Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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«Seite 14 Nr. 1 D!r. Bloch's Familienpslege, Fleischbeschau usw.) In dem alten jüdischen Gemeindeleben mit der unumstößlichen, religiösen Auffassung, nach, der Gebot und Guttat eins sind, konnte sich eine soziale Betätigung nur nach den Normen der religiösen Vorschriften entwickelt!. Die Wechselwirkung zwischen religiösen und sozialen Motiven des Handelns, in dem Objett und Subjekt des Wohltuns chre Stellung auch vertauschen können, läßt es unter Umständen vom jüdischen Standpunkte weniger wichtig sein, welchen praktischen sozialen Erfolg eine gebotene Wohltat — Mizwah — hat, wenn sie nur die Erfüllung «des Gebotes ist. Damit wird ein großes Stück Veranttvortlichkeit für die oft in den Zeitläuften sich verändernden Folgen einer Handlung — natürlich zum Nachteil der Gesamtheit — abgieschnirten 'ober aus geschaltet. In der Enge des Khillolebens gab es aber in sozialer Beziehung jahrhundertelang keine sich verändernden Zeit- oder Tagessorderungen. In dem Khillorahmen genügten der religiös' angespornte gute Wille, gutes Herz und gutes Geld für die Erfüllung der sozialen Pflichten. Mit diesen drei Energien konnte unendlich viel geschehen und ist auch unendlich viel getan worden. Kälte und Hunger, Geburt und Tod, Krankheit und Verarmung stellten in der Ghettozeit der Hilfsbereitschaft durch die einfachen, durchsichtigen Verhältnisse, in denen sich das Leben abspielte, einfache Aufgaben. Die Lage der Bedürftigen, der schmerzlich Betroffenen selbst gab gleich die Richtung, nach der die Hilfe gebracht werden konnte. Alles lag menschlich zugänglicher; es gab keine Fälle. Im historischen Fortgang bedeutete aber auch neben den persönlichen und Einzelleistungen das Entstehen von Stiftungen und die Gründung von Vereinen keine Erneuerung der Fürsorgetechnik oder gar'eine Mnordnung derselben in notwendiger werdende neue allgemeine Normen. Die erste und einzige sachgemäße Abspaltung, die sich in der jüdischen Arbeit entwickelte, war, daß die Geldangelegenheiten der Vereine und Stiftungen meist Männern!ühertragen wurden, denen sie durch ihren Beruf oder durch persönliche Uebuug technisch geläufig waren, und die auch das nötige Vertrauen für dieses Amt genossen. Anderes Verständnis wurde selten verlangt. Das erklärt den dominierenden Einfluß von Bankleuten und Advokaten in Stiftungen und Vereinen neben den sonst nur in erster Linie religiös bestrebten wohlmeinenden Stiftern, Gönnern und Pflegern aus dem dem Gebiete der Wohltätigkeit. Daß eine religiöse Wohltat eine soziale Missetat werden kann, wenn man gewisse Versteinerungen und Willkürlichkeiten, die sich gebildet haben, und die das Licht des Geistes; der die Guttat verlangt, verdunkeln, nicht aus dem Wege räumt, ist vielen Wohlmeinenden bis heute noch, nicht ausreichend zum . Bewußtsein gekommen. Das erklärt innerhalb des jüdischen Gemeinschaftslebens an manchen Stellen das Vorhandensein großer Opfer, d. h: Geldgebebereitschast, und zugleich die gutherzige, kurzsichtige Regellosigkeit und Undiszipliniertheit, an denen der größte Teil der modernen jüdischsozialen Arbeit leidet. Hier ist das deutsche jüdische Gemeindeleoen an einem deutlich erkennbaren Punkte stehen geblieben: dort, wo für die Majorität der deutschen Juden der religiöse Gedanke nicht mehr stark genug ist, Bekenntniswille und Lebenswille zugleich zu sein. Die llebertragunig der Guttat (als Zwillingsgedanke des religiösen Gebotes der Mizwah) auf das Geleise der disziplinierten sozialen Handlung, dieser Weg, der