Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite M Dr.' Bloch/K Wochenschrift" Nr. 6 Kanonen MerschütteLen den W ald mit ihren Geschossen ünwir gingen zürn Sturnr Wer. Der rechte Flügel des Feindes begann sich plötzlich zu rühren. Wir kamen in einen fürchterlichen Kugelregen. Ich fühlte einen mächtigen^ dumpfen Schlag am Kopfe, fiel aber nicht nieder. Ich wußte, daß wir das feindliche Feuer nur-mit Sturm zum Schweigen bringen können und scherte mich darum nicht viel um meine Person. „Drauf lo}', Jungens!" enim;kjic ich meine Honveds' und stürmte mit blankem Sabel werter. Aber nur wenige Schritte. Denn dann siel ich hin. Jetzt mußte ich mich schon um meine Person scheren; ich betäppte meine Wunde: eine Kugel hatte mich! in der zechten Schläfe getroffen und — heiliger Gott! — jetzt fühlte ich auch schon, daß ich ureine vorwärtsstürrnenden Jungens nur in meiner Phantasie sehe — die Kugel hatte meinen Sehnerv vollständig 'zerstört. Ichmochte wohl eure Stunde gelegen sein. Das Getöse des Kampfes war kaum mehr vernehmbar, der Herbstwind führte mir bloß das Wimrnerneiniger Kameraden zu. Ich hatte Fieber. Verlangte Wasser, Wasser mit jeden Preis, denn ich verschmachtete fast. Dann begann ich in der Richtung fortzukriechen, aus derich die Hilferufe der Kameraden vernommen. Plötzlich legte jemand feine Hand auf meinen Rücken. ' „Ich will .Ihre Wunde verbinden," sagte er deutsch, aber mit russischem Akzent, „ich bin Arzt." Er wusch behutsam meine Wunde aus und wickelte ebenso behutsam den Verband nur meinen Kopf. Ich bat chn um Wasser; er konnte mir keines geben, da er selber keines hatte und die Quelle sich sechshundert Schritt von hier entfernt gerade auf denk Kampfplatze befinde. Als' er-den Verbarid angelegt hatte, drückte er mir nochmals die'Hand und empfahl sich. Tie Pflicht rufe ihn weiter, sagte er, mir. .. . Ich aberblieb erblindet zurück. Ich tappte nach meinem Säbel, uM ihn mir ins Herz zu stoßen, fand aber nicht die Klinge. Auch mein Revolver war verschwunden; wahrscheinlich hatten Schlachtfeldhyärien oder feindliche Soldaten ihn mitgenommen. Ein kalterWind verriet mir das Herannahen der Nacht. Ich rief nach meinem Diener. Keine Antwort. Nur bisweilen dringt das hinsterbende, schwere Wimmern eines Kameraden zu Mir. Zwecklos krieche ich weiter und sichle, wie kalte Frösche über meine Hände hinwegspringen. Ich war sehr erbittert. Da begann ich' zu beten, was mich einigermaßen beruhigte. Ich hätte gerne geschlafen und tappte nach einem Steine, den ich unter meinen Kops schieben könnte. Ich fand einen Rucksack, der mir dann als Polster diente. Schon war ich eingeschlumprert, als ich leise Schritte vernahm. Ein Leichenschänder! dachte ich mir, vielleicht lebt ein Funken Menschlichkeit inihm und er bringt mich ins nächste Dorf. Ich vernahm die Schritte immer näher, der Herannahende stolperte Wer mich, fiel hm Md schrie erschrocken auf. Es rvar eine Frauenstimme. „Fürchten Sie nichts," beruhigte ich sie, „ich kann Ihnen nicht schaden; ich bin blind, ein erblindeter Soldat." Ich fühlte, wie sie meine Hand ergriff. „Kommen Sie Mit wir. Es ist eine mondhelle Nacht; vielleicht . stoßen wir bis zuM' Morgen auf unsere Soldaten." v . Ich erhob mich mühsam, schlang: meinen Arm um ihre.Hüsten und sie führte mich. Ich fühlte, wie sie an ällenGliedern zitterte, wagte aber nicht, sie zu-befragen, woher und zu welchem Behufe sie zu so später Nachtstunde stunde. auf das Schlachtfeld gebimmen sei. Ich verlangte Wasser., Sie.hatte keines: Führte