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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-10-17 · 41 (17.10.1916) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
41 (17.10.1916)
Date
1916-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 678 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 41 Kriegsbeginn oder seit den letzten Pogroms, ist kein Werk einer ephemeren „politischen Orientierung", sie geht tief in die Vergangenheit zurück, ist eine Erscheinung von ehrwürdigem Alter und natürlicher, elementarer, instinktiver Selbstverständlichkeit. -Die älteste Erivähnung der Germanen in der noch im alten, asiatischen Orient entstandenen jüdischen Literatur der ersten christlichen Jahrhunderte klingt bereits sympathisch. Im Talmud werden die Germanen als Macht gepriesen, die Rom im Zaume hält?) In der Mischna, die gegen das Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts kodifiziert wurde, wird das Wort „Germane" als Ehrenbezeichnung für einen weißen Menschen in: Gegensätze zu einem Neger gebraucht?) An einer Stelle in der altrabüinischen Homiletik Palästinas wird der Name Germane sogar auf den Patriarchen Josef angewendet: „Immer dient ein Schwarzer einem Germanen (= Weißen), wie kommt ein Germane (der weiße Patriarch Josef) dazu, einem Schwarzen (einem Aegypter, an den ihn die Brüder verkauften) zu dienen?) Die theoretischen Sympathien der alten, noch im Jordanland ansässigen Juden nahmen dann in der Diaspora oft sehr konkrete, den Germanen recht dienliche Formen an. Als zur Zeit der Völkerwanderung die Byzantiner die gotischen Eroberer Italiens zu verdrängen suchten, da ergriffen die Juden, wie der griechische Historiker Procopius berichtet, lebhaft die Partei der Goten, während die römische Bevölkerung mit dem Heere Byzantiums sympathisierte. In Neapel schlossen sich den sich heldenmütig verteidigenden Goten jüdische Kriegerscharen an, und als bereits Belisar mit seinen Byzantinern in diese schöne Großstadt des italienischen Südens eindrang, leisteten noch ans den Straßen die Juden verzweifelten Widerstand?) Nach der Schlacht von Cotrone in Kalabrien im Jahre 982, in der das deutsche Heer von den mit den Byzantinern verbündeten sizilischen Arabern vernichtet wurde, wurde Kaiser Otto II., wie der Chronist Thietrnar mitteilt, durch einen Juden Kalonymos, der ihm ein Pferd gab, gerettet. 'Der Kaiser schwamm dann auf ein griechisches Schiff zu, das Ihn jedoch nicht aufnehmen wollte; zurückkehrend, fand er den Juden noch am selben Platze, der abwarten wollte, was mit dem geliebten Herrn geschehen wird, (invenit adliue Judaeum siantem, seniorisque dilecti eventum sollicite expectantem.)9) Die Anhänglichkeit der Juden der verschiedensten Länder an das Deutschtum bemerkte um die Wende des 17. Jahrhunderts Wagenseil: „Teütsche Juden nicht allein, die sind so in Teutschland wohnen, sondern es ist ihrer auch eine große Menge in Italien, zu Metz, in Lothringen, zu Avignon und bevorab mehr als irgendwo in Polen, auch in Böhmen und Holland anzutreffen,, die von den Teutschen Juden hervorstammen und ihrer Vorfahren Sprache, Kleidung, Sitten und Art an sich behalten, mit denen ursprünglich gebohrenen Französi-i schen, Jtaliänischen und Pohlnischen Juden keine Gemeinschaft haben/^o) Aehnliches stellte vor einigen "Jahren auch Hans Heinz Ewers fest: „Ich stieß in Westindien wieder auf die Tatsache, die ich so oft in Rußland ünd den Balkanstaaten zu beobachten Gelegenheit hatte, die Tatsache, daß 0) Megila 6 a. 6) Mischna Ngaim, Heft I, 1. -) Midrasch Rabba Genesis, LXXXVII. *) Procopius: Bellum Gothicum, I, 8, 10. F. H. Vogelstein und Paul Rieger: Geschichte der Juden in Rom, I, 132, Berlin 1896. ») Thietmar: Thron., III c, 12. Aronius: Regesten zur Geschichte der Juden, 136 (58). 