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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-01-12 · 2 (12.1.1917) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 Dr. Bloch's Wochenschrift" Nr. 3 Imponderabilien des deutschen Wortempfindens ein richtiges, natürliches, schöpferisches Verhältnis Zu finden. In keiner Literatur eines europäischen Volles, weder im Schrifttum der Russen, noch der Polen, noch der Franzosen, Engländer oder Italiener, vermochten die Judenin das Gefühlsleben des Volkes einzudringen, auf dem Gebieteder schönen Literatur etwas Nennenswertes, Bleibendes Zu leisten. Wie ganz anders in Deutschland. Man mag sagen, was man will, ein Heine, Auerbach, Schnitzler, Ho,mannsthal, Wassermann, Sams, Zodzmann usw. bilden euren integralen Bestandteil der deutschen Belletristik und sind aus dem deutschen Kulturleben, aus der deutschen Literatur nicht wegzudenlen. Die Juden waren infolge ihrer Kongeniaiüät imstande, den' inneren Ton der deutschen Sprache zu finden, zur deutschen Volksseele zu sprechen, etwas' dem deutschen Gemütsleb'en adäquates zu erzeugen. Die Loreley des Juden Heine gehört unbestritten zu den populärsten Volksliedern Deutschlands. Das deutsche Volk in. seinen weiten Schichten liebt die Produktionen seines Geistes: Ein flammender Nationaldeutscher wie Heinrich Treitschie stellt ihn einem Byron gleicht) Friedrich Nietzsche schreibt: „Gar nicht zu reden von Heinrich Heine — fadoiauje Heine, sagt man in Paris —,. der den tieferen, seelenvollen Lyrikern in Fleisch und Btut übergangen ist." Den deutschen Demagogen gegenüber, die aus Prinzipienreiterei von Heine sich abwenden, fand Nietzsche sehr scharfe Worte: „Was wüßte stteutsches Hornvieh mit den a. einer solchen Natur anzufangen."9) Otto Ernst redete vor ein paar Jahren dem Deutschtum Heines das Wort, „daß er.ein deutscher Dichter war, erweist sich darin, daß er mit echt künstlerischer, ja oft mit bewundernswerter Vollendung und mit Zündender und ergreifender Wirkung die deutsche Sprache handhabte, sich in das Herz des deutschen Volkes hineinsang und solche kerndeutsche Naturen, wie Franz Schubert, Robert Schumann, zu den herrlichsten Schöpf fungen begeisterte.Aehnlich verhält es sich auch mit dem gesprochenen Worte. „Der größte Prediger deutscher Zunge" war der mit 21 Jahren getaufte, in Kutten- Aan in Böhmen geborene, dann Doktor dreier Fakultäten und Domprediger bei St. Stephan in Wien — Joh. Em. Veith. (f 1876.)* 11) Die besten oder mindestens volkstümlichsten Kriegslieder, die während des „Großen Krieges" verfaßt wurden, waren zweifellos der „Haßgesang" des Juden Lissauer und das! „Reiterlied" des Juden Zuckermann. Die deutschsprechenden Juden haben das richtige deutsche Sprachgefühl nicht erst in der Assimilationsperiode der Neuzeit erlangt. Noch lange vor den Emanzipationsdekreten, als noch die Juden hinter den rituellen Zäunen allenthakben abgeschlossen lagerten und bloß in ihrem eigenen Dialekt dachten und träumten und die Erzeugnisse ihrer Muse in jüdischem Alphabet niederschrieben, erweckten in deutschen Herzen die jüdisch-deutschen Schöpfungen lebhaftes Echo und fanden liebevolles Interesse. Johannes Buxtorf, der ältere, äußerte im Jahre 1609 seine Freude wegen des Bestandes einer jüdischen Literatur in deutscher Sprache, da die jüdisch-deutschen Ueöertragungen aus dem Hebräischen die sonst schwer zugänglichen hebräischen Werke den Deutschen erfchliefjeit.12) Wagenseil erzählte im Jahre 1609 vergnügt, daß „in solchem Dialekto sind sehr viele Historienbücher gedruckt, welche sowohl wahre als erdichtete Geschichten ent¬ 8) H. Treitschke: I, 387; j ' j :! s) Fr. ZlieZicye: Der Fall Wagner, 196. Leipzig 1899. 10) Otto Ernst: Blühender Lorbeer, 213. Leipzig 1910. 