mich zu einer Quelle und . Ächte Mr. Ms einem Töpfchen zu trinken. - Noch niemals hätte, ein Trunk mir so gemundet. Das Quellenroasfer hatte auch sie erfrischt, und nun erzählte sie mir ohne Befragen, daß um die. Milt ag stunde Kosaken in das Dorf eingebrochen seien; alle: Einwohner, besonders die Juden, waren erschrocken pnd ihr Väter hatte sie in die Nachbarschaft zu einem! alten polnischen Bapernpaare geschickt, jvo sie die Nacht abwartete und dann beim Scheine des Mondes aus denk Dorfe geflüchtet rvar. Nicht auf der Landstraße, da diese, von feindlichen Soldaten bewacht wurde. So war sie in die Höhe des Waldes gelangt und jetzt auf mich gestoßen. Wir mochten an sechs Stunden wortlos nebenemander einhergeschritten sein. Jetzt endlich erblickte' meine Begleiterin eine Husarenpatrouille. „Unsere Soldaten kommen. Wahrscheinlich rmgarische Husaren," bemerkte, sie, „ich werde Sie Ahnen übergeben und dann rveiter meines Weges ziehen." „Sie bleiben bei mir," entgegnete ich and rief darrrr laut: ' . „Heda, Hnsarer', hierher!" Es waren prächtige, gute Jungens. Sie stiegen von den Pferden, halsen mir auf eines .der Rosse hinauf und Landen mich an ihm fest. Ich hatte sie gebeten, auch das Mädchen auf ein Pferd zu setzen und uns beiden Reiter nach dem nächsten Feldsvital zu bringen. Dort bat ich den Kommandanten, das Judenmädchen möge als Pflegerin bei mir belassen werden, wohin irnwer man mich auch bringen sollte. Sie blieb bei mir. Wurde eine zärtliche, aufopferungsvolle Pflegerin, die'aber sehr schweigsam war. Sie hatte kein überflüssiges Wort für mich. Sie mochte ein großes Geheimnis' in ihrem Herzen bergen; solche Frauen sind in der Regel nicht redselig. Man brachte mich in ein mährisches Städtchen und meine Pflegerin folgte mir auch dahin. Eines Tages, eine Woche nach der Operation, als ich schon fieberfrei war, wandte rch mich zu chr: „Sehen Sie, Recha. das Schicksal hat uns, für einander bestimmt. Bleiben Sie für immer an meiner Seite." „Das ist unmöglich," emgegnete sie traurig, „mein Geschick hat mich für einen Haderen bestimmt." Wir sprachen nicht rveiter darüber. Wohl hätte ich ihr gerne gesagt, daß 'ich vermögend sei, daß sie sich über ihre Zukunft, keine Dörgen 'zu machen brauchte, daß ich auch ohne Augenlicht arbeiten wolle, da ich der Welt noch vieles zu sagen habe, doch ich schwieg, ich wartete, bis sie wieder sprechen würde. . Ich mußte Nicht lange warten. Eines Tages, als wir draußen im Garten spazierten, bemerkte sie: „Herr Fähnrich, er ist auch hier. Die haben ihm die rechte Hand amputiert; aber er ist schon, auf dem Wege der Besserung, nächste Woche darf er schon das Bett verlassen. . Er, er. . . das! asia war ihr Geheimnis. Dann erfuhr ich allmählich von ihr, daß ihr Bräutigam Schlosser sei. „Ohne Hand wird er kaum etwas verdienen können," bemerkte ich.. „Dafür habe ich ja gesunde Hände," antwortete sie schlicht. In ihrem Tonfälle, lag soviel. Selbstvertrauen, das; ich . nichts zu entgegnen wagte. . „Und was soll mit mir geschehen?" fragte ich nach einer Pause unwillkürlich. , Sie antwortete 7 nichts, ergriff meine Hand, küßte sie und ich fühlte, wie ihre Tränen darauf hinabrollten. Sie blieb, nur noch, eine Woche an meiner Seite. Dang blieb sie ohne Abschied aus, ein fremder Mann trat als Pfleger an ihre Stelle.. Die..einzige.Erinyexürig: an sie bildeten die zwei Tränentropfen, die ich auch jetzt noch auf meiner Hand fühle." —?- Der. Fähnrich schwieg. Die blinden Kameraden drückten . einanderwortlos -die Hände.' .