Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 51 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Ür. 51 Dr. Kloch'S Wochenschrift seUe 855 Feuilleton. Die G-eLfrarr und der Jude. Mn Bild aus der Reformationszeit. Von Martha schiff. Es war in der ersten Hälfte des Jahres 1535, da klopfte es in Wittenberg.an wcartin Luthers Tür. Ein fremdes Weib begehrte Einlaß und verlangte Rat und Hilfe in tiefer Herzensqual. Luther kam ihr mit Vorsicht entgegen, denn feine Güte war oft mißbraucht worden,- uno Frau Käthe ersparte ihm den Vorwurf nicht, daß er bie Seinen über den Fremden vergesse. Doch die Fremde machte einen so gewinnenden Eindruck, ihr We,en verriet so echte Vornehmheit,^ daß er sich ihrer lievreich annahm. Ihre Herkunft verschwieg sie, Luther ahnte nicht, wer sie sei; nur ihre fräntftche Mundart verriet ihm ungefähr die Gegend, aus der sie stammte. Sie ließ sich in Wittenberg nieder und wurde dort im Juli des genannten Jahres Mutter eines Kindes, für das Luther bereitwillig die Patenschaft übernahm. Doch die Verlassene schielt auch in Wittenberg leine Ruhe zu finden; denn schorr int August nahm sie ihren Pilgerstab wieder zur Hand, um sich, wie sie dem Doktor Martin angab, nach Eisenact) zu vegeben, lvo sie auf eilt Zusammentreffen mit Verwandten hoffte. Sie bat Luther um ein Empfehlungsschreiben an einen dortigen Seelsorger,- und Luther empfahl sie Men ins, dem Reformator Thüringens, der aus Fulda stammte und als Superintendent in Ei,enach wirrte. Luthers lateinisches Schreiben vom 8. August 1535 hat in deutscher Ueverseyung folgenden Wortlaut: „Ich empfehle Dir angelegentlich das Weib, das Dir diesen Brief überbringt, damit Du ihr mit Rat und Tat nach Möglichkeit beistehst. Sie scheint mir aus vornehmen Geschlecht zu sein, vielleicht nicht weit von Deiner Mundart,- wie ihre Sprache Dir anzeigen wird. Bei uns war sie ehrbar und hat geboren; ich war Pate. Daß sie so pilgert, ist, lvie ich glaube, durch einen Vorfall geschehen, den nur sie kennt und den sie jetzt beweint und beklagt. Wenn es ein Fehltritt ist, so übernimur das Amt des Samariters, jedoch so, daß Du nicht leichtsinnig Dich auf Menschen verläßt. Wir müssen ohne Falsch sein wie die Tauben, aber zugleich klug wie die Schlangen. Ich bin überzeugt,' daß sie bedauernswert ist. aber da ich öfter betrogen worden bin/ muß ich bedächtig sein. Du, als kluger Mann, wirst tun, was,für die treffliche Frau — dafür halte ich sie — vorteilhaft und für Dich nicht nachteilig ist. Denn sie selbst bittet mich, an einen Seelsorger dieses Ortes zu schreiben, da sie vielleicht ihre Verwandten dort bald auf die Probe stellen wird." Wie Menius die Fremde aufnahm, wissen wir nicht, doch erfahren wir aus einem zweiten Schreiben Luthers an einen anderen Freunds daß sich noch im Laufe des August, kurz nachdem die Fremde Wittenberg verlassen hatte> das Dunkel ihrer Herkunft aushellte. Eines Tages erschien bei Luther der Erbe des Schlosses Kronberg im Taunus,- jener Hartmut, der sich durch sein schriftstellerisches Wirken für die Reformation einen Namen gemacht hat. Seit mehr als einem Jahrzehnt war er heimatlos/ denn von seiner schönen Burg hatte man ihn vertrieben/ weil er als Bundesgenosse Franzens von Sickingen an der Reichsritterbewegung teilgenommen hatte. Doch sein Besuch galt nicht der evangelischen Sache/ die ihn mit Luther verband/ sondern er kam in einer traurigen Familienangelegenheit: er suchte seine Schwester Lorch«/ deren Spur er bis hierher verfolgt hatte. So erfährt denn Luther endlich den Namen der Fremden und zugleich die Schicksale der bedauernswerten Frau. Siebzehnjährig/ hatte L o r ch e von Kronberg einen viel älteren Mann, den rheinischen Edelmann Wolfgang v. Dalberg/ geheiratet. Nach neunjähriger Ehe wurde sie im Jahre 1527 Witwe und lebte, wie es schien, nur der Erziehung ihrer drei Kinder. Im Anfang deS Jahres 1535 ertrancle sie und begab sich in Begleitung einer Magd und eines Bauern aus dem Dalbergschen Torfe Hernsheim bei Worms auf Reisen, um sich, wie sie all gab, an einen ihr bekannten Kölner Arzt zu lvenden. Ehre Kinder übergab sie ihrer Schwester Katharina von Kronberg, die als Klosterfrau zu Liebenau bei Worms lebie'. Wochenlang ließ Lorche nichts von sich hören; in ihrer Be,orgnis wandten fiel) die Angehörigen an jenen Arzt, doch auch bei ihm.war keine Spur von der Verschwundenen zu finden. Endlich, int 2tpril, kehrt der Bauer, den sie zu ihrer Begtenung mitgeuommen hacke, in die Heimat zurück uns überbringt der Klosterfrau zu Liebenau einen Brief LorcheS, in dem diese in kläglichen Worten erklärt, daß sie sich wieder verheiratet habe und im Juli eineln Kinde das Leben geben werde. Demütig gesteht sie, daß ihre Ehe nicht standesgemäß fei und daß sie ihre Staatsrleider und Kleinodien gegen eine erkleckliche Summe auslieseru wolle. Ihre Kinder empfiehlt sie in dringen den Worlen dem Schutze der Verwandten mit der Bure, die Unschuldigen das Verhalten der Mutter nicht büßen zu lassen. Die Familien von Kronberg und Talberg verlangen nun zunächst von Lorche eine genaue Auskunft über die Person des Gatten und versprechen ihr eine standesgemäße Versorgung, wenn sie die Ehe löse und zu ihren Kindern zurüchehre. Zu diesem Entschluß kann sich Lorche nicht ausraffen; aber sie gesteht jetzt ehrlich, daß ihr Gatte ein Jude, Jakob aus Groß-Gerau, sei, und daß sie auf der^ weilen Welt keinen Menschen lieber habe als diesen Juden, den sie schon seit drei Jahren kenne. Zwar habe Jakob schon eine Frau und vier Kinder/ aber nach jüdischem Gesetz sei es ihm erlaubt, sich durch einen Scheidebrief von seiner Frau zu trennen und eine andere zu heiraten. So lautete der einfach tragische Bericht,- den Hartmut von Kronberg dem Reformator abstattete. Luther ^bot nun alles auf, um Hartmut zur Milde gegen die Schwester zu stimmen, bevor er ihm ihren Wohnsitz verriet. Hartmut versprach, die Schwester zu schonen, und bekannte zugleich, daß er im Einverständnisse mit den Verwandten bereits zur Selbsthilfe geschritten sei. Nachdem es nämlich nicht gelungen lvar/ Lorche zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen, hatten die Familien Kronberg und Dalberg beschloßen, sie dennoch um jeden Preis von dem Juden zu trennen; sie griffen daher zur Gewalt, obwohl das Reich längst den ewigen Landfrieden verkündet hatte. Hier hatte man vermutlich um so weniger Bedenken, kurzen Prozeß zu machen, als es sich um einen Juden handelte. Die Ritter von Kronberg und Dalberg waren echte Kinder ihrer Zeit und sie hielten es nicht für verwerflich, nach dem Juden zu fahnden und ihn auf offener Straße überfallen zu lassen. Es gelang ihren Abgesandten/ des Juden Jakob auf kursächsischem Boden habhaft zu werden, als er friedlich über Land ritt. Man erpreßte zunächst von ihm das Geständnis/ daß er sich mit Lorche in Erfurt getroffen und sie nach Wittenberg gebracht habe. Darauf wird er kurzer Hand vom Pferde gestochen/