Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 51 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 842 Lr. Bloch's Wochenschrift Nr. 51 dem Schlagwort „Arier" wird ein arger Unfug getrieben. Ob die Völker Europas ein Recht haben,, sich „Arier" zu nennen, soll hier näher untersucht werden. 'Jf- Die Einheit des über die ganze Erde verbreiteten Menschengeschlechtes ist eine naturwissenschaftlich längst festgestellte Tatsache. An der Einheitlichkeit des Typus „liomu-, der nicht nur in der Schöpfungsgeschichte, sondern auch in der Entwicklungstheorie — pon Lamarck über Darwin bis Häckel — die letzte Stufe bildet, zweifelt heute niemand. Aeußerliche Verschiedenheiten, selbst auffallende, wie die des Negers von einem blondhaarigen, blauäugigen Germanen, ändern nichts an der Gleichartigreit des inneren Wesens. Charakter und Begabung sind rein individuell, können bei Brüdern, Zwillingsbrüdern grundverschieden sein. Was über den Gesamtcharakter, über einzelne Anlagen und dergleichen einzelner Völker gesaselt wird, ist leeres Gerede. Gewiß bilden sich unter Menschen, die seit undenklichen Zeiten unter demselben Himmelsstrich wohnen/ mrd schon durch diesen allein einen eigentümlichen äußeren Habitus bekommen, auch bestimmte Sitten und Gebräuche aus, die von denen anderer Menschen oft sehr verschieden sind, aber Mensch bleibt Mensch. Jede Wissenschaft Pflegt bei der methodischen Behandlung ihres Materials eine Gruppierung desselben in größere und kleinere geschlossene Kreise vorzunehmen. Maßgebend sind hierbei bestimmte, von einander verschiedene Merkmale bei der gleichen Grundlage. Sie muß es der leichten Uebersicht halber tun. So bilden mehrere Individuen eine Familie, mehrere Familien eine Sippe oder ein Geschlecht (gi-usi, Geschlechter nach dem Merkmale der gemeinsamen Sprache ein Volk oder eine Nation, Nationen eine Rasse und zu oberst steht der Typus .rlunn«»*. Die ältere Völkerkunde nennt fünf Rassen: die mittelländische,, mongolische, malaiische, die amerikanische kupferrote und die Negerrasse. Die neuere Ethnographie (Friede. Müller) unterscheidet bloß zwei große Gruppen: die schlichthaarige und die wollhaarige. Allenfalls läßt sich jene Einteilung unter diese bringen. Grundfalsch ist es, von einer arischen und semitischen Rasse zu sprechen. Es gibt wohl einen arischen oder — wie wir sehen werden — richtiger indogermanischen und semitischen Sprachstamm, aber keine Rassen, die so genannt werden dürfen. Was man jetzt „Arier" und „Semiten" nennt, gehört derselben Rasse, der mittelländischen, an. Der „arische" Perser ist vom „arischen" Germanen weit mehr verschieden als vom „semitischen" Juden in Mmen. Was heißt „arisch", „Arier"? Sind alle Menschen, welche sogenannte „arische" Sprachen sprechen, „Arier"? Das soll sprachwissenschaftlich untersucht werden. Im Jahre 1808 hat Friedrich Schlegel zuerst' auf die Verwandtschaft der Sprache der Deutschen mit der der Inder hingewiesen. Dabei gab er reichliche Anregung zu interessanter Forschung. Und schon 1833 tonnte Franz Bopp, der Begründer der „Vergleichenden Sprachwissenschaft", den ersten Band seines epochemachenden und grundlegenden Werkes: „Vergleichende Grammatik des Sanskrit/ Send, Armenischen, Griechischen. Lateinischen, Litauischen, Altslawischen, Gothischen und Deu.scheu" herausgeben. In dieser Gruppe fehlt noch ein Zweig: der keltische, der erst später eingereiht werden konnte. Alle diese Sprachen sind mit einander verwandt und werden von Völkern gesprochen/ die vom Nordwesten Europas (Island) bis zum Südosten Asiens sich ausbreiten. Für den ganzen Sprachstamm hat die Wissenschaft nach eurem gemeinsamen Namen gesucht. Am wenigsten zutreffend ist die Bezeichnung „Indo-Europäisch". Das würde besagen, daß zu diesem Sprachstamm alle Sprachen