Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 40 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 665 quartier als unerträglich entpfinden und ihm zu entgehen suchen. Auch für die Wohlhabenderen ist das eine sehr schwierige Sache. Denn haben sie auch schon eine Wohnung gefunden und sind in der Lage, sie zu bezahlen, woher die Lebensmittel nehmen? Denn es herrscht Mangel und die Stadtgemeinde will und kann leine Brotkarten geben. Ja, um eine Preissteigerung hurch die Konkurrenz der Flüchtlinge auf dem Markte zu verhindern, ist diesen das Aufenthaltsrecht in der Stadt überhaupt entzogen worden. Da heißt es bald, eine Aufenthaltsbewilligung erwirken, bald wieder, zu Lebensmitteln zu verhelfen. Kontmt der Tag des Abtransportes, da bemächtigt sich dieser Annen der Schrecken vor der Baracke und sie bestürmen mit Bitten, man möchte sie vor diesem Schicksale bewähren. Nebenbei bemerkt, habe ich selbst Baracken besucht und gesunden, daß die Furcht der Leute vor der Baracke, leider nur zu sehr begründet ist, und wäre es zu wünschen, daß die Herren Abgeordneten die Baracken inspizieren und höheren Ortes Abhilfe fordern. Da aber die strikte Vorschrift lautet, daß nur die, welche sich über ein gewisses Vermögen ausweisen können, in einen selbstgewählten Ort geschickt werden dürfen, hat man volle Hände zu tun, um doch dem einen oder anderen, der als besonders würdig befunden wird, zu einer freien Wohnung mit staatlicher Unterstützung zu verhelfen. Dazu kommt schließlich die wichtigste aller Fragen, die Geldfrage. Manche sind aller Mittel bar. Und wenn für sie auch seitens der Regierung in den Unterkünften gesorgt wird, die Verköstigung bei den herrschenden Verhältnissen als zufriedenstellend bezeichnet werden muß und auch die notdürftigsten Kleidungsstücke verabreicht werden, so gibt es doch manche dringende Bedürfnisse, die die Regierung nicht berücksichtigen kann, die aber dennoch befriedigt werden Müssen. Üm nur das Nächstliegende hervorzüheben: Aufbesserung der Kjost der Wöchnerinnen und Leidenden, Erfrischungen für Kinder, eine geringe Wegzehrung bei der Abreise u. a. m. Wenn Man aber erfreulicherweise sagen darf, daß man allen diesen Anforderungen zum großen Teile gerecht wird, so ist ie§' drei Faktoren zu verdanken, die gar nicht genug gerühmt werden können und denen der öffentliche Dank auszusprechen ist. Es ist dies zunächst die Bezirkshauptmannschaft, an deren Spitze als Amtsleiter ein edler, guter Mensch mit warmfühlendenf Herzen, Herr Dr. Josef I a n u st i k, steht, dem die Flüchtlingsversorgung obliegt, und der nicht nur unermüdlich in der Erfüllung dieser heiligen Pflicht ist, sondern auch seine Amtspflichten in menschenfreundlichem Sinne auslegt und so Manch gedrückten und schwer heimgesuchlen Menschen durch sein Wohlwollen erfreut und erquickt. Ich habe oft seine Geduld bewundern müssen. Er ist für jedermann zugänglich. Er hört jedem lange zu, trotzdem bei seinen vielseitigen Agenden seine Zeit sehr kostbar ist, und hilft, wo er nur helfen kann. Mir selbst hat er bei meinen unzähligen Interventionen noch nie eine Bitte abgeschlagen und hat mich durch die Art seines Gewährens nur zu neuen Interventionen ermutigt. Irr gleichem menschenfreundlichen Sinne wirkt die Gattin des Sekretärs des Brünner Landesausschusses, Frau Marie Klo s, der die Leitung der Flüchtlingsverpstegung anvertraut ist. Der zweite Faktor ist die „Israelitische Allianz" in Wien, die großzügig Hilfe leistet, reichliche Geldmittel sendet und, nimmermüde in neuen Zuwendungen, immer