Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022195-3022236--25461-3050765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feite 666 Tr. Bloch'S Wochenschrift Nr 40 meinde in Karlsbad, deren Vorsteheramt er mehr als vier Jahrzehnte hindurch in vorbildlicher Weise verwaltet hat. Karlsbad war bekanntlich eine jener böhmischen Städte, die das Privilegium besaßen, keine Juden zu halten. An diesem Privilegium hielt der Magistrat Karlsbad mit äußerster Zähigkeit fest, und bis zum Jahre 1860 — die Jahre 1848 und 1849 ausgenommen — mußten tatsächlich sämtliche Juden, die zur Saison ihre Geschäfte betrieben, mit 1. Oktober jeden Jahres die Stadt verlassen. Nur dem f. k. Tabakhauptverlag, so er Jude war, und einem jüdischen Restaurateur war es gestattet, auch über Winterszeit in Karlsbad zu wohnen. Lazar M o s c r war Inhaber der eine lange Zeit berühmten jüdischen Restauration, war daher der erste in Karlsbad dauernd seßhafte Jude. Sein Sohn, Ludwig Moser, ist wohl der erste als in Karlsbad geborene Karlsbader Jude zu betrachten. Im Jahre 1869 konstituierte sich die jüdische Gemeinde in Karlsbad zum erstenmale. Schon damals ist Ludwig Moser einer. ihrer Vertreter gewesen, uiü bald die führende Stelle zu erhalten, an die ihn das Vertrauen seiner Gemeinde bis zu seinem Tode immer aufs neue berufen hat. Hervorragenden Anteil hatte Ludwig M o s e r an dem Baue der schönen Synagoge, lan der Gründung des Kaiser Franz Josef-Hospizes, des Vereines „Ferienheim", dessen Ehrenpräsident er war. Auch als Industrieller erfreute er sich eines bedeutenden Rufes. Gelernter Glasschleifer, stieg er im Glasbetriebe immer höher und heute gehört die Mosersch? Glasfabrik zu den Sehenswürdigkeiten Karlsbads. Anläßlich des 80. Geburtstages unseres Kaisers wurde der Verstorbene mit dem Franz Josef-Orden ausgezeichnet und besitzt auch mehrere andere Auszeichnungen fremder Regenten. An der Bahre des Verstorbenen treuern die Witwe und sechs Söhne. Die jüdische Gemeinde in Karlsbad wird dem Verblichenen ein dauerndcs, dankbares Gedenken weihen. -I- * * Die große Achtung und Hochschätzung, welcher sich Ludwig Mose r nicht nur in Karlsbad, sondern überall dort, wo man sein 42 jähriges Wirken kannte, erfreute, fand ihren Ausdruck bei der Beerdigung am verflossenen Sonntag, den 1. Oktober, denn es war eine Beerdigung,, wie sie bei einem Angehörigen des jüdischen Glaubens noch niemals in der Kürstadt Karlsbad gesehen wurde. Schon uw 2 Uhr, eine Stunde vortzer angesagten Trauerfeier in der Synagoge, füllte sich die Parkstraße mit Menschen, und je näher die Zeit heranrückte, in welcher die Tore der Synagoge geöffnet wurden, desto größer wurde das Gedränge der Menschen, welche Einlaß, zu erlangen suchten. Die Synagoge war freilich nicht im-> stände, all die Hunderte, ja Tausende von Personen zu fassen, die dem Trauergottesdienste beiwohnen wollten, und infolgedessen bot die Parkstraße ein lebhaftes Bild, denn beide Seiten der Straße waren von Menschen gefüllt, welche den Leich'nkondukt erwarteten. In der Synagoge war der Orne Kodesch schwarz drapiert, am Fuße desselben wurde der Sarg postiert, der, den Intentionen der Familie entsprechend, nur mit einem einzigen Kranze geschmückt wurde, und zwar von der Repräsentanz und dem Vorstande der Kultusgemeinde, nachdem die Familie die Bitte gestellt hatte, anstatt Kranzspenden die Kriegsfürsorge mit Spenden zu bedenken. Dein Trauergottesdienste wohnten eine große Zahl von Trauergästen bei. Unter den Anwesenden befanden sich der Bezirkshauptmann von Karlsbad, Statthaltereirat Ritter v. Jordan mit Kommissär Ritter des Log es, Oberfinanzrat S trete an mit Kommissär Dr. Rind, Bürgermeister