Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 44 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr 44 Sstte 743 Tr. Bloch'L Wochenschrift heuere Gattung, und auch das Variste. verschutähts er nicht. Nur ans Klavierspiel stellte ec Höhere Ansprrm-e urw seine Gattin mußte ihm an jedem Abend, den sie mit ihm allein zu Hause verbrachte, anmutige Weisen Vorspielen. Tat sietes nicht von selbst, so bat er sie diinpe-ld darum. Am Lamstag jedoch sprach er bieic s<3tac Niemals aus; denn an biejcm Abenkst erwartete er mit Spannung die neueste Nummer einer Folge von Detett-.vromauen, ein dünnes, öistkges He,ru)en mit ausregenvem TiteWild, das unerhörte Schaue lich leiten t e sp ah. Wn t - diese und < , .. Unterhaltungen viele gute Einfälle^ für seme Arbettett verdanken Wie das zusanrmenhing, iit pchwer 511 erk äeen: >iese Aussicht aber nicht, so tonnte er sich Nichts säte Horen, md er äußerte häusi-g, daß er die,en musikalischen Avcnbmterhaltunaeir viele gute Einfälle^ snr seme Arbettett lerdanker Wie das zusanrmenhing, iit schwer zu erk.ärcn: jedoch hörte ich einmal aus dem Munde eines^ bed erneuden Chen'.irers eine ähnliche Bemerkung. „Meine beste Arbeit," so sagte er, „verdaute ich einem Operrrabend." — „Wieso?" fragte ich überrascht, weil rum Eh-ltchs Aeußerunaen sofort einsielen. And da ich eure ^ltiptrmion durch die Musik für möglich hielt, fuhr ich fort: Sie so musikalisch?" — „Ach nein," memte er säst wegwerfend, „von der Musik hatte ich nichts gehört, aber dieses völlige Losgelöstsein. . als möglich aus die Leitung der Arbeiten beschränkt während Koch alles selbst aussührte. Bei dieser Gelegenheit sei nocf) mit srinrri eigenen Worten nachevzählt, rvie er 5tochs Bekalmtschast inachte. _ „Ich arbeitete," so begann er, , als Student in Bre?- lau unter meinem Vetter Karl Weigert (dem bekannten pathologischen Anatomen, der später lange in Franksurt wirrte). Da empfing Weigert Kochs Besuch und stellte mich ihm mit den Worten vor: „Das ist mein kleiner Vetter Ehrlich, ein sehr tüchtiger Mensch, aber ein Examen wird er nie machen."" Diese Erinnerung versetzte ihn;iu die fröhlichste Laune und er fügte noch hinzu, daß Koch und er über diesen kleinen Vorgang später manchmal herzlich gelacht hätten. Sein Verhalten den Menschell gegenüber kennzeichnete er mit den Worten: „Ich lasse mich immer uom Unterbewußtsein leiten. Wen ich nicht mag, den lasse ich links liegen. Bin ich eiirmal vorr dieser Regel abgewicheit, so habe ich es stets bereut." Trotz dem tiefen Ernst, der mit einem so stetig arbeitenden Kopf, einem so schöpferischen Geist noiwendig verbunden ist, steckte ihm eilt gut Teil Schalkhaftigkeit, eine gleichmäßig heitere Laune irn BluS. Seine Gattin wurde das Staunen darüber nie los, daß er vom frühen Morgen, von dem Augenblick des Erwachens an, plaudern konnte, ein fast sicherer Beweis guter Nerven. Erst in den letzten Jahren, als seine letzte große Entdeckung seinen Namen in alle Winde trug und mit dem Ruhm auch Neid und Mißgunst ihren Höhepunkt erreichten — erst da bekamen seine Worte mitunter einen Einschlag von Bitterkeit, die seinem arglosen Gemüt bis dahin fremd geblieben war. Aber diese Bitterkeit hielt nicht stand; sie konnte ihm manche Stunde trüben, aber nicht sein ganzes Wesen verändern. Und bis in die allerletzte Zeit hinein trieb er seine kleinen Späße, die ihm selbst so viel Vergnügen bereiteten, die nur der Eingeweihte verstand. Eine solche Probe guter Laune gab er noch in den letzten Wochen seiner Lebenszeit an. einem Frählingsnachmittag. Ehrlich empfing die Besuche iit seinem Bibliothekzimmer. Man sprach von Weimar, wo einer der Gäste soeben ein paar genußreiche Tage verlebt hatte. Jeder gab seine Eindrücke kund, jeder verweilte bei einer besonderen Erinnerung, als einer sagte: „Das Schönste in Weimar ist aber doch das Denunat von Shakespeare." Einen Augenblick lang herrscht tiefes Schweigen; aber Ehrlich unterbricht