandene Axiom jeder rumänischen Regierung/die heimatlosen Juden in Massen auszuweisen, ulkbekümmert um das weitere Schicksal der nicht selten mit Brachialgewalt von ihrer heimatlichen Scholle Vertriebenen, hat nun der entgegengesetzten Staatsmaximc Platz gemacht. Wenn sich in den letzten Jahren in den österreichischungarischen Grenzstationen und auf den Schiffen der Donau die ergreifenden Szenen des Elends und des Jammers, die sich stets anläßlich der behördlich! angeordneten Massenausweismtgcn der Juden aus Rumänien abspielten, und bei allen, die zufällig Zeugen dieser eindrucksvollen Bilder waren, gleichviel Juden oder Nichtjuden, das tiefste Mitleid mit den Opfern rumänischer Grausamkeit und Willkür erzeugte, nicht mehr wiederholten, so ist diese r elative Besserung der Lage nicht etwa auf die gesteigerte Humanität oder eine erhöhte Kultur der runmnischenMachthaber 'zUrüHnführen/l'ondern' eMfäckfanf die Aenderung irr der Haltung der rumänischen Regierung'bezügliche der Behandlung der Juden. Weder die nationalen noch die politischen oder die konfessionellen Gesichtspunkte der rumänischen Regierung haben " eine Wandlung im Sinne des kulturelleir Fortschrittes erfahren, sondern die Ansichten der Regierung in der Richtschnur geändert, daß man bei der ökonomischen Entwicklung des Landes aus diese „Fremden" als geschäftliche Faktoren nicht verzichten könne und daß von der Festhaltung der Juden mehr Nutzen zu ziehen sei, als von deren Vertreibung. Infolge -dieser Erkenntnis wurden in den letzten Jahren die Juden wohl nicht anehr ausgewiesen, doch ist sonst in keiner Beziehung irgendeine Besserung ihrer Lage eingetreten. Sie sind nach wie vor die Parias der Gesellschaft, ohne Heimat, ohne bürgerliche und politische Rechte und jede Anteilnahme am öffentlichen Leben ist ihnen verwehrt. Wohl gibt es eine verschwindend geringe Anzahl von Juden, Idie durch die Macht des Geldes in der Lage waren, sich naturalisieren zu lassen, wodurch sie die gesetzliche Gleichberechtigung erwarben. Freilich ist diese Gleichberechtigung mehr theoretisch als praktisch und bietet den Betreffenden höchstens ein besseresgesellschaftliches Entree. Im engeren Verkehr mü-der rumänischen Gesellschaft jedoch haben auch! diese formell Gleichberechtigten alle Nachteile ihrer Herkunft zuspüren und größtenteils suchte man durch Uebertritt zum orthodoxen Glauben vor solchen Fotzen zu flüchten. Da ihre Naturalisation in jedem einzelnen Falle nur durch - ein individuelles Gesetz, das vom Parlamente angenommen werden muß, erreicht werden kann, so ist es erklärlich, daß dieser Weg der großen 'Masse der Jndenschaft versperrt . ist. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß eine große Anzahl charakterfester Männer, die vermöge ihrer