Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-01-19 · 3 (19.1.1917) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022248-3022252--25719-3051037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 47 Nr. 3 Dr. Blocht Wochenschrift" her zu beurteileu. Es uiag ja sein, daß eine gewisse Richtung, die augenblicklich vom Rotstift des Zensors irr die gebührlichen Schranken gewiesen, und sonst von gewaltsamer Entzweiung anderer ihr Dasein fristet, begierig auf den Augenblick lauert, wo ihre Fesseln gelöst werden, um sich sodann auf die paar Auswüchse zu stürzen, welche die schwere Not der Zeit gereift, und sie als Regel zu stigmatisieren. Gewiß gibt die Not keinen Freibrief auf 'Schlechtigkeit, aber auch kein Privilegium wirtschaftlicher Auswürflinge nur für die eine Klasse der Gesellschaft und nicht für die anderen. Auch die Pflanze verdorrt, verkümmert ohne Sonnenwärme, ohne Himmelstau. Und müssen Menschen, die dem zentnerschweren Leid nicht erlagen, darunter weder Verstand noch Moral verloren, nicht alle Achtung abringen? Das sind wirklich die lieben Juden — des Geschickes. Aber das Minus, das ihnen anhaftet, die kleinlichen Praktiken, das Herumdrücken um das Schicksal, welches ihnen der moderne Westen mit seinen sozialen Forderungen bedeutet, der rauhveranlagte Intellekt, der .sich in Naivitäten verausgabt und hiedurch den Eindruck des Lächerlichen und Kindischen erwecken muß? All dies zugegeben, so ist es doch nur das instinktive Festklammern des Schiffbrüchigen an den Rettungsanker; ein Minus, das sich ausgleicht zugunsten des großen Plus: die gewaltige Kraft der Entsagungsfähigkeit, welche die religiöse Satzung ihrem Gemüt 28 lange und bange Monate hindurch auferlegte. Das sind Eigenschaften, die nicht zuletzt ihnen die Heimat in der Fremde im Kreise derer verschafft, denen ihr Milieu sonst nicht zu Gesicht passen mag. Zwar wie dem „frohen Wandersmann" ist den Bedauernswerten heute nicht zu Mute; aber in gewissem Sinne gilt auch für sie, was der Dichter von diesem geschrieben: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." In dieser Virtuosität, aus religiöser Kraft die Heimat in der Fremde sich aufzuerbauen, ist ihr Stamm kein Neuling mehr. Sie wurde ihm vor 4000 Jahren am Fuße der Pyramiden mit den Worten eingeimpft: „Ich bines, der mit dir hinabsteigt (ins Exil), ich. der mit dir emporsteigt"; würde ihm an den Strömen Babylons, an dessen Trauerweiden seine verklungenen Harfen hingen, in den Worten vorgesungen: „Euretwegen wurde ich nach Babel geschickt." (Jes. 43.) Aut 9. Ab des Jahres 1492 verließen seine Kinder ihrer Väter liebgewordene Heimat, Spanien, deren Leichenstein auf dem Rücken, geleitet von sanften Musikklängen, die ihre.Weheklagen .übertönen sollten, sowie von dem trostreichen Worte: „Es zieht vor ihnen einher ihr König und der Herr zu ihren Häuptern." (Micha 2; Jbn Berga, Schcbeth Jehuda.) Und da prägten sie die Jahreszahl solch unsäglicher Bitternis in die hoffnungsseligen Worte des Propheten: „Er, der Israel zerstreut n *1tö 5252 —1492), er wird sie wiederum sammeln, und sie behüten wie der Hirt seine Herde." (Jerem. 31; f. H. Grätz' großes Geschichtswerk: Band 8.) Also sind es auch heute, nach 700 Jahren, die Vertriebenen aus 'liebgewordener Heimat, denen aus dem Tränental ihres Leides ein Ouell des Trostes entspringt, dessen Rand sie gleichsam in die vertrauensfesten Worte des biblischen Dulders fassen, zugleich mit denselben die Jahreszahl ihrer Prüfung mengend: „Wie hilfst S)u ..(rflT;? 