Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 40 Tr. Bloch'S Wvchcnschrisl Seite 673 wirklichung der Ideen, Ausgaben und Bedürfnisse, die er als Mitträger der hebräischen Literaturentwicklung für notwendig und zeitgemäß erkannte. Diese seine literarische Grundeigenschaft verlieh seiner Verlegertätigkeit jene rastlose Produktivität, die nie in Schablone erstarrt, sondern ständig Neues schafft; die dauernd sortschreitet, fast allzusehr überquellend an der Fülle der Anregungen, Gedanken und Ziele, die sie zu verwirklichen trachtet. Mer die Namen all der Zeitungen und Zeitschriften liest, die Ben A w i g d o r gegründet hat, wer all die Bibliotheken und Schristensammlungen überblickt, die er publiziert hat, wer all die zahlreichen Projekte kennt, die er verwirklicht hat, all die zahlreichen noch, für deren Verwirklichung die Zeit noch nicht reif war, erschrickt förmlich vor der Rastlosigkeit, Elastizität und ungewöhnlichen Dynamik dieses Mannes, den ein Projekt eigentlich nur reizt, solange seine Verwirklichung tausend Schwie.igkeiten zu überwinden hat und der im selben Augenblick, da es gesichert ist. bereits an ein neues denkt. Es ist leicht zu verstehen, wie segensreich ein ,,Verleger" dieser Art gerade für die neuhebräische Literatur werden mußte, der bei der Fülle der Talente nichts mehr fehlte, als der starke Organisator, der ihr die äußere gesunde Basis schaffen konnte und die in Ben Awigdor einen solchen Organisator von geradezu vorbildlicher Art gefunden hat. Seine Verdienste um die Entwicklung der neuhebräischen Literatur kann man darum gar nicht hoch genug anschlagen. Sie sind vor allem einzig in ihrer Art und unersetzlich. Er ist nicht nur ein bedeutender hebräischer Schris.- steller, deren es so manche, nicht nur ein warmherziger Förderer der hebräischen Literatur, wie es deren viele gibt, sondern er ist bis heute in vielen Hinsichten so etwas wie die zentrale, organisierende Persönlichkeit derselben geblieben. Sein 25 jähriges Jubiläum als Verleger und Schriftsteller fällt in eine Zeit, da unter den furchtbaren Wirkungen dieses Krieges auch die hebräische Literatur in ihrer Entwicklung jäh gehemmt und unterbrochen wurde; und es ist wohl auch persönlich für Ben Awigdor das Schmerzvollste an seinem Jubiläumstage, daß er ihn nicht mitten im Kreise all der hebräischen Schriftsteller und Dichter feiern kann, denen er Führer und Verleger war, und deren größter Teil heute von ihm, der in Warschau verblieben ist, getrennt ist. Wenn aber die hebräische Literatur auch in ihrer äußeren Organisation heute bereits so stark ist, daß sie sicher sein darf, selbst die Stürme dieser Zeit zu über, dauern, so trägt mit das stärkste '.Verdienst daran zweifellos Ben Awigdor. Die jüdischen Schriststell^ Warschaus gedenken das Jubiläum Ben Awigdor 's in gebührender Weise zu feiern. Mit Rücksicht auf die gegenwärtige Ferienzeit hat der „Verein jüdischer Schriftsteller und Journalisten" beschlossen, die öffentliche Feier bis zum Herbst zu verschieben. Das 'gesamte Warschauer Judentum nimmt an diesem Jubiläum lebhaften Anteil und mit ihm darf die gesamte Judenheit an diesem Tage nicht achtlos Vorbeigehen; denn der Iubiläumstag Ben Awigdor ' s ist ein Iubiläumstag der neuhebräischen Literatur; und nichts spricht wohl beredter von den Verdiensten und der Bedeutung Ben Awigdor's^ als diese Tatsache, die seinen persönlichen Iubiläumstag zu einem solchen des