Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 44 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 742 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 will sogar wissen, daß er schon als Knabe von acht Jahren in Strehlen, seiner kleinen schlesischen Heimatstadt, zum Älpotheker ging, um sich Hustenbonbons nach eigener Borschrist zu bestellen. Doch wie bestimmend auch die natürlichen Anlagen wirken mögen, die Entwicklung hängt zum Teil immer von äußeren Umständen ab, die das Schassen fördern oder hemmen. Von ihnen sprach Ehrlich an jenem Tage. „Großer Reichtum," meinte er, int Hinblick auf einen jungen Mann, dem seine irdischen Güter zum Verhängnis wurden, „großer Reichtum stiftet zwar manchmal Unheil, aber für den, der ihn zu nutzen versteht, bedeutet er Glück." Ehrlich hielt es dafür für eine P,licht der Allgemeinheit, wissenschaftliche Leistungen reich zu belohnen und dadurch dem Schassenden den Weg zu einten. „Jenner," sagte er, „hat als Entschädigung für die Entdeckung der Pockenimpfung 600.009 Mark erhalten, was heute das Vierfache bedeutet. Was habe ich der Wissenschaft für pekuniäre Opfer gebracht!" Ehrlich spielte mit diesen Worten jedenfalls darauf an, daß er irr jüngeren Jahren in Berlin seine Forschungen aus eigenen Mitteln bestritt, weil ihm öffentliche nicht zur Verfügung standen. Nach einer Pause fuhr er fort: „Die Musik ist ein sehr gefährliches Gebüsch. Ist ein Mediziner mnfitälisch, so setzt er sich abends hin und spielt, und seine Gedanken sind gefangen. Das dekonzentriert. Auch ich hatte Liebhabereien, zum Beispiel die Mathematik machte mir Spaß, aber ich habe mich immer.nur ganz dumm damit beschäftigt; denn das Gehirn hat — sagen mir 10.000 oder sagen' wir 10,000.000 Ganglienzellen: sind die vollgepfropft, so geht nichts mehr hinein. Für Philosophie habe ich keinen Sinn. — Es ist mir auch gleich, ob sich die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne dreht. Das würde mich nur interessieren, wenn ich mich ernsthaft mit Astronomie beschäftigte." So sprach er int Juli des vergangenen Jahres, kurz vor seiner Abreise nach Homburg, wo er aut 19. August, erst 61 Jahre alt, die Augen, schloß. Wir saßen in hellen Korbsesseln auf der grnnumrankten Veranda seines Hauses, von der man in das wohlgepslegte Gärtchen hinabsteigt. An der einen Längsseite stand ein Ruhebett, das ihn zunt Liegen im Freien laden sollte; aber seine Geduld hielt nicht stand; immer wieder kehrte er Zu uns ait den Tisch zurück, wo Tee getrunken wurde und für ihn eine Glaskanne mit Rahm bereitstand, der ihm zur Hebung seiner Kräfte verordnet war. Peinlich sorgte seine Gattin dafür, daß er verbotene Dinge — namentlich die geliebten Zigarren, die ständigen Begleiter seiner Arbeit wie seiner Muße — mied und nur die ihm vom Arzt verordneten Stärkungsmittel genoß. Ihm aber widerstanden die Speisen und wehmütig klagte er: „Kein Bier, keine Zigarre mehr, alles muß ich mir versagen. Und zum Essen muß ich mich zwingen. Der ärmste Mann ist besser dran als ich, dem schmeckt es doch wenigstens, wenn er etwas hat. Der verzehrt gierig seine Kruste Brot. Mir ist das Essen widerlich, und dabei pflegt mich meine Frau rührend, erfinderisch." Wahrend er sprach, flog ab und zu ein Buchfink aus dem Garten heraus und suchte sich eine vom Disch herabgesallene Krume. Liebevoll blickte cr den. Tierchen zu, war ganz bekümmert, wenn sie nichts ntehr fanden, und bat seine Gattin, ihnen Futter zu streuen. Denn dieser Forscher, der im Laboratorium mit kühlem Blute manch kleines Lebewesen um höherer Zwecke willtn opferte, liebte die Tiere wie ein Kind. Wenn ein Vogel