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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-02-09 · 6 (9.2.1917) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 6 Ar. BLochs Wochenschrift Sette «L Der Ringelspielaus[chreier unterbrach' die Stille: „Ein Judenmädchen hat mich noch nie geliebt," bemerkte er ohne jeden Grund, bloß um nur etwas zu sagen. Der Bauernjunge fuhr fort: „Der Staat müßte auch für eine Frau Sorge tragen, wenn wir es schon unterlassen haben." Die Herbstsonne brannte heiß, herab. Die Blinden erhoben sich und begaben sich langsamen Schrittes nach dem Arbeitssaale zurück. Ro mulus K a c s e r. Die polnische Jüdin.*) Es ist nicht anders: Tritt dir ein weltbewegendes Gefühl, eine formschaffende, alle Adern unseres' Lebens durchsausenöe Leidenschaft in irgendeiner Gestalt in den Kreis deiner AlltagsteilnahMslosigl'eit, dann wachst bu auf wie aus einem bilderlosen Schlaf, staunst ob dieser gewaltigen Macht, die sich vor dir aufbäumt und fühlst erst, was es bedeutet, Mensch zu sein. Eine sehr breite Straße — Tausende Menschen, Hunderte Wagen füllen ihren Raum. . Keiner sieht den andern an. Vorwärts! Nur vorwärts! Cs gilt, Brot, Ansehen, tausend Nichtigkeiten* zu erjagen. Heisere Kutscherruse. Räderknirschen, fliegende Grußworte und darüber das unbestimmte Gesumme unzähliger Leute, die aus den L-teinen der Häuser zu kommen scheinen. Ich gehe einem Geschäft nach, das mir Brot für die nächsten Tage einbringen soll. Meine Augen sehen vor sich! eure Ziffernreihe — an den lebendigsten Dingen eile ich gesichtslos' vorbei. Alle meine Gehirnkammern sind verriegelt — ich lasse, keinen Weltgedanken ein, er könnte ja meine mühsam gesammelten kaufmännischen Kenntnisse Hinanswerfen. In meinem Ohr höre ich nur die rechnende Stimme meines Geschäftsfreundes. Säße springen aus meinem Mund auf die Straße — ich mache Proben, wie ich dort sprechen werde, wo es ums Brot gilt. Niemand kümmert sich um mein Selbstgespräch, alles ist selbst bis an den Rand voll Sorge. Da bleibt ans einmal jemand vor mir stehen, Worte fallen in mein Herz, ein Weib Hat mich angesprochen. Ich . schaue es verständnislos an. Es wiederholt: „Ich bitt' Sie, guter Herr, wo ist Allgemeines Spital?" Ihr Kleid ist armselig, aus [einen Falten weht der Geruch der Judengasse, in der das Elend jedes Hanstor kennt. „Kommen Sie, ich werde Sie bis zum Allgemeinen Spital begleiten." Auf dem Wege erzählte mir das Weib ihre Geschichte. In irgendeinem Winkel einer Stadt in Ganzien lebt sie mit ihrem Mann und fünf Kindern. Der Mann und zwei der ältesten Kinder find als Hilfsarbeiter in einer Petroleumgrube beschäftigt, was diese verdienen, reicht gerade für Maisbrot, Kartoffeln und den täglichen Heging. Für das feuchte Loch, das sie im Judenviertel bewohnen, muß die Frcm das zerfallene Haus reinhalten und dem Hausbesitzer, einen: Trödler, die Magd abgeben. Die drei kleinen Kinder strÄchen -tagsüber,- die Obhut der schwer arbeitenden Mutter entbehrend, durch die *) Wir entnehmen vorstehende Erzählung dem Buche: Alfons Petzold : „.Sil,..der Wanderer", Band II der Rheinbornbücher, Reuß & Jtta, Konstanz, Preis geb. Mk. 1.50. Ein gedankenreiches und reifes Buch des österreichischen Schriftstellers, das eine größere Anzahl kürzerer, gehaltvoller und packender Erzählungen umfaßt. Gaffen. Eines Tages wird das jüngste, ein drei Jahre altes Mädchen, der Liebling der Familie, von einem tollen Hund gebissen. Was kümmert es die Behörde, daß ein armes Judenweib halb irrsinnig wird, weil man ihr sein Kind nimmt? Das Gesetz befiehlt: ms Pasteur- Institut nach Wien. Woche um Woche verrinnt, es kommt keine Nachricht, wie es dem Kinde geht, alle brieflichen Anfragen sind vergebens. Die