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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-12-08 · 48 (8.12.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
48 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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3tf. 48 Tr. Bloch S Wochenschrift Seite 8<~>7 Welt, der Schmelz (Motlc*." Und das Weitere sprach Er im Wehen des Lticrmes; and sprach mit den Worten, die er einst an Erzvater Noah gerichtet: „Das Ende alles Fleisches ist gekommen, denn voll ist die Erde von Gewalttat. Eine Flut bringe ich über sie, zu verderben alles Fleisch, in welchem ein Hauch des Lebens: alles, was atmet, soll untergehen. . . . Doch diesmal soll's keine Wasserflut sein — heilig ist mir mein Schwur —: in einem Meer von Blut sollen sie ertrinken, bis —" Und milderen Tones vollendete der Herr: . . in einem Meer von Blut sollen sie reinwaschen ihre Schuld, bis ein neues Geschlecht ersteht, ein reines, ein heiliges Geschlechts Und dann, ja dann wird auch deiner Kinder Los ein besseres sein." - Also sprach der Herr. Erznnttter Rahel aber beschloß, mit ihnen ins Elend zu wandern.-— In Schweiß gebadet, erwachte der Rabbi. Dann eilte er, halb träumend, auf den Marktplatz. Dort mußte er sie sehen, die Gebenedeite. II. Es war noch früh am Morgen. "Auf dem Marktplatz war bereits die ganze Judenschaft des Ortes versammelt, zum Auszug bereit. Frauen und Kinder schmiegten sich, vor Kalte und Weh zitternd, aneinander, die Männer, in den Tallis (Gebetmantel) gehüllt, beteten oder schauten finster drein. — Der greise Rabbi kam, vor sich sah er verzückten Auges eine geheimnisvolle, schwarzgekleidete Frauengestalt, die auf einen lockigen Knaben zuging und ihm einen leisen Kuß aufs Haupt drückte, dann aber voransschritt und sich dem Zuge voranstellte. Hie und da eine Kinderstimme.' „Mameschü (Mütterlein), ich hob' Moire (Angst)," dann eine andere: „Oi Tateschü, Tateschü (Bäterlein)," dann plötzlich ein wildes Befehlen: „Moltschatj, Shidowskaja Morda" (russisch: „Maul halteir> "Judenschnauze!"). Und dann Todesangst und Todesstille. . . . Aus dem Hause Reb Scholems, des „Stadtreichen", ertönt leises Wimmern. Seine Tochter, deren Mann vor wenigen Wochen bei Lodz den Soldatentod starb, windet sich in Schmerzen, die Zahl der Auswanderer soll um einen vermehrt werden, un,d um dieses einen willen hat der Ortskommandant großmütig die Erlaubnis gewährt, beit Aufbruch des Zuges hinauszuschieben, bis es überstanden sei — aber schnell müsse es gehen, schnell! —. Nun wird's ihm aber zu lange, und er drängt. Können denn „die Unsrigen" siegen, solange dieser Hanfe Spione hier sich herumtreibt und durch unterirdische Telephone, überirdische Rauchsäulen und Gott weiß, welche Zeichen, dem heranrückenden Feinde all die grandiosen Pläne verrät, die wir in unserem Generalstabe hinter schalldichten Wänden mühsam ansgeheckt haben? Ja, es dauerte ihm zu lange, das Haus muß geräumt werden. Marsch! Marsch! -- Das Bett mit der wimmernden Frau wird von rräftigen Händen herausgetragen, und unter freiem Himmel, vor den Augen des wachthabenden Sibiriers, kommt ein neuer Unfreier zur Welt. Dessen kräftiger Schrei wird den: Posten zu laut, er übertönt ihn: „Moltschacj. Shidowskaja Morda!" .... Und mm vorwärts. Voraus der weißhaarige Rabbi, ein dunkles Leuchten in den Augen, aufrecht und zuversichtlich, eine Thorarolle in der Hand. Dann die Gemeinde, Männer und Frauen, die Kinder an der Hand führend und auf den Händen tragend. Auf den Schultern Säcke und Säckchen, drin Brot mid das Notwendigste sonst; Wagen durfte man nicht mitführen. Hinterher die Schwachen und Kranken, von