Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-10-06 · 40 (6.10.1916) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022236--25467-3050771
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 672 Tr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 40 ist, ein Gebot der Kehre Zu übertreten. Zuweilen ist cs geboten, daß mail die Gesetze verletzen soll, um dadurch Welt und Leben zu erhalten. . .!" Plötzlich höre ich ihn auffchluchzev, und mir wird es warm und weich in der Seele. Und wie ich im Winkel dastehe, betend und zitternd, beginne ich mitzzuweinen und Träne um Träne fließt aus meinen Augen. Noch heute sehe ich ihn oben stehen, wie er die Hand ausstrxckt, die Dajonim herbeiwinkt, und sehe, ivie die beiden zu ihm auf den Almemor hinaufsteigen. Alle drei stehen auf dem Almemor, der Rabbi der Höchste, in der Mitte, die beiden Dajonim niedriger als er, der eine zur Rechten, der andere zur Linken. Was flüstert ihnen der Rabbi ins Ohr? Warum ist er kreidebleich geworden? Daraus höre ich ihn und die beiden Dajonim gar sonderbare Worte sagen. Klar und deutlich ist ihre Rede und doch kann ich iden Sinn nicht erfassen. Wie aus einem Munde kommen die rätselhaften Worte hervor: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde gestatten wir heute zu essen und zu trinken." Eine schreckliche Stille, eine Todesstille herrscht in der ganzen Synagoge. Plötzlich verstehe ich unheimlich deutlich, was der Rabbiner von uns verlangt. Er verlangt, daß Juden am Versöhnungstage nicht fasten, sondern essen sollen, wegen der Pest, wegen der Pest, wegen der Pest! Ich beginne laut zu schluchzen. Nicht r-ch allein schluchze, viele schluchzen mit mir, auch die drei dort auf dem Almemor. Am lautesten schluchzt der Höchste unter ihnen, er schluchzt wie ein kleines Kind. Wie ein kleines Kind, so fleht er. Seine Worte sind so weich und milde. Zuweilen kommen die Tränen und ersticken ihm die Worte in der Kehle: „Essen, gehet essen, es ist so eine Zeit: Es gibt Zeiten, wo es geradezu ein Gebot ist, die Thora zu verletzen. Leben soll man durch sie, durch die Gebote, nicht sterben soll man durch sie." Aber es rührt sich! niemand von seiner Stelle. Und flehentlich fährt er fort, daß er über sich die große Sünde nehme, sie aber werden rein vor Gott sein, rein, ohne Sünde, ohne Fehl. Aber es rührt sich niemand von seiner Stelle. Und Plötzlich verändert sich seine Stimme, er bittet nicht mehr, er befiehlt: „Ich, gestatte, ich ich. ich!" Wie Pfeile fahren seine Worte einher, wie Blitze treffen sie. Niemand aber rührt sich von seiner Stelle. Und wieder wird seine Stimme weich und flehentlich: „Warum habt ihr euch alle gegen mich verbunden, warum wollt ihr mich, zum Aeußersten bringen? Ist es euch denn nicht genug, was ich heute vom frühen Morgen bis jetzt gelitten habe?" Auch die Dajonim helfen ihm und reden auf die Gemeinde bittend ein — vergebens. Und das Gesicht des göttlichen Mannes wurde noch bleicher als früher. Tief sinkt sein Kopf auf seine Brust hinab und ein Seufzer, ein tiefer, herzzerreißender Seufzer durchdringt die Synagoge von einem Ende bis zum andern, und hierauf läßt sich ein Flüstern vernehmen: „Es ist Gottes Wille," sagt er mit trockener Stimme, als ob er zu sich selbst reden würde. „Zweiundachtzig Jahre bin ich alt geworden, und noch nie habe ich bewußt ein göttliches Gebot verletzt. Aber das ist ja auch ein Gebot, eine Lehre, ein Gesetz. Es scheint Gottes Wille zu sein, daß ich nicht eher sterbe, bis ich nicht auch dieses Gebot halten werde." Und Stille herrscht eine Minute lang, Stille wie in einem Totenhaus. Wieder ertönt die Stimme des Rabbiners. Er ruft den Schames herbei. Der Schames steigt zu ilM hinauf und er flüstert ihm estvas ins Ohr. Dann spricht er leise mit den Dajonim. Diese nicken ihm zustimmend zu. Der SchaMes verläßt lautlos die Synagoge und bald kehrt er zurück, eine Flasche Wein, Gläschen und Kuchen in den Händen. . . . Wäre mir ein noch so langes Leben beschieden, jene Szene werde ich nie vergessen. Noch jetzt, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich sie vor mir, die drei, die am Versöhnung'stage