Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 46 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 46 Tr. Bloch S Wochenschrift Seite 775 Sumer Karpin in Altwasser, Post Bad Königswart (Böhmen), sucht seine zwei Schwestern: Blime und Mina Davidsohn, geflüchtet aus Brody. Lea Knüppel aus Stanislau, derzeit Weißkirchlitz Nr. 144, sucht ihren Schwager Schulim Strudler und ihre Schwägerin Taube Strudler mit zwei Kindern aus Uszie-zielona. Feuttieton. Pas Ghetto in Korfu. Der südöstliche, von den alten venezianischen Festungswerken begrenzte Teil der Stadt Korfu, schreibt Elsner in seinem interessanten Buche „Bilder aus Neu-jHellas", wird seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts von der dortigen jüdischen Gemeinde bervoh.nl. Vielstöckige, altertümliche Häuser bildert eilt Gewirr enger, finsterer Gäßchen. Wir stehen hier aus historischem Boden, inmitten eines Volkes, dessen Geschichte reich ist an wechselvollen Begebenheiten und interessanten Zügen. Ausiedlungen von Juden im übrigen Griechenland sind auf die ältesten Zeiten zurückzusühren, aber den Boden Korfus betraten sie nicht vor dem, 12. Jahrhundert. Dafür liegt ein Zeugnis des gelehrteil spanischen Rabbiners Benjamin aus Tudela vor, der den Orient bereiste, um eine Vorstellung von der Lage seiner dort lebenden Glaubensbrüder zu gewinnen. Während damals in Arta und .Naupaktos je 109, in Euböa und Krissi je 200 Juden wohnten und die Zahl der als die vorzüglichsten Purpurfärber und Seidenwirtee geltenden Juden Thebens sich sogar auf 3000 bezifferte, traf er in Korfu nur einen Bekenner des mosaischen Glaubens an, der das Färbergewerbe betrieb. Aber im 13. Jahrhundert fand sich auch dort schon eine kleine, jedenfalls von Osten her eingewanderte Kolonie: denn sie bediente sich ausschließlich der griechischen Sprache, wie auch ihre Synagoge die „griechische" hieß. Merkwürdig, daß das älteste Werk in griechischer Volkssprache eine für den Gebrauch iu jener Synagoge bestimmte Uebersetzung der Bücher Jonas ist. Das mit hebräischen Buchstaben geschriebene Manuskript befindet sich in Oxford. Aus der von der Unduldsamkeit und den Ausschreitungen des Pöbels leider genugsam verdunkelten Geschichte der Kolonie im 13. und 14. Jahrhundert treten die Gestalten der damaligen Herrscher Korfus, eines Philipp und Robert von Tarent, eines Karl III., einer Maria von Bourbon, leuchtend hervor. Die von ihnen zu wiederholtenmalen erlassenen Dekrete, worin die Gleichberechtigung ihrer jüdischen mit den andersgläubigen Untertanen eine nachdrückliche Betonung erfährt, liefern den erfreulichen Beiveis, daß jene Fürsten der Einsicht und Milde nicht unzugänglich waren. „ Die Lage der Juden in damaliger Zeit darf überhaupt als erträglich bezeichnet werden. Die Steuern lasteten nicht zu s chwer auf ihnen, da sie, gesetzlich wenigstens, nur verpflichtet waren, einen Teil' der städtischen Beleuchtungskosten zu tragen. Sie waren als Bürger anerkannt und besaßen Einfluß und Ansehen. Dies erhellt aus der Tatsache, daß unter den Vertretern der Stadt, die im Jahre 1386 dem Dogen von Venedig die Bitte zu Füßen legte, sich fortan unter den Schutz dieser stolzen, mächtigen Republik stellen zu dürfen, sich auch der Jude David Semos befand, dessen Rachkommen noch heute zu den Zierden der jüdischen Gemeinde gehören. Der Vermittlung dieses vortrefflichen Mannes ist wohl auch der ein Jahr darauf erfolgte Erlaß des Großen Rats zu verdanken, der die jüdische Genleinde seines ganz besonderen Wohlwollens versichert und sämtliche ihr bisher verliehenen Privilegien ausdrücklich bestätigt. Im Jahre 1406 taten sich .die