Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3022248-3022252--25718-3051036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 46 Dr. Bloch's Berlin, 6. Januar. Der konigl. Bibliothekar Doktor Heinrich Loewe, unser gelegentlicher Mitarbeiter, erhielt für wissenschaftliche Arbeiten den Professortitel. Wir beglücklvünschen ihn zu diesem! -Erfolg und rufen ihm zu: „Jejascher kauach". — Herr Rabbiner Dr. Löwenthal von der Damthor-Synagoge in Hamburg wurde als Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. Eschelbach er nach Berlin berufen. Aus Warschau wird mitgeteilt: Der bekannte Rabbiner Kohn - Ansbach wurde zum Warschauer Oberrabbiner gewählt. (Rabbiner Kohn ist ein politischer Kopf und erfteut sich guter Beziehungen zu den dortigen Behörden.) Wer weiß? Perl Mayer aus Kolasztowske, Bez. Kolomea, derzeit in PohrNtz, Baracke X, sucht ihren Schwager Seide Mayer aus Rohyna, Bez. Kolomea. Moses Scharage aus Jagelinske-Stara sucht seine Frau Rufte. Itachrichren erberen au Adolf Grünbaum, Mißlitzi. Emanucl Gold, derzeit in Wertzrirch Nr. 50 bei Jägerndors, sucht seine Schwägerin Fneda Stein mir fünf Kindern aus Kuty. Frau Lrt Srrouber aus Piotrow, Bezirk Horodenka (Bukowina), derzeit Krummau, sucht ihren Mann Salomon Strouber, derzeit im Felde. Zurzeit ver Frucht der Eti Strouber, also vor zirka 7 Monaren, befand sich der Mann bei der k. u. 1. Train-Division Nr. 11, 6. Unterabteilung, in Schönbrunn (Schlesien)._ Demselben ist unbekannt, dag sich seine Frau und Kinder in Krummau befinden, hat auch seit 7 Rionaren keine Nachricht gegeben. l Frau Anna Ritzer aus Tlunrac, derzeit in Schwarzbach (Böhmerwald), sucht ihre Mutter Gitel Morgenstern arrs Uzci- Zilona bei Tlumac. Herr Chajm Ber Freimann aus Czortkow (Galizien) bittet um die Adresse seines Sohnes Jonas Freimann, Landwehr-Regiment Nr. 20. Schaje Kurz aus Wiznitz (Bukowina), derzeit beim k. u. k. Etappen-Pstrde-Depot in. ^Innsbruck.., (Tirol), ,. sucht,. seine , Frflu Chane samt zwei Kinderm .Infanterist Mager Leiser, aus Zloczow (Galizien), derzeit rm k. u. k. Reservespital Nr. 1 in Brünn (Deutsches Gymnasium), sucht seine Mutter Feige Roth aus Zloczow. 45 Jahre alt. Sie befand sich im Barackenlager in Pohrlitz (Mähren) _ und wurde Don dort am 4. Juli 1916 nach St. Georgen (Oberöster- „reich) abtransportiert. Infanterist Binder Snnon Israel aus Zaleszyki, 38 Jahre alt, beräeit im k. u. f. Reservespital Nr. 1 in Brünn (Kronprinz Rudolfschule), sucht seine Frau Jetti Binder, 35 Jahre alt, mit zwei Kindern. Letzte Nachricht Don ihnen aus Kopiczinja. Diesbezügliche Mitteilungen nimmt die k. u. k. istael. Militäcseelforge in Brünn, Augustinerstrahe 13, entgegen. Taube Hillmann, Wien, 2. Bez., Darwingasse 5/9, sucht ihren Mann Pinkas Hillmann aus Kolomea. Gefangene in RnfzMnd. Joachim Rubel, 56 Jahre alt, Händler, gefangen in Galizien, befindet sich jetzt in Hensa, Gouvernement Pensa (Rußland). ________ Feuilleton. Heimat in der Fremde. Von einem Rabbiner. „Es ist der Krieg ein rauh gewaltsam Handwerk, inan kommt nicht aus mit sanften Mittel. . . Und dennoch zeitigt er so manchen Edelsinn, der im ewigen Gleichmaß des Lebens' versumpfen würde. Der große Polyhistor, der Rechtfertiger des physischen und moralischen Uebels in der Welt, G. W. Leibni z, dessen 200. Todestng füngsthin die ganze gebildete Welt, allerdings matt gedämpft durch den Trauerflor, der über die Menschheit gebreitet ist, beging, er ist es, von dem das Wort stammt: „Nur der Mangel an Aufmerksamkeit vermindert die Güter, die wir genießen, und diese Auf- Wochenschrift" . Nr. 8 merksamkeit muß durch, eine Vermischung, mit Uebeln bei uns rege gemacht werden." .