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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-10-06 · 40 (6.10.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Bloch s Wochenschrift Seite 671 Vorgang nicht recht. Mer ich ahnte, daß etwas Großes sich, ereigne. Es waren dazumal grausige, finstere Tage. Ein Unglück kam vom Himmel. Zum erstenmal. Man nannte es Cholera. Aus fernen Ländern, aus Asien, kam das Gespenst zu uns und schlich sich in unser kleines Städtchen. Es wütete unbarmherzig in den Straßen und würgte in den Häusern ohne Einhalt. Es raste wild durch die Nächte und ungesehen an den hellen, lichten Tagen. Wer kann die Toten zählen, die ihm zum Opfer gefallen, wer die Namen nennen? Wer kennt die Zahl der frischen Grabeshügel? Am grausamsten wütete die Pest in der jüdischen Gasse. Jung und alt, klein und groß wurden dahingerafft. Kein Haus, in dem es nicht mehrere Tote gab. Oben im Dachstübchen, über der Wohnung meiner Eltern, fielen an einem Tage neun Söhne, unter uns. in der' Kellerwohnung, starb eine Mutter mit vier Kindern. Im Hause gegenüber hörten wir die ganze Nacht schweres Stöhnen und morgens .wußten wir, daß kein Mensch am Leben geblieben war. Die Leichenwärter und Totengräber stellten ihre Tätigkeit ein, sie konnten nicht mehr bestatten. Die Toten lagen auf der Erde, eine Leiche dicht neben der andern und niemand kümmerte sich um sie. So verging der Sommer und dann kamen die heiligen Tage und dann der heiligste aller Tage, der Versöhnungstag. Das Kol-Nidre-Gebet. Vor dem Betpulte bei der heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter mit zwei angesehenen Bürgern, wie es von altersher Brauch ist, sondern der Rabbiner mit seinen beiden Dajonim. Ringsumher brennen die Kerzen und ihre Flammen knistern leise und unheimlich. Die Betenden drängen sich an die Wände heran, gehüllt in ihre Betmäntel und in den weißen Kitteln und weißen Mänteln. An den Wänden schwimmen die Schatten hin und her und bewegen sich unablässig. Sind es die Schatten der Toten, die Heute, die gestern, die vorgestern gestorben? Sind sie es, die an den Wänden spuken? Können sie keine Ruhe finden in ihrem Grabe und sind hergekommen? Die Stimme des Rabbiners ertönt und dann die der Dajonim. Ein Seufzer durchfährt den ganzen Saal. Dem Seufzer folgen Worte. Man spricht die Einleitung zum Gebet: -„Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde, im Namen des himmlischen und des irdischen Gerichtes gestatten wir, daß man mit den Sündern zusammen das Gebet verrichte." Ich lausche. Wozu sagt es der Rabbiner? Wo gibt es denn heute ^Sünder, warum erwähnt er dieses Wort? Scheut er sich nicht, den Satan daran zu erinnern^ jetzt, in einer so grausigen Zeit. . .? Eine herzbeklemmende Angst überfällt mich, und ich spüre, daß die gleiche Angst alle, die da in der Syn-i agoge versammelt sind, alt und jung, umfängt. Da sehe ich, wie der Rabbiner den Almemor besteigt. Wird er heute eine Predigt hersagen? Will er eine Strafrede halten oder will er trösten und Mut einflößen? Allein was ich höre, ist etwas ganz Neues. Ein neuer Brauch,, den ich bisher nicht gekannt. Er spricht eine Seelenandacht für die Toten, die in der letzten Zeit gestorben, und nennt sie olle bei ihren Namen. Ach, wie lang ist die Reihe, wie groß die Zahl der Namen, die er nennt. Minute um Minute schwindet und noch ist der Rabbiner nicht zu 'Ende. Er hätte wahrlich besser getan, die Lebenden auszuzählen. In jener Nacht hat niemand die Synagoge verlassen. Nach dem Beten sprach