Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 46 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nc. 4ü Tr. Bloch's Wochenschrift Sme 766 was in den agrarischen Gebieten nah. nötig iu.v, da;ihinreichende Lebensmittel vorfauden. Große Schwierigkeiten stellten sich den^Flnchttingen auf religiösen! Gebiete entgegen. In ganz Oberösterreich gibt es bis ans Linz und Steyr keine jüdischen Gemein den, deren Institutionen die Flüchtlinge sicst hätten zunutze machen können. Es mrißte alles erst geschahen lverden, ivas jedoch die Flüchtlinge ans ihren eigenen Mitteln nicht zustande gebracht hätten, wenn nicht von außen her Hilfe gekonnnen wäre. Bon der k. k. oberösterreichischen Statthalterei begünstigt, bildete sich ein .Komitee mit dem Namen „Landeshilfskomitee für jüdische Flüchtlinge in Obe.österreich", an dessen Spitze der Vorsteher der israelitischen -Kultusgemeinde Linz, Herr Benedict Zchivager, steht. Dieses Komitee machte sich zur Ausgabe, die Flüchtlinge materiell zu unterstützen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen und auch aus religiösem Gebiete ihren Wünschen Rechnung -zu tragen. Das Letztere kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da doch die religiösen Anschauungen der Komiteemitglieder ganz verschieden sind von denen der Flüchtlinge. Eine glückliche Idee war es, bei der k. k. Statthalterei die Anstellung von Seelsorgern sür die jüdischen Flüchtlinge anzuregen. Die Regierung erkannte die Billigkeit dieser Forderung des Lanceshilsskomitees und setzte in allen Bezirken Rabbiner ein, wodurch überall ein geistiges Overhauot geschaffen wurde, welches, für die religiösen und geistigen Bedürft nisse sorgt. Das Landeshilfskomitee, welches von der „Israel. Allianz" in Wien reichlich mit Geld versehen wird, gewährt an bedürftige Flüchtlinge Unterstützungen an Geld und Naturalien und gibt sich die erdenklichste Mühe, den Flüchtlingen aus ihrer Notlage heransznhelsen. Es interveniert bei den verschiedensten Behörden, und fast immer mit Erfolg, weil es sich der besonderen Achtung der Behörden erfreut. Die Flüchtlinge im Dorfe beklagen sich, daß man ihnen keine Lebensmittel verkaufen null, das Landeshilfskomitee schreitet ein, und das klebe! ist behoben. Ein Flüchtling im Dorfe G. hat eine schlechte Wohnung, er wendet sich an das Landeshilfslomitee, und ein Schreiber! des Letzteren an die Gemeindevorstehung genügt, um dern Flüchtling zu einer guten Wohnung zu verhelfen. Der Obmann des genannten Komitees, der Vorsteher der israelitischen Knltusgemeinde in Linz, Herr B.uevist Schrvager, Industrieller von Beruf, setzt sein (Geschäft hintan und verbringt jeden Tag einige Stunden im Bureau kes Landeshilfscomitees, rvo er die Wünsche der Flüchtlinge entgegemiimmt, wobei er ein unerreichbares Maß von Geduld und Güte an den Tag legt. Sein Stellvertreter, Herr Dr. H. Schneeweiß, opfeit von seiner kostbaren Zeit einige Stunden täglich, mii die zahlreichen Gesuche zu lesen und die nötigen Verfügungen zu treffen. Ein anderes Mitglied des Komitees, Herr Albert Tandler, betätigt sich ebenfalls in der selbstlosesten Weise. Nebst den Unterstützungen an Geld sind oon großer Wichtigkeit die Ritualien, wie Gebetriemen. Gebeuuän.el, Gebetbücher und dergleichen mehr, mit denen das Landeshilfskomitee die Flüchtlinge unentgeltlich versieht. Und es ist zum Erstaunen, wie der Vorsteher des .Komitees, als vorgeschrittener Mann ersten Ranges, dennoch die religiösen Anschauungen der orthodoxen Flüchtlinge so sehr berücksichtigt, daß