Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-10-27 · 42 (27.10.1916) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
42 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022238--25495-3050801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6ÖS Nr 42 Er. Äloch's alle Untiefen steuern werden: Zu neuem Heile und neuem Segen, der auf der blutigen Walstatt ersprießt, über welche im Völkerringen die Feldzeichen unserer sieghaften Streiter immer stolzer getragen werden. Zu neuem Leben und neuem Heile, an dem auch wir Juden unseren Anteil haben, die wir in tatkräftiger und unerschütterlicher Staatstreue eintreten und einstehenfür den Ruhm und die Größe des Vaterlandes. Dieser Tropfen lindernden Balsams mag auf die schmerzende Wunde träufeln, welche der Märchrertod des edlen Grafen auch dem jüdischen Herzen geschlagen hat. Wien, am 23. Oktober 1916. Dr. Gustav Kahn. (Zur ersten Jahreswende seines Todestages.) Am' 27. d. M. fährt fick) zum erstenmale der Tag, air dem der Erste Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Landesschulrat Dr. Gustav Ko hu, nach kurzer Krankheit für immer von uns schied. Die Kunde von seinem Tode hatte die große Gemeinde in tiefe, aufrichtige Trauer versetzt. Die Tränen, die an der Bahre dieses ausgezeichneten Mannes von den zahllosen Menschen, die ihn liebten und verehrten, vergossen wurden,, waren Tränen echten Schmerzes, wahren Kummers über einen Verlust, den so viele, die sich an den wohltuenden Ausstrahlungen seines guten Herzens gar so oft erwärmt hatten, durch seinen jähen Abgang erlitten haben. Der lange, schier endlose Zug, der dem Sarge folgte, in welchem Dr. Gustav Kohn zu seiner letzten Ruhestätte gebracht wurde, war ein Trauerzug wirklicher Leidtragender und die letzten Ehrenbezeigungen der Behörden des Staates und der'Stadt, hoher Persönlichkeiten, der größten Zahl von Körperschaften und Vereine waren ' Tribute der Anerkennung! und des Dankes, welche Dr. Gustav Kohn in einem langen, seinen Mitmenschen gewidmeten Leben sich verdient hat. Und heute, nach einem Jahre seit seinem Tode, da seine engeren Kollegen in der Arbeit für das Wohl unserer Gemeinde sich anschicken, ihm gewissermaßen in das Grab hinabzurufen, daß seiner nicht vergessen, daß sein Andenken stets ein gesegnetes bleiben wende, da werden wieder all jene Gefühle in uns lebendig, die wir, die Augenzeugen seines jahrzehntelangen Wirkens in der Oessenllichkeit, für ihn hegten, solange er unter uns wandelte, wird das Gefühl des Schmerzes wieder wach darob, daß wir sein gütiges Wesen, -die liebenswürdige Art seines Verkehres mit allen Menschen ohne Unterschied des Ranges und der Klasse, seine wahre Lust am Leben, seine unverfälschte Freude an selbstloser Arbeit, nicht mehr aus uns wirken lassen können. Sein hervorstechendster Charakterzug, seine anheimelnde, alle Herzen gewinnende Eigenschaft war die gesunde, herzerquickende Heiterkeit, die er trotz des vielen Elends, das ihm täglich vor Augen kam und dessen Linderung ihm ein Lebenshez dürfnis war, sich zu bewahren verstand. Diese Heiterkeit seines Wesens, die ec so gerne jedem, mit dem er in Berührung kam, mitteilte, war auch die treibende Kraft, der alle seine Handlungen entsprangen, die ihn in Bewegung setzte, wenn er eine Wohltat ausjübte. Den Kummer aus dem Herzen eines Leidenden, wenn auch nur für eine Minute, hinwegzuzaubern, die Sorge eines Bangenden zu bannen, die Verzweiflung eines Sinkenden in lebensfrohe Hoffnung zu verwandeln: das waren die Genüsse seines sonst so bescheidenen Lebens. Und um dieses schöne, so viele beglückende Ziel zu erreichen, erfand er immer neue Mittel, suchte er nach immer