gesamten jüdischen Volkes erhebt. Le sano al Ra.;. (Sanhedrin 18 b.) Eine Abhandlung über die Betätigung des Rabbiners in Handel, Gewerbe und Industrie nach dem Talmud von W. B. Alter M a j e r, Rabbinatskandidat, derzeit Boskowitz. Im Selbstverläge des Verfassers. Reinerträgnis zugunsten der jüdischen Flüchtlingsfürsorge. Mit der Frage, ob der jüdische Gelehrte, der “EE'ü HimnS' befähigt rabbinische Fragen zu entscheiden, sich auch einem Gewerbe widmen dürfe, beschäftigt sich die Broschüre »> o sane al raw«. Der § 29 des Wehrgesetzes, der vielleicht von mancher Seite unrichtig ausgelegt wurde, es geschah dies sicher nur in ganz wenigen, vereinzelten Fällen, hat diese Broschüre veranlaßt. Bei den thoraarmen Westjuden ist das Gesetzesstudium ein Brotstudium geworden, dem sich in der Regel nur diejenigen widmen, die dadurch Amt und Würde erreichen. Ganz anders verhält es sich im Osten, dort gibt es Gott sei Dank noch eine Ueberproduktion an Rabbinern, das heißt, es gibt sehr viele, die befähigt zum Rabbinatsamt, aber doch bei aller Gelehrsamkeit gezwungen sind, sich eine Erwerbsquelle zu schaffen. Wenn nun solche Gewerbetreibende, die die Autorisation zur Entscheidung rabbinischer Fragen erworben haben, oder vermöge ihres Wissens diese zu erwerben befähigt sind, den § 29 für sich in Anspruch nehmen, so ist dies sicher ganz gerechtfertigt. Unzählige Priester der anderen Konfessionen beschäftigen sich mit der Landwirtschaft, beteiligen sich an Industrien, Banken rc. und keinem Menschen wird es einfallen, daß man jene vom Priesterberufe ausschließen soll. Und warum sollten jüdische Gelehrte, die dem theologischen Gesetzesstudium in selbstloser Liebe sich hingeben, die, um ihr karges Auskommen zu finden, sich irgendeinem Gewerbe widmen, sich den Titel Rabbinatskandidat versagen? Der Verfasser des »Do saue al raw» stellt zunächst die Frage aus. ob es dem Rabbiner gestattet, sich einem Erwerbe zu widmen. Von Kidnachin 29 a. ausgehend, wo es heißt: „Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Sohn ein Handwerk lernen zu lassen", erbringt der Verfasser, dem alle einschlägigen Stellen präoent, den Nachweis, daß die Ausübung eines Gewerbes dem amtierenden Rabbiner gestattet. Rabbi W. B. Alter M a j e r, ein Talmudkenner vom alten Schlage und großer Belesenheit, führt die verschiedenen Berufsarten der Talmudlehrer an, und zeigt so. daß jeder Berus mit dem des Rabbiners vereinbar ist. Die kleine, aber sehr inhaltsreiche Broschüre, die in fließendem und sehr gutem Hebräisch geschrieben ist, sei allen, die der angeregten Frage näher treten wollen, bestens empfohlen. I Kanitz, im Elul 5676. H. IF I e s ch. D. I. Silberbusch: Skizzen aus der Kriegszeit. jStrechalech 1 aus der Milchumezeit.) Wien 1916. Druck von Holzhausen, Wien. Selbstverlag des Verfassers. Der Nestor der hebräischen Belletristik in Oesterreich D. I. S i l b e r b u s ch hat einige jüdische Kriegsnovellen in einem buchtechnisch ausgezeichnet ausgestatteten Bande vereinigt und als Neujahrsgabe der jüdischen Oeffentlichkeit beschert. Zum erftenmale lesen wir den famosen, tiefsinnigen Schildere! des alltäglichen östlichen Ghettolebens in der bodenständigen Sprache dieses Milieus. Der Verfasser ist auch jetzt nicht imstande, sich von der jahrzehntelangen Hebung zu befreien, denn sein Jüdisch ist nicht die wirkliche Sprache des Volkes. Der Dichter stilisiert und idealisiert die Sprache seiner