nur vor Engherzigkeit warnt. Der dritte Faktor ist das hiesige Flüchtlingsfürwraekomitee, dem Damen und Herren angehören. Der hiesige Kultusporsteher, Herr Malzfabrikant Sigmund Fürst, hat es ins Leben gerufen und ist an seine Spitze getreten. Herr Kultusvorsteher S. Fürst ist die Seele der ganzen Hilfsaktion. Seine Tätigkeit ist so hingebungsvoll und opferreich, daß sie allgemeine Bewunderung erregt. Seit Beginn der Flüchtlingsbewegung hat er seine beruflichen Pflichten zurückgestellt und widmet sich ganz der Flüchtlingsfiirsorge. Seinem seltenen organisatorischen Talente ist viel Gutes zu verdanken. Auch die Schaffung von besonderen Wohnräumen mit Garteubenützung für bessere Menschen, denen das Wohnen mit Leuten aller Art schwer fällt, ist sein Werk. Täglich von 9—11 Uhr und von 3—5 Uhr sieht man sein Bureau von Flüchtlingen umlagert, die ihm ihre Bitten nur Geldunterstützung oder Verwendung bei den Behörden, um Rat oder Auskunft vortragen, und er erfüllt diese Bitten unermüdlich und unverdrossen, insoferne sie nur erfüllbar sind. Fast täglich besucht er die Lager in Hradisch und Umgebung, um den Kindern Erfrischungen reichen zu lassen, etwaige Beschwerden entaegenzurehmen und Uebelstände abzustellen. Beim Abgänge eines Zuges ist er gewöhnlich anwesend, um im Sinne der „Allianz" den Dürftigen für den Weg kleinere Unterstützungen zu gewähren. Dieses alles wäre gar nicht zu bewältigen, wenn er nicht auch seine Beamten in den Dienst der Flüchtlingssürsorge gestellt hätte. Von diesen ist besonders rühmend hervorzuheben Herr Direktor Moritz März, ein energischer, tatkräftiger Mann mit warmsühlendem, jüdischem Herzen, der seinen Chef wirksam unterstützt. Man kann mit Befriedigung sagen, daß im allgemeinen die Hradischer Juden während der ganzen Zeit ihr jüdisches Herz bewährt haben. Leider kann das gleiche nicht auch von den auswärtiger Juden beharrptet wer- .den, die von der Bezirkshauptmannschaft bei der Ftüchtlingsversorgung angestellt sind. Es würde sich so mancher arme Flüchtling wohter fühlen, trenn diese von dem gleichen Wohlwollen beseelt wären, wie ihr christlicher Vorgesetzter. Es fehlt manchen von ihnen jedes Mitgefühl mit den Unglücklichen, obwohl sie ihre engeren Landsleute sind. Traurig genug. Indessen gilt dieses nur von sehr wenigen, und es wäre ungerecht, es zu verallgemeinern. Ung.-Hradisch, den 11. September 1916. Dr. Zwick. Medikamentenfendungj nach Palästina. In der vergangenen Woche sirrd von uns, nachdem das hohe k. u. k. Kriegsministerium sowie das hohe k. k. Ministerium des Innern die Ausfuhrerlaubnis erteilt hatten, für 10.000 Kronen Medikamente nach Palästina gesandt worden. Das hohe k. u. k. Ministerium des Aeußern hatte uns einen neuen Beweis außerordentlichen Wohlwollens bekundet, indem es, um den armen Kranken im Lande der Väter möglichst rasch diese dringende Hilfe zukommen zu lassen, einen Kurier mit der Uebermittlung dieser Sendung beauftragt. Hiermit ist das Ansuchen unserer Konsulate in Palästina zur Hälfte erfüllt. Wir brauchen dringend weitere Mittel, um den anderen Teil aufzubringen, und bitten inständigst um gütige Spenden. „Kriegsspitalshilfe für Palästina." .Kultusgemeindevorsteher Ludwig Moser in Karlsbad gestorben. In vergangener Woche verschied in Karlsbad im 84. Lebensjahre nach längerem Leiden der Großindustrielle Ludwig Mose r. Der Verblichene zählte zu den markantesten Persönlichkeiten Alt-Karlsbads. Gcboren am 18. Juni 1833, nahm er tätigen Anteil an der Entwicklung des Kurortes, insbesondere der jüdischen Ge-