man den Schir hajichud hierauf ging man zu den Psalmen Wer, dann griff Man zu Mischnajoth und hierauf zu anderen heiligen Büchern. Morgens aber fehlten wieder einige Beter. Sie waren plötzlich niedergestürzt und standen nicht mehr auf. Gehüllt in den Betmänteln und in den Kitteln, trug man sie hinaus. So fehlte ihnen nichsts mehr zurUeberfahrt vom Leben in den Tod. . . . Aus der Judengasse drangen weitere Schreckensnachrichten in die Synagoge. Aber es achtete niemand dar-, auf, niemand fragte und niemand wollte hören. Jeder hatte Angst, zu erfahren, wie es bei ihm zu Hause aussieht. Am Nachmittage des Versöhnungstages. Auf dem Almemor in der Synagoge steht der Rabbiner hochaufgerichteten Hauptes. . . . Im Winkel steht eijn Kind — ich bin es ja selbst — und seine Äugen können sich, von diesem An-, blicke nicht losreißen. Der Rabbi ist alt, ein .Greis, wohl achtzig Jahre und darüber. Und doch ist seine Gestalt kerzengerade und hoch, daß er alle überragt. Weiß ist sein Bart, weißer noch sein lichtes Kopfhaar, weiß wie frischer Schnee, auch sein Antlitz ist weiß, so daß man es kaum vom' weißen Mantel unterscheiden kann. Weiß waren damals auch seine Lippen. Nur die Augen, die großen, brennenden Augen, sind schwarz, sammetschwarz, und sie leuchten in einem ungebrochenen jugendlichen Glanze. Von meiner Kindheit an war ich daran gewöhnt, diesen Mann zu verehren. Schon als Kind wußte ich, daß er ein göttlicher Mann sei, auf dessen Wort alles lauscht, dessen Weisungen die ganze jüdische Welt gehorcht. Ich wußte auch, daß er von jeher geneigt war, den strengen Gesetzesvorschrfften einen leichteren Sinn abzuringen, und daß alle Rabbiner sich seinem Urteil beugten, wie dem Urteil der Thora. . . . Schweigend steht die Gemeinde da und harrt darauf, was der göttlich^ Mann reden wird. Niemand wagt auch nur hörbar za atmen. Und der Rabbi spricht. Seine schwache, leise Stimme wird von Augenblick zu Augenblick stärker, so laut, daß sie den ganzen Saal beherrscht. Er spricht von der Heiligkeit des Feiertages, von der Absicht, die der Stifter der Thora damit verbunden hat. Er spricht vom Leben und Sterben, von den Lebenden und den Toten. Er spricht von der Pest, die wie ein reißender Strom hereingebrochen ist, plötzlich, schrecklich, tückisch, die alles dahinrafft, frißt und nicht satt wird, trinkt und ihren Durst nicht stillt. Wie lange,- wie lange noch? Seine bleichen Wangen und seine Lippen färben sich allmählich rot und plötzlich höre ich ihn laut sagen: „Und sieht der Mensch, daß Leiden über ihn kommen, so ist es seine Pflicht, sich und seine Taten zu untersuchen. Nicht nur die Handlungen zwischen ihm und Gott, zwischen ihm und seiner eigenen Seele, sondern auch die Handlungen zwischen ihm und seinem eigenen Körper, zwischen ihm und seinem eigenen Fleische, zwischen ihm und seinem täglichen Leben. ..." Noch immer steht er da und spricht: Von der Reinlichkeit, die das Leben erhält, und vom Schmutze, der das Leben dahinrafft. Er spricht von Hunger und Durst und davon, daß Hunger und Durst böse Engel sind, die dem Menschen das Leben rauben, sobald eine Pest kommt, zu töten und zu vernichten,- zu vernichten und zu töten. . . . Und dann: „Es steht geschrieben: W’chaj bohem, w?lo schejomuss boliern. Das bedeutet, leben soll man, durch sie, durch die Gebote, aber nicht sterben durch sie. Und weiter sagen die heiligen Weisen: Ess laassoss l’Adonoi hevhero tornssechu: Zuweiten gibt es eine Zeit, wo es' angebracht

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