Europas gehören und von denen Asiens das Indische. Das ist aber nicht der Fall. Fürs erste gehören vier Sprachen Europas (die ungarische/ türkische, finnische und baskische) nicht dazu, und zweitens fehlt in diesem Namen die Beziehung aus zwei asiatische Sprachen: die persische und armenische. Französische Gelehrte nennen diesen Sprachstamm den /.arischen", weil nach einer alten indischen Tradition ein Urvolk, aus dem „Norden" kommend, nach Indien eingedrungen sei, die Urbevölkerung unterworfen und sich „arya“, b. h. „edel", genannt habe, und man annehmen dürfe (eine sehr gewagte Annahme!), daß die Völker Europas gleichfalls von jenem Urvolke abstammen. Am passendsten scheint die Bezeichnung „Indo-Germanisch" nach den äußersten Grenzen dieses Sprachgebietes. Worin besteht nun die Verwandtschaft dieser Sprachen? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir zunächst etwas über die Entstehung der menschlichen Sprache überhaupt sagen. Nach theologischer Auffassung ist die Sprache dem Menschen von Gott anerschaffen ooer später verliehen worden. Anders lautet die naturwissenschaftliche Erklärung. Nach dieser ist die menschliche Sprache durch Nachahmung der Naturlaute entstanden. (Kratylos/ Aristoteles^, Hobbes, Condillac.) Fichte hält sie für eine Schöpfung der fortschreitend sich entwickelnden menschlichen Vernunft. Am meisten leuchtet die Mturwissenschastliche — oder wie sie auch genannt wird —/ die realistische Hypothese ein. Man^kann ihre Wahrscheinlichkeit an der Entwicklung der spräche des Kindes sehen. Das Kind lernt sprechen durch Nachahmung der gehörten Laute und Wörter. So hat vermutlich auch der Urmensch sprechen gelernt, indem er zunächst das Rollen des Donners, das Brausen 'des Windes, sonstige Geräusche und Tierlaute nachahmte und allmählich durch eigene Laute dem,- was ihn innerlich bewegte, Ausdruck gab. Erst mögen es nur einfache Silben gewesen sein. Viel später/ wer weiß, nach wievieL Jahrtausenden, wurden einfache Silben aneinandergereiht und nach weiteren unendlich langen Zeitläuften treten Vokaländerungen ein/ gewisse Silben verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung/ sinken zu bloßen Formwörtern herab, die für sich nichts bedeuten und zur Wort- und Formenbildung verwendet werden. Die menschliche Sprache dürfte also von der Einsilbigkeit über die Agglutinierung zur Flexionssprache ihren Entwicklungsgang genommen haben. Aber nicht alle Sprachen haben diese Entwicklung durchgemacht. So ist z. B. das Chinesische auf der Stufe der Einsilbigkeit stehen geblieben/ das Ungarische und Türkische auf der der Agglutinierung: eine weitere Entwickelung scheint ausgeschlossen; sowie die Gesetze der Grammatik feste werden,- hemmen sie den weiteren Lauf und schlagen die Sprache gleichsam in feste Bande. Die Sprachen des indogermanischen Stammes haben die höchste Stufe erreicht,- die der Flexion. Die semitischen Sprachen stehen in der Mitte zwischen Agglutinierung und Flexion. Die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen untereinander beruht aus den gleichen Gesetzen der Flexion, auf vielen Wörtern, die auf gleiche Wurzeln zurückgehen und auf demselben Gesetze der Lautverschiebung. Darf man nun aus der Verwandtschaft der Sprache auf eine Verwandtschaft der betreffenden Völker schließen? Darf man annehmen, daß, so wie diese Sprachen Töchter einer und derselben Ursprache (die längst abgestorben) sind, auch die Völker, die jene sprechen^ von einem und demselben Urvolke stammen? Wäre dies so ohne weiters zulässig, und hätte jenes Urvolk den Namen „Arier" geführt/ dann wären die Völker Europas (mit Ausnahme der Ungarn/ Türken, Finnen und Basken) auch- Arier. — Wir wollen jedoch zunächst auch noch eine andere Ansicht aufstellen. Es ist immerhin möglich/ daß Europa seine