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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-10-06 · 40 (6.10.1916) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 670 D«r. Bloch's Wochenschrift Nr. 40 Jude, der nirgendhin gehört,!aber katholischer ist als der Papst und den Juden demonstrativ nicht mag — mit diesen belgischen Finanzmännern sollte ich gute Verbindungen suchen. Die Sache ist auch gegangen, dank der starken Position .und dem großen. Verstände des alten Bankiers Biedermann. Die Sache ging so gut, daß die Besprechungen schon in den Räumen der ttanque de Bruxellesin der Form gemeinsamer Konferenzen im Flusse waren, und zwar zur Zeit, als die hohen Feiertage herannahten. An einem dieser Sitzungstage setzt nun der Präsident der Bank, als Vorsitzender der Beratungen, am Schluffe der Sitzung den Tag der nächsten Zusammenkunft fest. Biedermann erklärt hieraus, daß „das nicht-anginge, denn an jenem Tage sei Rosch-haschonoh, das jüdische Neujahr, eines der größten jüdischen Feste, und da sind wir im Tempel". Hierdurch erfahrt der Präsident der Bank, daß auch ich Jude bin, blickt mich mit stechendem, starren Blicke an und setzt trocken den darauffolgenden Tag für die Zusammenkunft an, worauf Biebermann ebenso trocken erklärt: „Auch das ist unmöglich, denn an diesem Tage ist auch Rosch-haschonoh und da sind wir auch im Tempel." Hierauf der Bankpräsident: „Na, hören Sie, mein Herr, Sie sind aber auch hierin von besonderer Art; die ganze Welt begnügt sich, mit einem Neujahrstage, Sie müssen ihrer gleich zwei haben." Biedermann antwortete: „Jawohl, mein Herr, wir müssen zwei Tage haben. Einen ganzen Tag bitten wir Gott, daß in Erfüllung gehen möge, was wir uns wünschen, und einen ganzen Tag beten wir dafür, daß. nicht in Erfüllung gehen Möge, was Sie uns wünschen." Und höflich schieden wir voneinander, wir hatten keine Sitzung mehr. Ich blättere weiter in nie inen Aufzeichnungen unb stoße noch auf eine Festtags-Reminiszenz. Wir zählen das Jahr 1890. Gabriel Baroß ist der Handelsminister. Voll unausgegorener Pläne, in geradezu fieberhafter Arbeit. Alles, was bisher geschehen, ist ihm schlecht, was er möchte, ist. Neues, Großes schaffen, was mit seinem Namen untrennbar verbleiben soll, und er ordnet die Einberufung einer großen Landeskonferenz an. Zum Referenten der Landeskonferenz wurde ich und zu Schriftführern Dr. Franz Heltai, später Oberbürgermeister von Budapest, und Dr. Ludw. B a l la i, später Minisierialrat.Präsident des Patentamtes, bestellt. Beide sind seither, nachdem sie dem Judentume Ruhm und Ehre gebracht hatten, allzu früh ins Grab gesunken. B a l l a i, der damals Konzipient im Ministerium war und den Akt zu verarbeiten hatte, war gerade daran, mit mir den Tag der Konferenz festzusetzen, als wir bemerken, daß auf den in Aussicht genommenen Tag Jom-Kippur fällt, weshalb ich; diesen Tag streiche und den zweitnächsten Tag eintrage. So gelangt der Akt vor den Minister, der ihn ohne Referat erledigt, ohne eine Frage zu stellen, den richtiggestellten Termin streicht und den ursprünglich in Aussicht genommenen, aber gestrichenen Tag, den Jom-Kippur, wieder einsetzt. Hiervon erfahren wir drei Juden — der Referent und die beiden Schriftführer — erst, als die Einladungen bereits' versandt waren. Ich begebe mich zum Minister, Mache ihn aufmerksam daß von den Geladenen elf Juden sind, unter ihnen fünf, die in der Provinz wohnen, und daß, alle diese an der Konferenz nicht tellnehmen würden, ebensowenig wir drei, die Funktionäre, weshalb man dringendst einen neuen