gegessen haben. Drei große, heilige Männer stehen auf dem Almemor in der Synagoge und essen am Jom-Kippur vor den Augen der ganzen Gemeinde. Es waren Helden! „Ihr habt es von mir gefordert, ich habe es getan," sagte der Rabbiner. — Seine Stimme ist klar und bebt nicht mehr. — „Gottes Name sei gesegnet!" Und die Gemeinde ißt mit und weint. . . . Literatur. Literarisches aus Polen. Man schreibt uns aus Warschauer journalistischen Schriftstellerkreisen: Am 20. Ab (19. August) feierte die hebräische Literatur einen historischen Gedenktag. Vor 25 Jahren erschien an diesem Tage das erste Heft der „Sifre Agorah" (Kopekenbibliolhek), eine Publikation, die einen Markstein bildet in der . Geschichte der neuhebräischen Literatur. Sie trat damit eigentlich in ihr modernes Stadium und nahm ihre wahrhaft moderne „europäische" Form an. Und zwar gilt 'dies in einem doppelten Sinne: äußerlich bedeutete die Herausgabe dieser Aopekenbibliothek die erste auf gesunder Basis angestreüte Popularisierung der hebräischen Literatur, den ersten großzügigen Versuch, sie in die breiten jüdischen Volksmassen zu tragen; innerlich war aber diese Publikation von richtungweisender Tehruiung, weil sie als erstes Büchlein die schnell berühmt gewordene Erzählung „Lea mochereth hadagim" (Lea, die FischverWuserin) brachte, eine der' ersten” realistischen Erzählungen der neuhebräischen L.teratur, die schon in ihre, künstlerischen Form und Gesinnung das Stadium der „Haskalah" und den Stil der „Haskalah", die unnatürliche, gespreizte, gewaltsam gewollte „Melizah" ganz überwunden hatte und mit wuchtiger Kraft der hebräischen Belletristik den Weg wies, eine moderne, im Leben wurzelnde, natürliche Literatur zu werden. Sucht man daher nach irgend einem Datum, mit dem man die neueste, wahrhaft moderne Epoche der hebräischen Literatur beginnen lassen will, dann muh man den 20. Ab des Jahres 1891 wählen, und die neuhebräische Literatur dürfte so heute in einem gewissen Sinne ein 25 jähriges Jubiläum feiern. Der vor 25 Jahren das erste Büchlein der „Sifre Agorah" herausgab, war „Ben A w i g d o r " (L. S ch a l k o w i tz), der mit „Lea, der Fischverkäuferin" seine erste belletristische Schöpfung publizierte. Und so wie dies sein erstes Auftreten in der neuhebräischen Literatur ein historisches Ereignis, den Beginn einer neuen Lntwicklungsform derselben darstellk, so blieb er bis zum heutigen Tage so etwas wie der Repräsentant und Träger der machtvollen Entwicklung, auf die die hebräische Literatur in diesen 25 Jahren zurückblicken darf. Das gesamte äußere Gerippe, um das sich d'ese Entwicklung gerankt hat, hat ihn zum Mittelpunkt; er war es, der den ersten hebräischen Verlag ..Achiassaf" schuf, der dann den anderen großen populären Verlag „Tuschijah" ins ' Leben rief, der die ersten populären hebräischen Büchersammlungen herausgab, der in hervorragender Weise beteiligt war an der Schaffung des neuhebräischen Leitungssystems. der in unermüdlicher Produktivität Zeitschriften, Sammelschristen und Bibliotheken publizierte; und man kann heute ohne jede llebertreibung sagen, daß es fast keinen einzigen hebräischen Dichter und Schriftsteller der letzten 25 Jahre gibt, der Nicht in den Verlagskatalogen Ben Aw.igbors verzeichnet war. Was Cotta etwa für die klassische Zeit der deutschen Literatur, was S. Fischer für die neuere, naturalistische Richtung gewesen ist, das ist B e n A w i g d o r für die neuhsbräischs Literatur geworden, das und eigentlich noch vielmehr, da er bis in die letzte Zeit hinein fast der einzige große Verleger derselben geblieben ist. Vor allem aber: Tr ist nie nur Verleger gewesen. Wie sein erstes Heroortreten gleichzeitig verlegerischer und literarischer Natur war, so trägt seine gesamte 25 jährige Tätigkeit diesen Doppelcharakter. Tr ist immer im tiefsten Grunde hebräischer Schriftsteller geblieben, einer, der innerlich, selbst schaffend und kritisch beeinflussend, den ganzen Entwicklungsgang der neuhebräischen Literatur mitgemacht hat und dem seine verlegerische Wirksamkeit nur das Mittel war zur Vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.