Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 39 (29.9.1916)
- Date
- 1916-09-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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t eil- 650 Nr 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Führer? ertönt der Ruf Bialiks, uird mit stürmischen, zürnenden und hinreißenden Worten rüttelt er die Seelen des Helotenvoltes auf. Wie bei Achad Haam das Jähaduth zum Dogma eines Moralisten erwächst, so wird es bei Bialik zum Wehgeschrei einer verzweifelten Dichterseele, die das Todes röcheln von Millionen verspürt. Während bei Achad Haam die ganze Vergangenheit zum Werkzeug einer geradezu fatalistischen Vererbungstheorie herabstnit, gewinnt sie bei Bialik an Stärke und Blut und leuchtet auf in der Wehmut eines hoffnungslosen Geschlechtes. So werden beide, der Künstler und der Denker, zu Kündern uird Deutern des Ringens und der Sehnsucht der erwachenden Judenseele. Nur daß sich die Logik des Pilpulisten zum instinktiven Ahnen eines Dichters verwandelt, der Groll eines Verkünders neuer Werre zum Pathos eines prophetischen Geistes, und der trockene, abweisende Stolz eines selbstbewußten Denkers zum Martyrium einer ringenden Dichterseele. Achad Haam kämpft und überzeugt, Bialik versöhnt und lindert, der erste reißt rücksichtslos unsere Wunden auf, wirft althergebrachte Wahrheiten über den Haufen und stellt Programme aus, der zweite belehrt und begeistert, erschüttert und bezaubert, rüttelt auf und führt mit suggestiver Gewalt ein in die tiefsten Mysterien der erwachenden Judenseele. Vom Leben geht der Philosoph aus und verwandelt sich unmerklich in einen Schwärmer, von der Poesie geht der Dichter aus und greift tief ins blutwarme 'Leben der Gegenwart. So ergänzt, trotz grundverschiedener Wesensart, der prophetische Geist Bialiks den doktrinären Gedairkenmensch und aus dem stahlharten Rhythmus beider Individualitäten reckt sich ein jauchzender Lebenswille, der die Gegensätze auszug'leichen versucht, die Jahrtausende geschaffen. * * * Zwei .. re; »rosen tative wen" des modernen Judentums. In doppelter Hinsicht. Schöpfer und Erneuerer des hebräischen Schrifttums und geistige Führer, deren bahnbrechende Bedeutung und Wirkung im steten Wachsen begriffen sind. Die unendliche Fülle neuer Probleme, die seit der Haskala-Epoche Mer das jüdische Leben hereinbrachen, das wütende Ringen vergehender und auskommender Weltanschauungen, das unstete Tasten und Suchen und ein Chaos sich überstürzender Kulturströmungen, steigerten die Sehnsucht jüdischer Volksmässen nach klarheiiverheißenden Schöpfungen ins Enorme. Die Macht des geschriebenen Wortes wirkt mitunter noch tiefer und nachhaltiger in der Hülle des Hebräischen, dessen verklärter Heiligenschimmer Wer Jahrhunderte hinaus noch immer mächtig nachwirkt. Wer heute auf die jüdischen Volksmassen zündend, aufwühlend, erhebend und erlösend einzuwirken versteht, dem eröffnen sich willig Millionen harrender Seelen, die ein Heißhunger unermeßlichen Sehnens verzehrt. Bialik und Achad Haam, beide Meister der Feder und übergroße Geister, durchdrangen die tiefsten Seelenschwingungen des modernen Juden und brachten in sie mit schöpferischer Gewalt eine Reihe von zündenden Losungen. Kaum einem der europäischen Sozialpolitiker gelang es so tiefgreifend und nachhaltig die Weltanschauung zweier Generationen nach seinem Willen zu lenken und zu gestalten wie Achad Haam. Kaum gibt es einen Dichter, dessen Werke solch gewaltigen