Termin festsetzen sollte. Aber B a r o ß war eben der gewisse Baroß und gab nicht nach. In seiner gewohnten Art oder richtiger Unart blieb er justament bei seinem Terurin. Die Konferenz wurde also am Jom-Kippur ab gehalten. Die Budapester geladenen Juden waren alle erschienen, aus der Provinz kam kein einziger. Wir drei, der Referent und die beiden Schriftführer, erschienen gleichfalls, denn Dr. Ballai und ich gehörten dem Ministerium an und mußten erscheinen und Dr. Heltai, der wohl als externes Mitglied mit den Schriftführeragenden betraut worden war und sich daher leicht hätte aus der Affäre ziehen können, brachte uns zuliebe das Opfer. Wir beschlossen jedoch den Verhandlungen mit wachsamer Aufmerksamkeit zu folgen, aber nichts zu notieren, nichts zu schreiben. So wurde es auch gehalten. Die Beratungen begannen um 10 Uhr vormittags, der Redestrom war losgegangen, wir — Referent und Schriftführer — hören wohl den Rednern aufmerksam zu, sitzen aber im übrigen untätig und machen keine Notizen. Baroß wirft uns gewitterverheißende Blicke zu, verläßt plötzlich! seinen Platz, winkt uns, ihm zu folgen, und stürmt geradezu in die Ministersäle. Hier herrschte er uns 'an: „W arumnotierenSi e n i cht?", worauf Heltai schon /damals mit seinem ruhigen Ernst erwiderte: „An unserem größten Feiertage schreiben wir nicht,!äber Exzellenz können beruhigt sein, das Protokoll wird vollkommen treu und erschöpfend sein und Mehr können nicht verlangen." Nun muß man wissen, daß Baroß nicht nur viel auf Heltai hielt, sondern 'ihm gegenüber gewissermaßen klein und schwach war; ist es doch Heltai gewesen, der damals, als' Dr. David Pap mit großem Mute und großer Sachkenntnis die Verkehrspolitik des Baroß zum Gegenstände der Zeitungskritik machte — und das war damals kein geringes Unternehmen, denn wer hätte sich unterfangen, Baroß anzugreifen? —, ihn in Schutz nahm und bemüht war, Baroß' Eisenbahnpolitik vor der großen Oeffentlichkeit als richtig und heilsam darzustellen. Baroß sprach! daher kein Wort, Machte kehrt, rannte in den Beratungssaal zurück, wir ihM nach 'und jer rächte sich damit, daß er ohne Unterbrechung die Konferenz in einem Zuge zu Ende führen ließ. Viel Zeit ist seitdem verflossen. Heltai wurde der Oberbürgermeister der Hauptstadt Ungarns, und als ich einmal zufällig! mit ihm' zusammen nach Wien fuhr, lud er Mich, in sein reserviertes Wagenabteil ein. Wir Üratdjert über Gegenwärtiges und Vergangenes, auch darüber, welch glänzend hohe Stufe er erllomMen habe, worauf er ruhig, ernst, der jungen Jahre gedenkend, von Rührung ergriffen, sagte: „Vielleicht deshalb, weil wir damals am JoM-Kippmr nicht geschrieben haben . . ." Sagen wir Gott Dank für das Vergangene und beten wir für eine glückliche Zukunft! (Autorisierte Uebersetzung aus dem Ungarischen von Jakob Kraus z.) Wm Schmaus *) Von D. FrischNrann. * -; -sr-— Eine Geschichte will ich! euch erzählen von drei Leuten, die am Versöhnungstage einen Schmaus veranstaltet haben. Nicht etwa in einem geheimen Winkel versteckt, nein öffentlich, in der großen Synagoge, vor den Augen der ganzen Gemeinde. Nicht einfache Leute waren es, die niemand kennt, vielmehr die vornehmsten, frömmsten Männer der Stadt, der Rabbiner und seine beiden. Dajonim, und auch nach pieser Tat blieben sie, was sie gewesen, und die ganze Gemeinde schaute zu ihnen empor wie zu Helligen. ... Ich war daMals ein kleines Kind und verstand den *) Aus devr ausgezeichneten „Buche von den polnischen Juden". Jüdischer Verlag, Berlin 1916.

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