sehnigen Männern auf den Schultern getragen, zuletzt das Bett mit der Wöchnerin. Lautes Jammern, ersticktes Weinen, stille Seufzer. Doch der Rabbi sah die hohe Frauengestält vor sich, mit einem brennenden Licht auf dem Haupte; da wandte er sich um und rief den Trauernden zu: „Jüden, die Mamme 'Mutter) ist mit uns, die Marnme ist mit uns, sic leidet, wo nur leiden, sie hat unser nicht vergessen." III. „Seide" (Großvater), fragte den Rabbi sein Enkelknab'. ein aufgeweckter, stirnlockigec Bub von 12 Jahren, „Seide, wohin wandern lvir? Dein: Auszug ausMeerajem (Aegyp ten) wußten wir, wohin, aber jetzt, welches ist unser ge lobtes Land: Mich dünkt, wir gehen aus einem Golus (Exil) ins andere, nicht, Seide?" „Schweige, mein Junge, es ist Gottes Wille, wir werden auch dies verwinden. Die einen auf schnellen Reitwagen, die anderen auf Rossen, unser Panier aber, der Name des Herrn, gelobt sei er," zitierte der Rabbi einen Psalmvers. Es war dies am heiligen Tage des Sabbat. Am Sabbattage darf, mit Ausnahme des Versöhnungstages, nicht gefastet werden, es ist dies ein altes Religionsgesetz. Aber heute, angesichts der großen Tragik des Momentes, hatte der Rabbi starkes Fasten verordnet: vielleicht gelänge es doch, den Zorn des Allmächtigen zu versöhnen. Aber eS hatte der Verordnung gar nicht bedurft; kaum gelüstete es heute einen nach. Speis' und Trank. Es war allen gar zu traurig ums Herz. Und so ging der Sabbatzug vorwärts. Gut war's, wenn nur Himmel und Feld zu sehen waren; denn wo ein Haus oder gar ein Dorf passiert wurde, da hetzten die Bauernjungen lachend die Hunde auf sie. Um die Mittagsstunde erreichte man die Brücke vor S., dort wollte man Rast machen. Aber der Wachtposten, der da stand, trieb sie weiter. Und sie zogen weiter. Als der Abend nahte und kein Soldat und kein Bauernhaus zu sehen war, machte man Halt. Man konnte auch so nicht weiter. Nicht etwa, weil es dunkelte, man ging auch ohnehin fast auf Irrwegen, aber es galt. Charme Lea, der Wöchnerin, den letzten Dienst zu erweisen. Die arme Frau war trotz der rührendsten Pflege, die ihr von allen Seiten zuteil wurde, den Aufregungen und Strapazen des Tages nicht gewachsen. Unter einem weitzweigigen Kastanienbaum hatte man sie sanft auf Kissen niedergelegt und, umstanden von der ganzen Gemeinde, hauchte die Arme ihre gequälte Seele aus. Das Kind hatten ihr mitleidige Hände schon gleich beim Aufbruch abgenommen. Unter derselben Kastanie wurde sie begraben. Dann zog man weiter. Der Rabbi aber sah noch, wie die schwarze Frauengestalt, mit der Sabbatkerze auf dem Haupte, sich über den frischen Grabhügel bückte und zwei glühende Tränen darauf fallen ließ. Und auch sprechen hörte er sie, der Rabbi, er hörte es ganz genau. Sie sagte: „Also auch du wirst am Wege begraben, nachdem du einem Benjamin das Leben gegeben, am Wege nach Efrath, gleich mir, da die anderen alle in der Höhle zu Machvelah schlafen, neben ihm, dem Geliebten!" Aus den gesäeten Tränen aber sah der Rabbi zwei feuerrote Lilien emporspr: men. Und Mutter Rahel zog weiter mit ihnen. _ Es war eine schreckliche Nacht. Regen und nasser Schnee, dazu kalte Winde, ins Gesicht peitschend. Am frühen Morgen fanden drei nährende Mütter tote Kinder an ihrer Brust. „Ruhig," ermahnte sie der Rabbi, „der Herr hat's gegeben und genommen." Und dann gab er seine Thorarolle den Begleitern, ließ sich einen großen Zuckersack bringen und bettete die drei erstarrten Leichlein hinein. Mißtrauisch, verständnislos schauten ihnl seine Leute an. Er^aber sprach kein Wort, nahm den L>ack selbst auf die Schulter und gab das Zeichen zum Weitergehen.

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