11) Cölestin Wolssgruber: Kirchengeschichte Oesterreich-Ungarns, 118. | | 12) Johannes Burtorf: Thesaurus linguae hebraicae 643 Basiieae 16t>y. hdiüo VI. halten und haben bevorab die letzteren eine sonderbare Anmut, allermaßen dann die Juden Zu allen Zeiten in Apologiis, Gieichnuffen, Rätseln und Lehrzeichen. Fabeln vor anoeren Nationen Meister^ gewesen und wie nit nur aus der Gemara, sondern auch heiliger! Schrift selbsten genugsam zu ersehen. Können also die Sorgen, schwere Gedanien und Traurigkeiten mit nichts beffer, als deren Jüdisch-Teutschen Büchern vertrieben werden und haben das gute an sich, daß sie kein böses! Geschwätz,! so gute Sitten verderbet, sondern mehrenteils lauter wie zur Lust dienende, auch zur Tugend und Erbarkeit" anregende Dinge enthalten»^) Magenseil veröffentlichte infolge seiner Wertschätzung des jüdisch-deutschen Schrifttums einen Leitfaden zur Erlernung, des jüdischen Alphabets und übersetzte selbst ins Hochdeutsche „den jüdischen Ge,chich<!sroman vom großen Köng Araico in Engellano". Die mundartliche Bibelübersetzung der deutschen Juden wurde zu Beginn des 18. Jahryunoerts als Bestandteil der deuischen Liieratur ange,eyen. Als im Jahre 1710 in Wanosbeck eine Sammeiausgabe der Bibelübersetzungen aller deuischen Kon,e,fionen, die Penrapla, erschall, rangierte in oer,eiben neoen der Augsburger-proiestantischen Bibel Luthers) der katholischen Bibel Uienoergs, der heiveiijch-pioiestantischen Birei des Schweizers Piscator und der hoiiänoiscyen ^taaienbibei auch die Mdijch-deuische Bibeiüoer>etzung W.tzenhau,ens.^) Wagenseil und die Pentapla waren nicht vereinzelt. Auch andere deutsche Jntclwctuelle christlichen - Glaubens fanden es im siebzehnten und achtzehnten Jahrhunoert oft für nützlich, jüdischdeuische Bücher in Umschrift und hochdeutscher Umarbeitung der deutschen Literatur einzuverleiben. Im Jahre 1011 wuroe das volkstümliche jüdische Novelienbuch, „Das Maaffebuch", von einem Christen namens Hellwich ins Hochdeutsche Überträgen.^) Das jüdi,ch-deutsa,e An- .dachtsouch für Frauen, die Thechinoth, übersetzte in das Hochioiom der deutschen Literatur ein deutscher Pastor Willemer aus Gelnhausen und veröffentlichte es in Amsterdam im Jahre 1656.1(j) Schudt iw ertrug Anfang des 18. Jahrhunderts die jüdisch-deutsche Komödie von der Berkaufung Josefs und veröffentlichte auch gleichzeitig ein von Wagenseil hochdeutsch zurechtgemachtes)' jüdisch-deutsches „Binz Hanns Lied", dessen Verfasser Elchanan Helen umr.^) Okkasionell durchbrachen die Juden auch vor . dem nivellierenden Auft'iärungszeitalter die konfessionellen Schranken und beseitigten sich ungestört an der Literatur der christlichen, sogen, arischen Deutschen. Der Jude Süßkind pon Trimberg war im 12. Jahrhundert deutscher Liebesdichter, Minnensänger. Der Jude Sampson Pine war, als der französischen Sprache kundig, den christlich-deutschen Dichtern Wi,se und Cotlin bei Ergänzung des Pärcivät von Wolfram von Eschenbach, auf Grund französischer Vorlagen, behilflich.^) Wolflein von Lochamen, der das sogen. Lochamer Liederbuch (ca. 1450) anlegE, soll Juoe gewe^en sein. Der Franziskanermönch Johannes Pauli (1455—1530), der .eines der besten Volksbücher des 16. und 17. Jahrhunderts) die Geschick) tensämmlung „Schimpf und Ernst", schrieb, war ein getaufter JudellI 18) Johann Christof Wagenseil: Belehrung der Jüdisch- Teutschen Rede- und Schreibart, Fürtrag, X, lb. ii) Welzer und Wette: Kirchenlerikon, II, 762. io) Ersch und Gruber: Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften, XXVII, 463. Leipzig 1381.' io) Jewish Encyklop., IV, 551. 17) Schudt: Merkwürdigkeiten, III, 62, 63—73, 226—327. 18) Elsässer Literaturdenkmäler, Band V, Seite 20, 21, 22. Stratzburg 1888. . io) M. Güdemann: Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden, III, 161. Wien 1888.

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