Helden und Heldinnen ebenso, wie er ihre Gedanken und Taten mit einem rosig weichen Schimmer umgibt. Das Buch erweckt daher den Eindruck einer wortgetreuen Uebersetzung aus dem Hebräischen. Es fehlt der Sprache die Urwüchsigkeit, Natürlichkeit .und Wärme, die wir sonst in der zeitgenössischen jüdischen Literatur bewundern und der ein eigenartiger Reiz innewohnt. Die Menschen sprechen bei Silberb u s ch wie Kathedermoralisten und nicht wie Kleinstädter, Krämer oder Dorfjuden, als welche sie bezeichnet werden. Die Hauptnovelle „Beile Eitel" enthält trotz der moralisatorischen Grundtendenz, welche naturgemäß die wahrheitsgetreue Schilderung beeinträchtigt und einzelne Episoden mit einem idealisierenden Blendlicht umgibt, ein weit ausholendes Epos des jüdischen Kriegselends und der spezifischen jüdischen Flüchtlingsnot, welches dem Historiker des Weltkrieges wertvolles Material bieten wird. Der Dichter schildert mit homerischer Ausführlichkeit alle Kriegsschrecken, wie sie nacheinander über die schwergeprüfte jüdische Bevölkerung Galiziens kamen und mit außerordentlicher Zuversicht und bewunderungswürdigem Gottvertrauen ertragen wurden. Die einzelnen Phasen und das Barackenleben in einer mährischen Kleinstadt gehören zu den besten und interessantesten Partien des Buches, welches wohl seinen Weg in die jüdischen Bibliotheken finden wird. Wien, im September 1916. _ Dr. A. F. Ludwig Franz Meyer. Gedichte. Jüdischer Verlag, Berlin 1916. 'Wir erinnern uns noch des Aufsehens, welches seinerzeit die genialen „Lieder einer Gefallenen" erregten; im anderen Sinne wird jetzt unsere Literatur mit „Liedern von Gefallenen" überschüttet; trug doch fast jeder gute Junge, der sein Leben im Weltkrieg lassen mußte, seinen Pack Lieder ins Feld oder sandte sie aus dem Felde; trauernde Mütter- und Schwesterherzen wünschen sie aus Pietät zu veröffentlichen. Unter solche Erscheinungen zählt obgenanntes Buch, die Nachlaßlieder eines zwanzigjährigen Juristen, Sohn eines Arztes aus Gnesen. die fax Aufträge der Mutter Emil Cohn in Bonn in einem geschmackvollen Bändchen herausgegeben hat, zu den weitaus besten. Zionist, wie Zuckermann, aber ein mehr liebenwürdiges als stürmendes Talent, ist nicht das Kampflied, sondern das Lied an die daheimgebliebene Mutier seine Stärke sowie die Klage um Zion; die originellen Liebeslieder an eine Tanzstundenbekanntschaft „Miriam" würden wir mädchenhaft rein nennen, würden moderne Mädchen lyrisch nicht gerade in Sinnenglut schwelgen. Es ist eine aus dem gewöhnlichen Rahmen fallende Liebe, noch Spiel des Geistes und der Phantasie, die noch kein Begehren kennt. Gerade solche, welche die zionistische Gesinnung des Dichters nicht teilen, werden den Adel und Schwung seiner Trauergefühle würdigen. Alles in allem verschlang die Gruft in Gnesen, wohin zum Tröste der Mutter die Leiche des in Russisch-Polen Gefallenen gebracht werden konnte, ein reiches Hoffen an edler Menschlichkeit, von dessen jugendlicher Unreife freilich noch vielfach gesagt werden kann, was er von „Galuth" sang: „Das ist uns Galuth: fremde Laute sprechen und einen eigenen Sang im Herzen tragen". C. B e n d i k t. Jüdischer Nationalkalmder 5677. Ende August erschien im Verlage der „Jüdischen Zeitung". Wien, der „Jüdische Nationalkalender 5677", Preis Kr. 2.50, herausgegeben von Otto A b e l e s und Ludwig B a t o. Dieses Jahrbuch wird im 20. Jahre nach dem Auftreten Theodor H e r z l's