die ScNle mit beu fast gleichgütig und scheinbar ernsthast hingeworstnen Worten: „Das gehört sich auch, Weimar ist doch Shakespeares Geburtsort." Die G-atUn, vesvrgt um seinen Rns als Lüeraturtenner, ruft mit tie,em Vorwurf: „Aber Paul!" Doch Ehrlich blickt ml schuldig vor sich hin; denn es ijüi.e ihm den grüßten Spag bereitet, irgend jemand wersznmachen, er sei ans diesem Gebiet nähr beschlagen. Einer der Amvesenden aber gehr aus seilten Scherz ein, uitd nun encspirlnt sich zwischen u)m und Ehrlich eine rasche Wechselrede, in der das Dichrerhans zu Scratjvrd arn Avon als ein Hirngespinst der Eugtäitder in das Reich der Fabel verwiesen und Shakespeares Wiege nach Weimar versetzt wird- Emmer sremrdlicy, stets zu einem scherzhasten Wort, eüter Keinen Mystisirarion ausgewgc, barg Ehrlich hinter der Heiterkeit seines Wesens eine abgcüürte Weltanschanung, die auch bcu letz een Dingen mit philosophischer Ruhe entgegen,ah. All eine Fortdauer nach dein Tode glaubte er nicht: luir aber sträuben uns gegen beit Gebauten, da st iv-.net kp'ist und Gü>e vergehen soll, und mögen der H0j,nnng üid)t enpagen, die Goethe ill einem Gespräch nUc Ecrennann ill die Worne cleidec: „Ich habe die feste Ueoerzeugnttg, dag unser Geist eilt Wesen ist ganz utlzerstvroarer ckcacur, es ist ein ,orttvirtendes oork Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähltiich, die bloß unseren irdischen Angeil nncerzngehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich sortleuchret." $rkzüinv. Die geißespefchlichtliche Blutung der Bitzcl. s.er der Hundertjahrfeier der Bibelgesellschaft in Hamburg tnen der bekannte Philosoph Prof. Dr. Lucken aus Jena einL.r Bortrag über die geisiesgeschia-tllcye Bedeutung der Bibel. Wir zitteren daraus folgende Sätze: Das Größte der Bwel ist, dag sie uns das geistige Leben in der reich,ren Mannigfaltigkeit .oorhält, so das; die Seele in alle! Levenslagen Antnüpfung findet. In der Bibel sehen w:r einen Weltgeschichtlichen Zusammenhang. Die einfachste Seele versieht d-eses Buch, und doch ist es der Ausgangspunkt der ttcfiren Fragen der Menschheit. Tie Bibel hat attzeit die Kunst, die Literatur, die Malerei befruchtet durch ihre anschaulichen Bilder, durch ihre großartige Phantasie, indem sie das Unsichtbare sichtbar machte. Die große Kunst wird imnier auf die Religion und auf dre Bibel blicken. Unsere großen Männer, wie Dürer, Luther, 'Bach, Kant. Goethe, Bismarck find religiöse Naturen gewesen und haben der Bibel nahegestanden. Wahre geistige Größe isst wohl niemals anzutreffen ohne Religion. Auch die deutsche Geschichte zeigt an ihren Wende- und Höhepunkten den G-nflusst der Bibel. Wo der Deutsche recht deutsch handelt, kommt er in Verbindung mit der Bibel, und was groß war im deutschen Leben, hat d-ese Verbindung gesucht und gefunden. Darum darf die Bibel auch nicht verlassen werden in einer Zeit wie der gegenwärtigen, die so sehr von äußeren und inneren Kämpfen erfüllst ist; denn sie _ gibt uns Standhaftigkeit, Unerschvpflichteit und Heroismus in diesen Kämpfen. ,.DW Jüd'.fchck Archiv." TU soeben erschienene vierte Publikation de- ,, Jüdischen Archrvs'"'-) macht in ihrer trockenen, erschütternden Sachlichkeit tiefen Lindruck. Das Heft beginnt mit der Wiedergabe des denkwürdige.: A u f r u f e s, den die Armeen der Zentralnrächts bei ihren- Liurücke.a in Aufstand in jiddischer Sprache an die „Jude-: in Polen" richteten. W. Klossowski setzt seine überaus fleißige Ärchivarbsit, betreffend ., D i e Ausrottung der I u d e n f ch f t Rußlands ", fort und entrollt in dem Abschnitte „Ausweisungen" ein gewissenhaftes Bild der russischen JudennoL. Ls folgen aulhentrsche Wiedergaben der Judendebatte in der Duma vom 16. August 191.5, eine fear wichtige Darstellung der neuen Siadtordnung in Warschau *) Jüdisches A rchiv ", Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Llriegsarchiv", Lieferung 6 und 7, Preis Kr. 1. Verlag R. L 5 wit, Wien.