in seine Nähe kam, hielt er ntitten int Sprechen imtc, um ihn nicht zu verscheuchen. Und aut Fenster seines Schlafzimmers hingen alle Arten von Futterkästen für feine Lieblinge, während im Zimuter selbst am schönsten Fensterplatz eilt großer Wasserbehälter stand, in dent ein Frosch sich seines Lebens freute. Matt konnte Ehrlich eine große Freude bereitet!, tvenn man ihm in der fliegenarmen Zeit eine Fliege für seinen Frosch brachte! Ich erinnere mich eines Besuches in seinem Hause, der vielleicht um drei Jahre zurückliegt. Es wurde 6, es wurde halb 7 Uhr, da mußte ich gehen, ohne wie sonst aus ihn gewartet zu haben. Als ich die Stufen seines Hauses hittabstieg, bremste das Auto gerade vor der Tür uttd setzte ihn ab. In der Mitte des Vorgartens begrüßen wir eirrander, uitb gastfrei wie immer, bittet er sofort: „Kommen Sic, essen Sie mit mir." „Ich rann nicht, Exzellenz, ich muß ins Kolleg," „Kollegs sind zum Schwänzen da," war die rasche Antwort, eitte Lieblingswendung von ihm, die mir seit lange bekannt tvar. „Nein," sagte ich, ..diesmal gehts wirklich nicht." „Warum, was hören Sie?" „Eine französische Vorlesung über Paris." Wir Hattert damals noch friedliche Zeiten und der Bestich eitler französischen. Vorlesung galt rticht für eine Schande. „Paris!" sagte er mit Achtung, und zitierte das berühmte Wort des Hugenottenkönigs Heinrich IV.: .. - nv Y. \V v. i sse/ Vor zwei Jahren besuchte Ehrlich - Frankreichs Hauptstadt, und er verlebte dort mit seiner Gattin ein paar genußreiche Wochen im Hanse der Baronin James von Rothschild, einer' geborenen Franksurterin. Ehrlich stattd jedoch nicht nur mit den Gelehrten Frankreichs in regem Austausch, sondern auch mit detten Englands uttd Amerikas, ja der ganzen Welt. Uttd wie sie aus allen Ländern zu ihm pilgerten, so erwiderte er auch tuandjett dieser Besuche. Mehrfach reiste er mit seiner Gattin über den Kanal uttd einmal in Begleittmg vott Gattin und Tochter, die ihm als Dolmetscherinnen dienten, sogar nach. Amerika. Erholungsreisen — so nötig er sie gehabt hätte — waren nie nach seinem Sinn, uttd nur mit Mühe gelang es seinen Angehörigen, ihn zum Ausruhen an einem schönen Fleck Erde zu bestimmen; aber jene Fahrten, die durch Kongresse uttd ähnliche wissenschaftliche Zwecke veranlaßt umreit, bereiteten ihm offenbar viel Freude/ und er erzählte gern von ihnen. In Amerika hatte die Stellung der Frau, namentlich der Dame des Hauses, feine Aufmerksamkeit erregt. „Dort ist die Hausfrau," so sagte er einmal, „mehr als in jedem aitbcixn Lande zum Schmuck des Hanfes, zum Besuchempsaugen, zunt Staatmachen, zunt Spazierengehen, kurz zum Vergnügen aus der Welt, während der Mann nur zum Geldverdicnen, „lor dmiumw", ' geschaffen scheint." Wie aus seiner Vorliebe für die frattzösische Unterhältungslileratur hervorgeht, hatte Ehrlich trotz der zielbewußten Einseitigkeit, die seine Stärke war, das Verlangen nach mannigfachem Lesestoff. Cr bevorzugte Bücher mit starker Spannung, die seinem unablässig mit großen Problemen beschäftigten Geist zur Ablenkung notwendig waren. Daher rührte jedenfalls auch feilte Vorliebe' für Detektivromane. Auch die Musik war für ihtt keineswegs, tvie es für manchen Gelehrten ist, ein störendes oder unangenehmes Geräusch, wenngleich er, der Sage nach, aus dem einzigen klassischen Konzert, das er vor Zeiten einer befreundeten Künstlerin zuliebe besuchte, regelrecht sortgelausen war. Eine Drehorgel war weit eher nach seinem Geschmack, und in jüngeren Jahren bestellte er sich eine Zcitlang zweimal wöchentlich einen Leiermann an seine Arbeitsstätte. Int Theater bevorzugte er gleichfalls die