Wochenschrift" in eine große, schöne, belebte jüdische Welt hinaussühren könnte, ist von den deutschen Inden nicht rechtzeitig erkannt und verfolgt, worden. Der große, sortreißende Zug sozialpolitischer Erftwicklung, der sich in den deutschen politischen Kommunen ausbauend bemerkbar macht, hat das jüdische Gemeinde- und Vereinsleben nicht erfaßt. Zwar sind Juden und besonders Jüdinnen.an allen Aeußernngen dieser Zeitbestrebungen lebhaft beteiligt; aber diese Beteiligung bedeutet für das jüdische Gemeinschaftsleben mehr einen Abfluß und Verlust an Kräften. An verhältnismäßig nur wenigen Stellen jüdischen Gemeinde- und Vereinslebeas zeigt sich der Wunsch und das Verständnis, die Erkenntnisse und Methoden der sogenannten unkonfessionellen oder interkonfessionellen sozialen ' Arbeit auch zur Erhaltung und zur Stärkung des jüdischen Gemeinschäftsgedarrkerrs anzuwenden. Hier liegt der Keim der Schwäche, .des Rückganges, vielleicht auch einer bevorstehenden Auflösung des Judentumes, wobei, natürlich nicht mir Jahrzehnten, aber doch, wenn keine Besinnung cintritt, mit wenigen Menschenaltern zu rechnen sein wird. Das Versickern der jüdischen VolMrast wird aber noch durch einen anderen Umstand im höchsten Grade gefördert und beschleunigt. Die furchtbare Zerrissenheit in der Judenschaft selbst, der Ellbogenkämpf, der vom Agudah-Mitglied bis zum Reform-Juden im Sonntagstempel in Gerneinden, Vereinen und Verbänden um Wort, Bedeutung, Herrschaft und Vorherrschaft geführt wird, macht die Judenschaft innerlich verbluten. Das Fehlen von Solidarität und edlem Selbstbewußtsein in Momenten, wo nur die höchste Anspannung von Gemeinschaftsgefühl, Lebertswillen und Abwehrkraft den Feinden gegenüber gibt, schwächt die Jndenheit nach außen und läßt euren -, weisen Nathan. herbeisehnen, per, uns über unseren Wert und Würde als Träger urrserer ethischen Mission unter beit Völkern neu belehrte und vor allem auch einen Ring wünschen, der vor Gott und den Menschen angenehm machte. Wenn wir nicht aus.„einen interessanten Rest einer einst ethisch intellektuell und wirtschaftlich bedeutsamen Religionsgemeinschaft" zusarnMenschrnelzen wollen, dann müssen wir uns aufrasfen, uns prinzipiell und organisatorisch einen neuen festen Zusammenschluß zu sichern. Dieser wäre auf die tragkräftige, soziale Seite der jndischen Gesetzgebung aufzubauen. Individuelles, Trennendes ist bewußt zu übergehen, das Gemeinsame umso besser herauszuarbeiten, ein Programm anszustellen, in dem jeder Jude und" jede Jüdin, auch wenn sie von ihrer Volkszugehörigkeit wenig mehr als ihre Abstammung kennen, ein interessantes, wichtiges, sympathisches Arbeitsfeld finden kann. Als eines.der wichtigsten, geistigen Keäengl'edec für den Zusammenschluß der Judenschast ist die Mitarbeit der Frau an allen verantwortlichen Stellen des jüdischen Gemvinschastslebens zu nennen. Von ihrem Verständnis, von ihrem Willen und ihrer Treue Hängt der Geist ab, der iM Hause und in der Gemeinde herrscht; sie kann dem sozialen Leben Harmonie und gute Gesinnung' geben, ebenso wie sie auch Mißton und Charakterlosigkeit verbreiten kann, wenn sie planlos ihren nächsten Interessen entzogen dahirrgeht. Der praktischen Arbeit bietet ein solcher Zusammenschluß als ein V e r b a n d sür jüdisch - sozi a l e A r - beit ein unendlich umfassendes Programm, von dem hier nur die hervorragendsten Punkte anzudeuten sind. Da gilt es vor allem; sich in der jüdischen Wohlfahrtspflege, auf die wirksamste Handhabung der Armenpflege nach bestimmten, allgemeinen Normen zu vereinen in einer Zentralisation des Armerrwesens unter praktischer