große Stadt, die das Kind verschlungen, bleibt stumm auf die Rufe einer angstvoll harrenden Mutterfeele. Irgendein Kanzlist dort denkt sich: Ach. was, ein Judenweib. Da setzt sich in der Mutter ein Gedanke fest: sie muß nach Wien zu ihrem Kinde, und die sagt es ihrem Manne. Der lacht trübe auf: „Eine arme Jüdin und Wien! Warum, willst nicht gleich nach Paris?" Sie aber läßt nicht mehrlos, verkauft ihr Federbett dem Trödler, spart sich vom Munde den Bissen Brot, sie weiß die Ihrigen so zu begeistern für ihren Plan, daß diese beschließen, keinen Hering mehr täglich zu essen, man streicht an dem zuletzt gekauften zu jeder Mahlzeit das Brot und die Kartoffeln hin und her, so hat man eure ganze Woche den Geschmack von Hering im Munde, ohne einen zu essen, das kann man sich merken! Endlich ist soviel Geld zusammengerafft, als für die Eisenbahnkarte nach Brünn notwendig ist, den Rest des Weges geht die Mutter zu Fuß. Sie ist mit ihrem Erzählen fertig. Wir stehen vor dem Tore des riesigen Spitals. Mit überhastigen Worten bedankt sich das Weib und verschwindet in der Welle der Menschen, die in der gewaltigen Toreinfahrt aus- und abflutet. Ich stehe im lärmenden Wirbel der Straße. Eine Schallwelle überbäumt die andere, im engen Gedränge scheuert sich Mensch an Mensch, man stößt mich hin und her, ich achte es nicht. Irgendwo ist mir die festliche Freude aufgesprungen. Ich weiß wieder, daß es. wert ist zu leben, das Judenweib hat mir gezeigt, wieviel Liebe, wieviel Kraft die Straße füllt. Alfons Petzold. Literatur. ,Mutt 6s Jövö" Die von Dr. Josef P a t a i in Budapest glänzend ..redigierte Zeitschrift für jüdische Kunst und Literatur betritt nun den 7. Jahrgang und auch die neuesten Hefte der Zeitschrift zeigen einen unerschöpflichen; Reichtum von literarischen Aufsätzen und meisterhaft ausgeführten Bildern, die „Mult es Jövö" auch in den Weitesten Kreisen des Auslandes rühmlichst bekannt gemacht haben. Jedes einzelne Heft kann fast als Album und reichhaltige Monographie angesehen werden, in dem geistvolle Beiträge >und herrliche Reproduktionen einander künstlerisch. ergänzen. Die Spezial-Nummern des „Mult 6s Jövü", die Prager, Wiener. Berliner. Palästiner Nummern, bedeuten einen dauernden Wert, wie überhaupt „Mult 6s Jövö" eine hohe Stufe jüdischen Kultuslebens zeigt, was wir jetzt umso höher schätzen, als wir den. Wert der jüdischen Kulturarbeit von neuem Gesichtspunkte zu. werten wissen. Der Redakteur Dr. Josef P a t a i. der bekannte ungarische Dichter, der die hebräische Poesie durch die große Antologie seiner Ilebersetzungen und Studien in ganz Ungarn bekannt gemacht hat. gibt auch in seiner Zeitschrift echt jüdischem Geiste Raum. ■ Tr und feine vorzügliche Mitarbeiter-Garde, 'behandeln die Fragen des jüdischen Lebens, der jüdischen Kunst und Literatur.. Dr. P atai bearbeitet , auch die Lehren und Sagen des Chassidismus. „Mult 6s Jövö" gibt feit dem 1. Januar 1917 auch eine Zeitschrift für die jüdische Jugend unter dem Titel „Remäny" („Hoffnung") .heraus, die ebenfalls mit .,reichem Inhalt und reich iliustriert erscheint. Außerdem gibt die Zeitschrift auch eine Serie von vortrefflichen Büchern jüdischen Inhalts heraus. „Mult es Jövö" ist das vornehmste und verbreitetste Organ des ungarischen Judentums und hat in diesem Lande sehr viel zur Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins beigetragen, es hat eine jüdisch-kulturelle Atmosphäre geschaffen und Interesse für jüdische Fragen geweckt in Kreisen, die sich'vom Judentum fast ganz entfernt haben. Das Abonnement des „Mult 6s Jövö" ist ganzjährig 22 Kronen. Redaktion und Administration: Budapest, -VI..' Podmaniczkygasse 6.. ' ' _

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