Tore des herzoglichen Palastes in Venedig abermals einer Gesandtschaft von Korfioten auf. Sie kam um die Ermächtigung zum Steinigen ihrer jüdischen Mitbürger ein. Hierzu erhielt sie nun zwar keine Befugnis, doch fiel es dem Großen Rat schwer, seine getreuen Untertanen gänzlich unbefriedigt die weite Rückreise antreten zu lassen. Und so wurden die Juden in anderer Weise getroffen, indem sie sich fortan angewiesen. sahen, ein in gelber Farbe gehaltenes 0 von der Größe eines Brotes auf der Brust zu tragen, während die Frauen ihr Haupt mit einem gelben Tuch umhüllen mußten. Das zugleich mit diesem harten Erlaß verknüpfte Gebot, sich jeglichen Grundbesitzes zu entäußern, fand erst zwei Jahre später insofern eine Milderung, als den Juden dann wenigstens das Eigentumsrecht von Grundbesitz bis zum Werte von 4000 Dukaten zugebilligt wurde. Bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts beschränkte sich die eigentliche Stadt auf die sogenannte alte Festung, während das jetzige am Meer gelegene Korfu nur für ihren Vorort angesehen wurde. Zwischen beiden lag der von den Juden bewohnte Stadtteil. In diesen engen, von hohen Mauern umtürmten Gassen, vor denen der Haß des Pöbels verderbensinnend lauerte, ging ihnen ein Tag wie der andere trübe, freudlos und eintönig dahin. Rur ein in das Jahr 1776 fallendes romantisch-tragisches Ereignis wäre aus jener Periode der Knechtschaft und Tyrannei hervorzuheben: Er, der junge „Graf", Sohn des Pfarrers an der Kirche vom heiligen Spiridon, hatte zu tief in die wunderbaren Augen der schönen Rahel geschaut und sich lvohl auch vom Glanze der großen, väterlichen Reichtümer blenden lassen. Und sie, das unerfahrene, kaum 16 jährige Mädchen wollte den Glauben ihrer Väter abschwören, um dem geliebten Manne ganz anzugehören. Er entführte sie zur Nachtzeit ans dem elterlichen Hause. Am folgenden Morgen sollten die Bekehrungs- und Hochzeitsfeierlichkeiten durch den Vater des Bräutigams ftaktfinden. Man denke sich nun das bewegte Bild des Kirchganges, das durch die Reihen der neugierig gaffenden Menschen nur mühsam vorwärtskommende Paar, die plötzlich herbeistürmenden Polizeibeamten, welche die Braut ihren Eltern mit Gewalt zurückzuführen, suchen, die von den glühenden Worten des Pfarrers aufgeftachelten, sich zu Beschützern der „Bekehrten" aufwerfenden Volksmassen und schließlich nach der religiösen Zeremonie den von wildem Gejauchze und Triumvhgeschrei begleiteten Einzug der 'Vermählten in das Haus des Bräutigams! Und der Schluß? Kurz nach der Hochzeit erfolgte die (Gefangennahme der jungen Frau durch Beamte der venezianischen Regierung. Sie ging iu einem der entsetzlichen Kerker Venedigs elend zugrunde. - Gewiß mußte daS tragische Geschick dieses' so schönen als unglücklichen Wesens, dem die Liebe zunt Verderben wurde, die Dichter jener Zeit zu poetischer Behandlung einladen. Und so zählte diese rührende Geschichte bald zu den Lieblingsbüchern des griechischen Volkes. Sie erlebte in der Phönixdruckerei zu Venedig mehrere Auflagen. Der Untergang der Republik Venedig führte erfreulicherweise auch das Ende jener mittelalterlich-barbarischen Zustände herbei. Die Mauern, die das Ghetto von der übrigen Stadt abschlossen, sanken und an Stelle der Freiheitsbeschränkung, unter der die Juden bisher geseufzt, trat ihre dankbar und freudigen Herzens begrüßte völlige Gleichberechtigung mit den Christen. Unter der von 1814 an datierenden englischen Schutzherrschaft jedoch sahen sie sich die Ausübungsbefugnis der Advokatur abgesprochen und erst nach der Vereinigung der jonischen Inseln mit dem Königreich Griechenland im Jahre 1863