Widerhall fänden und in Seelen von Millionen beinahe im Glanze einer religiösen Unfehlbarkeit aufleuchteten, wie Vialik. Trotz aller Brüche und Lücken, trotz aller Unebenheiten und Einseitigkeit, die beide aufwersen. Trotz der mitunter massigen und allzu apodiktorischen Beweisführung Achad Haams durch vage Axiomen und Losungen und trotz der allzu oft überwuchernden Pathctik von Bialik. Als geistige Führer hervorragend, sind beide Schöpfer und Erneuerer des hebräischen Schrifttums. Mit einem feinen Stilgefühl gaben sie ihm die gediegene Form und beit Inhalt, das moderne Gewand und eine künstlerische Prägung von ungeahnter Wandlungsmöglichkeit. Beiden war die Vermittlungsrolle zuteil. Achad Haam geleitete das wissenschaftliche Schrifttum aus der Enge der religiösen Scholastik in das weite Gebiet allgemeiner, profaner Probleme hinüber, Bialik vollsührtc den Uebergang von der geschrobenen Versschmiederei gelehrter Dilettanten aus der AeraGordons, zur Höhe einer echten, ungekünstelten Poesie. Beide höchste Blüten ihrer Zeit und bereits vom Schimmer historischer Größe umstrahlt — doch auch wie das Geschlecht, aus dem sie hervorgingcn, voll Schwere und wühlenden Schmerzes ringender Geister. Führer, aber doch noch Geleitete, Stürmer, aber keine sieghaften Ueberwinder, Vorbereiter künftiger Werte, aber noch keine Schöpfer der Zukunft. Golustypen. Wien, September. Me Schofarbliiser fit Tyrnau Zu den ältesten Judengemeinden in Ungarn zählt die Jsraelitengeineinde Tyrnau (Nagy-Szombat), all der Wagtalstrecke Preßbnrg—Szered gelegen und zum Komi tat Preßburg gehörend. Tyrnau dürfte gegenwärtig zirka 1750 jüdisch-orthodoxe Seelen zählen. Diese Gemeinde ist eine jener Kürperschasten welche in der Vorzeit eine herbe, lieblose Zeit der Ber-- folgung durchgenracht haben. Gere sch-Tyrnau. König Mathias war der Judenschaft Tyrnaus sowie anderen jüdischen Gemeinden günstig gesillnt. Nach dem Hinscheiden Mathias lautete im Lande der Volksspruch: „K ö ir i g Mat h i a s ist g e ft o r b e n, h i n ist die Gerechtigkeit." Dieser Volksspruch bewährte sich leider an der Judengemeinde Tyrnau. Zwölf jüdische Männer und zwei Weiber wurden beschuldigt, einen vermißten christlichen Knaben heimlich ermordet zu haben. In derselbeir Zeit (1470—1475) ist ein zur christlichen Kirche übergetreter Jude namens Johann Ham P o (dann Johann Ernst geirannt) zum Schatzmnster, obersten Verwalter des Kronzolles und erblichen Obergespan der Turoezer Gespanschaft erhoben und sodann zum Banns von Kroatien ernannt worden. Der ältere Söhn HaMPos, Sigismund Erlist, war Bischof in Fünfkirchen und der jüngere Sohn besaß die Herrschaft Csakaturn im Zalaer Komitat. Während die Judengemeinde Tyrnau während der Regkerungszeit des Königs Mathias der Ruhe und Duldsamkeit sich' erfreute, wurde diese nach dessen Tode schützlos und verfolgt. Die Judenschaft mußte Tyrnau verlassen. Dreizehn -Jahre später (1509) erging es der benachbarten Judengemeinde Bösing ebenso. Tyrnau war einst die bedeutendste Wollmesje Ungarns. Die Wollhändler von Biala-Bielitz, Neutitschein, Reichenberg, Wag-Ncustadt, Wildenschvert und vielen anderen Städten des Reiches, wo Tuchfabrikation bestand, besuchten alljährlich rege den großen Wollmarkt zu Tyrnau. Die Bauern der Umgebung Tyrnaus besorgten die Wollzusuhr dahin, welche gewöhnlich einige Tage nach der Schafschur acht Tage lvährte. Neben diesen Wollprodukten hatte auch ein Nebenartikel Raum gewonnen, indem die handelsbeslissenen