neuen Quellen, aus denen er Labsal fürü die Leidenden, Hilfe für die Bedürftigen schöpfte. Erd Wochenschrift war in diesem Kampfe gegen die Rot der Armen jo erfinderisch, daß er füglich zu den gewiegtesten Strategen im Reiche der Wohltätigteit gezählt werden tonnte. Etewiß hat Dr. Gustav Kohn bei solcher Lebensauffassung sich leicht zu den strengen Doktrinen der Sozialpolitik in Widerspruch gesetzt. Sicherlich hat der Umstaud, daß er denselben Maßstab auch auf allen arweren Gebieten, auf denen er sich hervorragend betätigte, gelten ließ, nicht immer den Auffassungen aller entsprochen, aber ebenso sicher ist es, daß selbst derjenige, der mit ihm picht eines Sinnes war, bei dem Anblicke dieses Mannes an der rastlosen Arbeit, der er sich selbstlos ganz hingab,, vor der Heiligkeit der Menschenliebe, von der all sein Tun erfüllt war, die Waffen streckte und ihn gewähren ließ. Dieser Edelmut in seinem Handeln, diese bis an sein Lebensende wirksame Freude an 'jeder fröhlichen Minute, die er anderen bereitete, machen Dr. Gustav Kohn all den Zahllosen, denen er ein Freund war, für alle Zeiten unvergessen. Die vielen Notstands- und Fürsorgeattionen, die seine Initiative ins Leben gerufen hat, wirten segensreich fort, als bleibendes Denkmal seines edlen, uneigennützigen Wirkens. Konflssronelle Statistik! Im Budgetansschuß des deutschen Reichstages wurde der Beschluß gefaßt, Erhebungen über die konfessionelle Zugehörigkeit der in den deutschen Kriegsgesellfchaften (Getreide-, Leder-, Metallzentralen usw.) _ beschäftigten Personen pflegen zu lassen, die infolge dieser ihrer Anstellung vom Militärdienste enthoben sind. Begründet wird dieser Beschluß mit dem Hinweis auf die in der Bevölkerung Deutschlanbs. böswilligerweise kolportierten Gerüchte, daß sich vornehmlich Juden zu solchen Anstellungen drängen, um.vom Militärdienste enthoben zu werden. Der Beschluß hat also, wenn die Begründung richtig ist, den Zwecks durch amlliche Statistik die Unwahrheit dieser ehrlosen Verleumdungen darzutun. Der Führer der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Scheidemann, hat sich im „Vorwärts" leidenschaftlich gegen diesen, wie er meint, die Juden diffamierenden Beschluß ausgesprochen und ihn als Erfolg einer in .Deutschland systematisch betriebenen antisemitischen Hetze — die, wie alle Judenhetzen, von anderen Dingen ahlenken soll — hingestellt. Wir Juden, die diese Sache wohl am meisten angeht, sind dieser, von den ehrlichsten Absichten diktierten Meinung nicht. Wir begrüßen diesen Beschluß! Wir wünschen ihn nicht nur ausgedehnt auf eine konfessionelle Statistik aller vom Militärdienste Enthobenen überhaupt, sondern wir österreichischen Juden wünschen, dringendst und fehnlichst, daß auch endlich in Oesterreich von amtswegen statistisch! die konfessionelle Zugehörigkeit aller vom Kriegsdienste Enthobenen ermittelt werde. Wir gehen soweit, um nuferen hämischen Widersachjern jede Gelegenheit zu einem „Aha!" vorweg zu nehmen, zu sagen, daß wir mit einer Statistik, die lediglich die Gesamtzahl aller Enthobenen ohne Unterschied der Berufszugehörigkeit enthält, absolut nicht zufrieden wären. Wir verlangen vielmehr vor aller Oessenllichkeit eine Statistik, berufsweise geschieden und innerhalb jeder Berufsgruppe die konfessionelle Zugehörigkeit der Enthobenen ermittelt. Haben wir diese dringend nötige amlliche Statistik, dann wird denjenigen, die hierzulande noch weit wüster als in Deutschland mit der Lügenmär hausieren gehen, ^allc Juden seien Drückeberger, bald das freche Maul ver- W stopft sein. Dann wird diesen Verleumdern, die charakte-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.