Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 48 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Tr. Bloch'S Wochenschrift Leite 8<>3 Es war am 13. Oktober 1915, als Se. Majestät die wolhynische Front besuchte und in unserer Stadt Brody einen Tag weilte, da wurde ich, als Präsident der israel. Kultusgemeinde, vertraulich zur Vorstellung eingeladen. Während der Vorstellung im Speisesaal des „Sololgebäudes", in welchem viele hohe Offiziere sich versammelten, waren unser vier Personen von der Zivilbevölkerung unter den hohen Gästen eingereiht, zw. der Herr Regierungskommissär als Vertreter der S a"t beide Geistlichen griechisch- und römisch-katholischer .Her: fcssion und ich. Wir waren ganz an der obersten Ecke aus gestellt. Es klingt noch heute die angenehme gütige Stimme in meinen Ohren, als Se. Exzellenz General B ö h m - E r m o ti mich namentlich vorstellte: „Gelber, Präsident der Kultusgemeinde!" Als ich die gebührende Verneigung gemacht hatte, reichte mir Se. Majestät die Hand und es entspann sich folgende» Gespräch: S. M.: „Nun, wie geht es Ihnen?" Ich: „Danke, kais. Hoheit! Wie nach der Befreiung vom russischen Barbar!" (Se. Majestät lächelten gütig und trugen weiter:) „Haben Sie während der Invasion Ihre (Gemeinde Vertreten?" Ich: „Jawohl, kais. Hoheit, sogar Schweres mitinachen müssen!" S. M.: „Sind viele Juden von den Russen verschleppt worden?" j Ich: „Bloß einer, kais. Hoheit!" S. M.: „Haben die Juden viel Schaden erlitten:" Ich: „Jawohl, kais. Hoheit, am meisten die jüdische Jtldustrie außerhalb der Stadt." S. M.: „Wie groß ist Ihre Gemeinde?" Ich: „Kais. Hoheit, zwölftausendfünfhundert." S. M.: „Lo?! Was sind Sie vom Beruf?" Ich: „Dampfsägebesitzer." S. M.: „So? Haben Sie auch großen Schaden erlitten?" Ich: „Jawohl, kais. Hoheit, sogar einen sehr empfindlichen,;bemi meine 'ganze Fabrik wurde vott dem Russen beim Rückzuge verbrannt und vernichtet." S. M.: „Es wird schon wieder gut werden!" Zu dem in derselben Nacht stattgefundenen Tiner wurde im Allerhöchsten Austrage auch ich eingeladen und bekam anstoßend an einem Tisch:', wo Se. Majestät Platz genommen hatten, einen S-tzvlatz zugeiv'e'en. Was ich noch zu erwähnen habe. Tags zuvor er-? schien bei mir in der Knltusaemeindeianzlei Herr Professor Adam und ersuchte mich, ich möchte da,ür Sorge tragen — nachdem die Russen alles in der Stadt ausgeraubt hatten , den Speisesaal zu dekoriere;. Ich proponierte die in unserer Großsynagoge vorhandenen Decken, Porauches, sürWandde.orationen unb das vorhandene Silber, künstlerische Handarbeiten, zur Ausstattung. Professor Adam war nach vorgenommeuer Besichtigung der Gegenstände sichtlich erfreut und veranlaßte, die von ihm gewählte Porauches als Wanddekoration zu verwenden, welche von unserem Beamten Emil H o l z s ä g e r aufs geschmackvollste durchgeführt wurde. Ebenso ließ Herr Professor A d a m zlvei Thorakronen und einige Leuchter, welche besonderen Gefallerl.gesunden hat'er, in den Saal bringen. Als das Diner zu Errde war, rvurde ich zum Thronfolger befohlen, und bei meiner Vorstellung waren bereits von Herrn Professor Adam die erwähnten Silbergegenstände vorgestellt worden. S. M.: „Ich bitte, Herr Vorstand, uns Aufklärung zu geben!" (Se. Majestät hielten dabei eirr sehr altertümliches Prachtstück „Kesser" in der Hand und f rügen auch rveiters, wann und rvie diese Gegenstände bei uns gebraucht, refv. verwendet würden. Ich erklärte genau, bei welchen Anlässen und Andachten.) S. M.: „Wie alt sind diese Gegenstände?" Ich: „Kais. Hoheit, darüber kann ich nicht Genaues angeben." S. M.: „Wie alt ist Ihre Synagoge?" Ich: „Einhundertvierundsechzig Jahre, kais. Hoheit." S. M.: „Haben Sie kein Archiv, nur Ausschluß zu wissen?" Ich: „Kais. Hoheit, es ist wohl eines in der Gemeinde gewesen, aber die Stadt Brody rvurde seinerzeit gänzlich niedergebrannt und wahrscheinlich sind derartige Dokumente zugrunde gegangen." S. M.: „Wie war es mit diesen kostbaren Gegenständen während der russischen Invasion?" Ich: „Kais. Hoheit, ich habe sie in Sicherheit gebracht!" sS. M.: „Wieso?" Ich: „Sie wurden in. einer eisernen Kiste in der Synagoge begraben, der Fußboden rvurde künstlich zuge richtet, so das; man nichts erkennen konnte." «Hieraus bemerkte Se. Erz. General Böhm Ermoli: „Sie hatten Angst, daß die Russen dieselben haben wollten?") Ich: „Nein, Exzellenz, nehmen wollten!" i Se. Majestät haberr herzlich ausgelacht urrd zu nur zweimal „Ich danke schön!" gesagt. Und als ich er rvähnte, daß auch die Wanddekorationen aus unserer Synagoge stammen, äußerten Seine Majestät: „Es sieht wirklich reizend aus!" S. M. (in der Hand eine Thorakrone haltend): „Herr Professor, rvie alt schätzen Sie dieses Stück?" -und auf die Bemerkung des Herrn Professors, daß seiner Ansicht nach dasselbe beinahe 400 Jahre alt sein dürste, bemerkten Se. Majestät): „Es iväre ein schöner Platz für dieses im Wiener Kunsthistorischen Museum." «Diese Thorakrone hat bereits ihren Ehreupkatz im Museum gefunden, wie seinerzeit in der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlicht wurde.» S. M.: „Bitte, sagen Sie mir, wie geht es den Juden Ihrer Gemeinde und wie verhielten sich die Russen ihnen gegenüber? __ Bei meinen Schilderungen, wie die Juden leiden ^mußten - sie wurden zum Schanzengraben usw. unter '''Knutengewalt geschleppt , mußte ich bemerken, daß Se. Majestät herzlich gerührt waren. Ich unterließ nicht zu erwähnen, daß die Juden vom russischen Zaren aus gezeichnet worden sind. Se. Majestät fragen mich erstaunt und aufbtickend: „Wieso denn?" Ich: „Sehr einfach, bitte, kais. Hoheit. Eines Tages wurde durch Plakate in zwei Sprachen -'russisch und polnisch) verkündet, daß die Juden österreichische Spione seien und dürften die Stadt nicht verlassen." Se. Majestät mußten lachen.) S. M.: „Brody war einst Freistadt gewesen. Wie lange her?" Ich: „Jawohl, kais. Hoheit, beinahe vierzig Jahre seitdem." (General Böhm-Ermoli zustimmend: „Es war iw den achtziger Jahren.") S. M.: „Es waren in Brody reiche Juden, sind sie ausgewandert nach Rußland?" Ich: „Nein, kais. Hoheit, wir Juden gehen nicht nach Rußland!" S. M.: „Wohin denn?" Ich: „Nach Wien!"