er ihnen sogar Mezuzoth und Zizoth verschaffte. Ich muß bemerken, daß ich die Anschaffung bezeichneter Ritualien schon ans dern Grunde so tzvft au.et'e, weit man sie >vu,t in Oberösterreich überhanpt nicht bewinmt. Groste Schwierigkeiten bot vor den hohen Feiertagen die Beschallung von Tgorarvtlen für die überall gegründeten Minjamin. Aber auch hierbei sparte das .Komitee weder Mühe noch (Leid. Es wurden von Wien Thorarollen besorgt und mehr als fünfzig unter die Flüchtlinge verteilt. Tie meisten behielten sie auch nach den Feiertagen weiter, cun aus denselben an den Sabbattagen oorzulesen. Ich halte es nicht m . :.öftg, Worte darüber zu verlieren, um zu schildern, was es für ejnen streng orthodoxen Faden bedeutet, regelrecht aas der Thora vorlesen zu hören, ich kann aber aicht um hin, von einer ergreifenden Szene Mitteilung zu macheu. die sich in einem Dorfe Oberösterreichs abfpiette. Ein Beamter des Komitees besuchte dort die Flüchtlinge, die ihn flehentlich baten, die Thorarolle, die sie sür die hohen Feiertage erhielten, auch weiter behalten zu dür seu. Als er die Erfüllung ihres Wunsches in Aussicht stellte, brach ein alter Manu in T-au'u ans: es nmren Tränen der Freude. Eine überaus schwierige Aufgabe bilden' die Befrie 'igung der religiösen und geistiger! Bedürfnisse der In reud. Mit Hilfe der von der k. c. .Regierung einge letzten Rabbiner, die schon die Bildung der Minjamin förderten, wurde einerseits der Religionsunterricht in den Volksschulen geregelt, andererseits wurden fvezielle Schulen lChedariiu» errichtet, die von lüchtigen Lehrern geleitet werden. Es erübrigt, noch über das Verhalten der Be Hörden und der Bevölkerung den Flüchtlingen gegen über zu sprechen. . . . Das Verhalten der Behörden ist tadellos, in manchen Bezirken rühmenswert. Der Re ferent für Flüchtliugsangelegruheiten, Herr Oberkvm mifsär Dr. K i n u in v s e r, in der k. k. Statthalterei versieht r>!lichtgetreu seinen Dienst, ist sehr znvorkom - mend und freundlich und verdient den Dank aller Flüche linae in Oberösserreich. Natürlich wirkt sein Benehmen tonangebend auj die einzelnen Bezircshauvtknanuschasten. Besonders rühmend verdient hervorgehoben zu werNu die Tätigkeit des Herrn Hofrates Grasen H. Alte m c, k. k. Bezirkshanvtwann in Linz, der sich hingebungsvoll der Flüchtlinge in seinem Bezirke annimmt, und des Herrn Verwalters Lehner, der unerniüdlich und wahrhaft väterlich für die Flüchtlinge iw Bezirke Linz sorgt. Im Namen aller Flüchtlinge im Bezirke Linz spreche ich den genannten Herren den verbindlichsten Dank aus. Erwähnenswert ist noch das Verhalten der Geisttichleit. Diese hat tu meint Gemeinden sich besonders um die Beschaffung von Ritualien für die Flüchtlinge gekümmert. Das Pfarramt in Nußbach schrieb vor den hohen Feiertagen an das Landeshilfs o.uitee, man möge den Flüchtlingen Machsorim und Sichurint schicken. Ein anderer Pfarrer bittet „ergebenst" um einen Ethrog und Lulaw für die armen Flüchtlinge. In einer dritten Gemeinde, wo die Flüchtlinge miteinander in Streit ge rieten, erschien der Pfarrer zu wiederholtenmalen, um unter ihnen Frieden zu stiften. - Diesmal entwarf ich ein allgemeines Bild über die Lage der Flüchtlinge in Oberösterreich, ein anderesntal werde ich mir gestatten, einzelne Dinge des Näheren zu besprechen. Linz, 16. November 1616. Der russische Schriitsleilee .Kvrolenlo vor Gericht. Aus Kopenhagen, 18. d. M., rvird telegra vhiert: Nach der „Nowoje Wremja" findet an! 6. (22. > November d. I. vor dem Petersburger Militärgericht