5676 —1916) dem Schwachen und stützest den Arm des Kraftlosen!" (Hiob 26.) So wirkt das herzerschütternde Los, welches sie ihrer Heimat beraubt, doch einigermaßen versöhnend mit dem Gang der Ereignisse, weil sie selbst die ersten sind, die sich gottergeben mit ihm aussöhnen. Weit entfernt von willenlosem Stumpfsinn, erblicken, sie in ihrem Leid vielmehr Gottes Fügung: „Es ist eine harte Prüfung"; „das Joch des Exils"; ...ein-Gebot der Obrigkeit". Dies sind die Waffen, die sie der Tücke des Ungemachs entgegenhalten; nicht verzweiflungsvolle Auflehnung gegen eine Laune des Verhängnisses, der wir im gebildeten Westen längst schon verfallen wären. Auch sie sind es, die, wie ihre Ahnen, schon das heldenhafte ..Durchhalten" unter des Leides' Bürde gleichsam in ein gläubig-logisches System bringen; eine lebendig gewordene Probe auf das Exempel, wie geistige Spannkraft aller: physischen Druck aufzuheben vermag; auch ein Plus, dem wir im Westen die großen Ressourcen gegen die verheerende Krankheit der „Wassersucht", gleichsam die tapferen Marschbataillone gegen die Taufseuche, verdanken. Allerdings brachte sie um ihre Heimat jene Kraft, *die schon seit Jahrhunderten im Osten stets das' Böse will und stets das ethisch Gute schafft. Aber gerade dadurch erwarben sie ein Heim im Herzen derer, die noch! humanitären Regungen zugänglich sind. Sie bieten in ihrer ungeheuchelten Märtyrergestalt nicht nur eine Offenbarung ihres, sondern, des leidenden Menschenrechtes; Blätter jenes uralten Stammes, der ötmt Sturme wohl gerüttelt, aber nicht entwurzelt werden konnte, dessen Früchte wohl spät reifen, der aber mit immergrünem Laubwerk ihr müdes, sorgenschweres Haupt erquickt. Ja, den armen Duldern von Mankendorf soll ihre Thora verschafft werden als der seelische Trost einer „Heimat in der Fremde". Das gleichnamige Poem eines unserer klangvollsten Dichtergemüter, es läßt einen, in weite Ferne verschlagenen Fremoling die Heimat in den traulichen Lauten der geheiligten Muttersprache wiederfinden. Der machtvolle Lauf des göttlichen Rechtes, er wird allen Menschen die Heimat in der gemeinsamen Muttersprache wahrhafter Liebe bieten. Gewiß, die ist noch weit im Felde. Aber ihre Symphonie wird doch derzeit trotz aller schrillen Mißilänge der Gehässigkeit, der alle unsere Opfer an Ehre, Gesundheit. Vermögen, Leben und Heimat fürs Vaterland „perzentmäßig" zu geringe sind, siegreich erklingen. Ihr Widerhall ist heute schon, wenn auch leise, in Episoden wie die geschilderte zu vernehmen; unüberhörbar lauter aber in der unwiderleglichen Stimme der Statistik folgender authentischer Literaturdokumente: Moritz Frühling, „Die Juden in der österreichischen Armee"; „Jüdisches Kriegsarchiv" und nicht zuletzt indem wertvollen Material des vorliegenden Journals. Ihr erhebender Gleichklang wird wohl mit all dem namenlosen Wehe der Menschen bitterschmerzlich, jedoch irrt Verhältnis zu ihrer Beseligung nicht zu teuer erkauft fein. Hier der verheerende Menschenhaß der Sasanows, Jswolstys, Nikolajewitschs. an ihrer Seite alle inneren Feinde, die den geheiligten Burgfrieden untergraben, dort die Mehrer des Reiches inmitten derjenigen, die in schweren Tagen den Frieden nach imren mit allen Kräften gefestigt haben. Literat«». Franz Karl Ginzkey. ..Helden." Schilderungen ruhmreicher Taten aus dem Weltkriege 1914—1916. Nach amtlichen Quellen und eigenen Wahrnehmungen. Bilder von Roland Straffer. K. k. Schulbücherverlag. Wien und Prag 1916. „Der Jude". Eine Monatsschrift. Herausgeber: Dr. Marlin Bub er, Heppenheim a. d. Bergstraße (Hessen). Verlag R. Löroit. Abteilung „Der Jude", Berlin N. 37, Weißenburger Straße 6, oder Wien, 1. Bez., Wollzeile 6. 1. Jahrgang. Heft 9. Dezember 1916. Inhalt: Mar Rosenfeld: Die neue jüdische Gemeindeverfassung in Polen. — Ben-Ami: Erinnerungen an Leo Pinsker. — M. I. Bodenheimer: Das jüdische Volk und seine Parteien. — Samuel Krauß: Mesopotamien, das Land der Zukunft. — S. A. Horedzky: Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim. I.. 2. — Jakob Kl atzkin: Grundlagen des Nationaljudentums, 2. — N. M. Gelber: Die historischen Vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.