Josef Pfeifer (und Gemahlin) mit den Stadträten Leo v. Mattoni, Wacker,- Reinl, k. u. k. Regimentsarzt Dr. August Pfeifer, Tietz, Oberbezirkstierarzt Dr. Münzer, Landesgerichtsrat Ottmer, Polizeikommissär'Ritter v. Stein, Vertreter des t. u. k. Militärstationskommandos, des Gymnasiums, die Bürgerschuldireitoren P le i e r und W o l f, B.zirksfchulinspektor Seitz, der gesamte Vorstand und die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde, die Abgeordneten der Kultusgemeinden in Eger, Falkenau, Franzensbad, Komotau, Lichtenstadt, Marienbad, Petschau und' Theusing, des israelitischen Frauenvereines, der Vorsteher der Gemeinde Maierhöfen mit den Gemeinderatsmitgliedern, die Beamten und Arbeiterschaft' der Moserschen Glasfabrik und die Besitzer mehrerer Porzellanfabriken aus der Umgebung barlsbabch der ^umanitätsverein -„Eintracht" und der israelitische Chorgelangverein, sowie zahlreiche andere Persönlichkeiten und Vereinigungen und Repräsentanten derselben, die Vereine vom Roten und Weißen Kreuz, der israelitische Frauen-Wohltätigkeitsverein in Karlsbad, der israelitische Humanitätsberein Karlsbad, „B'nai B'rith", und der Verein „Jubiläums-Ferienheim"» die Freiwillige Feuerwehr in Meierhöfen sowie zahlreiche andere, welche zu erkennen bei der nach Tausenden zählenden Anzahl von Trauergästen fast zur Unmöglichkeit' wurde. Der Trauergottesdienst wurde durch ein Gebet des Kantors Löwinger eröffnet, woraus der Tempelchor die ersten zwei Strophen des deutschen Liedes von M a s ke sang: sodann betrat Rabbiner Dr. Ziegler die Kanzel und schilderte in beredten Worten das Wirken des seit 42 Jahren als Kultusvorsteher im Amte gewesenen Dahingeschiedenen, indem er seiner großen Humanitären Tätigkeit, seiner Verdienste um das Zustandekommen des Tempels, des Ferienheimes, Jubiläums-Hospiz usw. in warmen Worten gedachte, die auch von Seiner Majestät durch wiederholte Auszeichnungen die gebührende Anerkennung fanden. Hierauf wurde die Leiche aus der Syni agoge zum Leichenwagen getragen und ein schier endloser Zug bewegte sich zum Friedhofe, in welchem man nach etwa einer halben Stunde anlangte. Die Kultusgemeinde in Karlsbad hat ihrem verewigten Vorsteher eine Gruft gewidmet, und nach den rituellen Gebeten wurde der Sarg in dieselbe versenkt. An der offenen Gruft sandten Vorsteherstellvertreter Adolf Ro sen f eld, der seit Jahrzehnten gemeinsam mit Ludwig Moser an der Spitze der Kultusgemeinde steht und in mustergiltiger Weise dieselbe geleitet hat, einen tiefergreifendeu Nachruf dem Dahingeschiedenen nach. Es waren rührende Worte des Abschiedes, die Herr Vorsteherstelloertreter Rosen feld seinem langjährigen Freunde widmete, Worte, die jedem, der sie hörte, tief zu Hetzen gingM. Nachdem gedachte JUDr. Ferdinand Fleischner des Verewigten in warmen Worten des Abschiedes namens des Hum an itätsve reines „B'nai B'rith", dann sprach Fabrikant Oskar Gut herz als Obmann des Vereines . „Ferienheim", der deM Verstorbenen, als Ehrenvorsitzenden dieser humanitären Vereinigung, den letzten Gruß darbot. Vor seinem Verscheiden wurde Ludwig Mofer noch das Glück zuteil, seine beiden Söhne am Sterbelager umarmen zu können, die als Offiziere im Felde Frontdienste leisten, während sein dritter Sohn bereits einige Tage früher eingetroffen war. Das all-? gemeine Beileid wendet sich aber auch der durch ihre humanitären Wte und Wohltaten so hochgeschätzten Gattin des Dahingeschiedenen, Frau Julie Moser, zu, die durch mehrere Jahrzehnte als sorgsame Gattin dem Dahingeschiedenen zur Seite stand und nicht wenig durch ihre Liebe und Sorgsamkeit dazu beitrug, daß Ludwig Moser das hohe Alter von 83 Jahren erreichen konnte.