(Theodizee, § 13.) So traurig, so trostreich ist. dieses Wort auch für unsere leidensreiche Zeit. Der Aufmerksamkeit des klaren Beobachters werden Episoden wie die folgende nicht entgehen, die bei aller Häufigkeit inmitten des! Schauerdramas) das über die Welt hereingebrochen, dennoch mit sanftem Schimmer. das Dunkel desselben verklärt. In Mankendorf, an der mährisch-schlesischen Grenze, einem Dorfe, in'dessen Gemarkung wohl niemals noch zwei Inden gemeinsam weilten, zogen dieser Tage, siebzig jüdische Fluchtlingssamilien aus Galizien ein; ein leider gewohntes Bild der Gegenwart in den Sudeten. Der dortige Bürgermeister, sonst nichts weniger als Philofemit, bat im Namen derselben die Nächstliegende Kultusgemeinde N. unt eine Thora mit der Bemerkung, daß er, der schweren Zeit Rechnung tragend, als Deutsch- _ radikaler mit diesen armen Opfern gemeinsamen Wehes ' mitsühle. Ein erhebendes Bild der'Menschlichkeit mitten im Weltbrande der Gehässigkeit, lindernder Balsam der Gesamtheit für das unverschuldete Leid des Einzelnen, zumindest eine ideelle Heimat in per Fremde für die von ihrer Scholle ins kalte Winterasyl Vertriebenen. Damit wäre diese anspruchslose Episode der großen Welttragödie hinreichend gekennzeichnet, wenn sie nicht, wie gesagt, als typisch für andere irr einem vielgelesenen Organ näherer Würdigung bedürfte. Man war lange im Westen gewohnt, die östlichen Juden als Ausbund der Selbstsucht, des Schachergeistes zu beurteilen. Nun schleudert sie das Schicksal in unsere Mitte, gebeugt, aber nicht gebrochen. Gewiß, nicht lauter selige Engel; was man zwar angesichts ihrer Engelsgeduld zu glauben versucht wäre. Grillparzer sagt einmal: „Das ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, daß selten drin der Mensch sich rein erhält." (Medea.i) Nichk' das! ist die Fräge: Wie das große Unglück dieser Menscherr einzelne unter ihnen wankend zu machen, sondern wie es nicht vermochte, die Gesamtheit derselben vom Pfade des Rechten abzubringen. Des Lebens ewig gleichgestimmte Ruhe breitet eine täuschende Hülle über des Menschen innerste Gesinnung. Ganz, anders die Heimsuchung. Erst diese bringt das Gute, das in ihm schlummert, zum Vorschein. Erst in Not und Elend, wo der. Menschi mit seinem Kummer allein bleibt, alle /sogenannten guten Freunde sich scheu beiseite drücken, niemand zurückbleibt, um dessen gutes Wirken an die' große Glocke zu hängen, erst da fällt die Maske der Heuchelei vom Antlitz und e$ zeigt den ehrlichen Ausdruck. i ' So fordert das Los der Heimatlosigkeit unserer Flüchtlinge zur Prüfung ihrer innersten Wesensart heraus: Sehet ihr unversiegbares. Gottvertrauen, ihren unstillbaren Trieb nach geistiger Regsamkeit im Lande der. Fremde! Anderen /hätte dasselbe schon längst jeder höheren Regung beraubt. Wohin ihr wundgelausener Fuß sie führt, ihre erste Sorge ist eine — Thora, die erste Stätte, die sie aufsuchen, ist die^ Andachts- und Lehrstätte, ihre „Satzung ist ihnen buchstäblich Feftge-' sang im Hause der Fremde". — Aber was nützt alle Gehobenheit der Seele gegen die rauhe Wirklichkeit? Das Leid hat nur zu oft MM Urheber den krassen Neid. Doch wie? Sollten diese Unglücklichsten der großen WelLkatastrophe, die armen Teufel von Kolomea und Stanislau, den Neid der Götter entfacht haben? Wenigstens behauptet es die böse Fama, weil sie es seien, die sich am Weltkrieg am meisten bereichert haben; nämlich durchs — Schweigen, das bekanntlich Gold ist, ein Artikel, in welchem sie als erprobte Handelsleute konkurrenzlos dastehen, denn sie ertragen ihr schier unerträgliches Schicksal stumm wie das Grab'. Doch Scherz beiseite! Westeuropa wird sich allmählich gewöhnen, diese Heimatlosen Galiziens würdiger als bis-