10) Johann Christof Wagenseil: Belehrung der Jüdisch-Teutschen Rede und Schreibart. Fürtrag. Königsberg in dem MDCXC1X Heyl Jahr. der Jude überall deutsche Sprache und deutsche Kultur angenommen hat, sich zum deutschen mehr als zu einem anderen Volke hingezogen fühlt, ja sich gewissermaßen als deutschen Bürger betrachtet."^) Deutsch wird heute von den Juden gesprochen nicht nur im ethnographischen Deutschland. Neunzig Prozent aller Juden der Welt bedienen sich entweder der hochdeutschen Sprache oder ihrer jüdisch-deutschen Varietät, der jiddischen Sprache, als Muttersprache. Auf dem ganzen Sprachgebiet der Tschechen, Polen,- Ukrainer, Großrussen, Magyaren gebraucht die traditionelle Judenheit kein anderes Idiom als das deutschen Stammes. Die osteuropäischen, deutsch sprechenden Juden sind in der Mehrzahl keine Abkömmlinge voll aus Deutschland im Mittelalter vertriebenen Angehörigen des Hebräervolkes, denen die entsprechende Anpassungsfähigkeit abgegangen haben soll, die Landessprachen des Ostens sich anzueignen. Die meisten Juden kamen nach Osteuropa aus Kleinasien über das Schwarze Meer oder aus Persien-Mesopotamien über den Kaukasus und das Kaspische Meer. Lange vor der Einwanderung der Juden aus Deutschland nach Polen infolge des Schwarzen Todes oder aus Ursachen der doktrinären Unduldsamkeit des 16. Jahrhunderts lag bereits der Schwerpunkt der europäischen Jüdenschaft im Osten. An der Südküste des heutigen Rußland, im sogen, bosporanischen Reiche, wimmelte es bereits in der Antike von Juden, wie zahlreiche aus pns aus jener Zeit gekommene. Inschriften ^beweisen??) Im 8. Jahrhundert gelang es den osteuropäischen Juden, die Dynastie und einen Teil des Volkes der Chasaren an der Wolga für die Jüdische Religion zu gewinnen. Im 9. Jahrhundert lernte auf der Krim (Cherson) derSlavenapostel, der heilige Kyrill, wie die Vita Constantini erzählt, Hebräisch und Samaritanisch. (Archiv für slavische Philologie, IV.; 386.) Im 12. Jahrhundert bildeten die russischen Juden den deutschen Glaubensgenossen gegenüber bereits eine Gemeinschaft nrit einem besonderen Ritualgepräge, wie dies aus den Worten des Mainzer Rabbiners Elieser aus jener 'Zeit hervorgeht?^) Auch der französische Kardinal Jacobus de Vitriaco, der um die Wende des 12. Jahrhunderts lebte, kannte bereits die Menge der Ostjuden, und sprach ausdrücklich davon, daß im Osten, nicht weit vom Kaspischen Meer, die Mehrzahl der Juden wohnt; er vermischte sie allerdings mit den zehn Stämmen.^) Die osteuropäische Jüdenschaft war von der der sonstigen Länder der Christenheit noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts wesentlich verschieden. Der Krakauer Kanonikus Matthias e Michov berichtet im Jahre 1518: „Die Inden in Reußen sind keine Wucherer wie in den Ländern der Christen, sondern Arbeiter, Ackerbauer und Kanfleute."^) Von einem jüdischen Ackerbaübetrieb im 12. Jahrhundert im damals noch slavischen Schlesien wissen wir auch von anderwärts?6) Die altansässigen osteuropäischen Juden sprachen ursprünglich selbstverständlich kein Deutsch. Salomo Jizchaki, der im 11. Jahrhundert seinen berühmten Kommentar zur Bibel und zum Talmud schrieb, führt einzelne Glossen in slavischer Sprache an, die er von seinen aus slavischen Ländern eingewanderten Schülern gehört haben börfte.17) Auf den Münzen mit hebräischen, schriftlichen Legenden, die jüdische Münzmeister in Polen im 11. und - 12. Jahrhundert prägten, kommt kein einziges deutsches, H. Ewers: Mit meinen Augen, 310. 12) Schürer: Die Juden im bosporanischen Reich. 13) R. Elieser: Eben Ha-eser, 74 a, Prag 1710. 14j Jacobus de Vitriaco: Liber otientalis et occidentalis Historiae. I c. 82, p. 159. 15) Matthias, e .Michov: Os Sarmatia asiana atque Luropaea 1. II e I (Orbis novus regionum 516) Basileae 1537. 16) Aronius: ib. 195. 17) Raschi zu Deuteronomium, I.

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