Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 39 (29.9.1916)
- Date
- 1916-09-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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N. 39 Tr. Bloch's Wochenschrift ge:tt 649 geschichtlich? Bedeutung? Ist die Bewahrung seines eigenartigen Volkstums nur ein. Zufallsspiel blinder Schicksalsfügung, oder ist's ein Ausfluß einer inneren Notwendigkeit? Welche Richtlinien überlieferte uns die Vergangenheit und welche Schlüsse sollen daraus für die Zukunft abgeleitet werden? Mit der Gewalt durchgreifender Analyse und mit den: vollen Rüstzeug der modernen Wissenschaft ausgestattet, tritt Achad Haam an alle diese Fragen heran. Es stellt die Fragen der Philosoph und es antwortet der Sozialpolitiker. In allen Problemen des Lebens erblickt er das Walten eherner Konsequenz. Bon der fernsten Vergangenheit führt trotz aller scheinbaren Wandlungen eine festgefügte Brücke bis zur Gegenwart. Der Bekenner des modernett Darwinismus im Sinne Häckels sieht überall — bei aller Einheitlichkeit des Alls — das ständige Fließen tlnd den Drang zur Weiterentwicklung aller Kreatur. Bon dem selbständigen Judentutn, das ans staatlicher Basis die Grundlage schuf eines einheitlichen, sozialen Organismus, bis zum heutigen Helotenvolk liegt ein Weg ungeheurer Kraftäußerungen und fortwährender organischer Entwicklung. Da sie sich jedoch nicht normalerweise gestaltete, weist sie eine Unzahl Sprünge und Widersprüche uns und läßt sich kaum nach durchschnittlichen Thesen der Völkerpsychologie erklären und werteil. Das prophetische wie das tanachitisch? Judentum, die talmudisch-scholastische wie die haskalische Epoche sind nur konsequente und folgerichtige Emanationen einer immanenten ethischen Kraft, die im Judentum bewußt oder uitbewußt durch Generationen fortgepflanzt wurde. Im Judentum! Hajahaduth! Dieser Begriff erwächst bei Achad Haam geradezu zur Bedeutung eines kategorischen Imperativs. Das Judentum ist es, das den Bolkskörper geschaffen und ihn durch Jahrhunderte beseelt hat. Das Judentum war es, das in uns den Drang immerwährender Entwicklung aufrechterhielt und den Trieb der Selbsterhaltung über das schwere und schauerliche Martyrium eines anormalen Daseins hinüberrettete. Hajahaduth B’sakanali! Dieses stolze, zündende Schlagwort schleuderte Achad Haam gleich in seinem ersten Aufsatz „Lo se luiderech“ („Nicht dies ist der Weg!") in die jüdischen Volksmassen herein, und dieser seit beinahe drei Jahrzehnten in tausend Variationen wiederholte Schrei eines Sozialpolitikers erstarrte bereits zum Dogma eines Doktrinärs. Das Judentum ist in Gefahr! Nicht die Juden sinds, die im Elend ersticken, sondern bloß das Judentum; nicht Millionen sinds, die einer kulturellen Wiederbelebung bedürfen, sondern das Judentum. Bor den Juden trete das Judentum auf den ersten Plan, vor dem Jüdenelend das Elend des Judentums, vor der Erlösung der Juden gehe die Errettung des Judentums. Die Geschlechter der Juden kommen und gehen nach den natürlichen Gesetzen des Fortpflanzungstriebes, doch den von den Propheten liberlieferten Geist, der den Gesamtorganismus belebt, gilt es zu pflegen und zu hegen, zu stärken und zu erhalten als die Grundlage unserer Eigenart. Und so gelangt er zum Endergebnis aller Theorien: zur Schaffung einer Zufluch ts- und Heimatstätte für das gefährdete Judentum. Ein Brennpunkt sei es, wo Gefühle von Millionen zum Wall eines neuen Volkslebens sich auftürmen, ein geistiges Zentrum erstehe, aus dem alle Volksenergien ausgehen, dahin auch alle ihre Lebenswellen einmünden. „Der Merkaz liaruach“ wird zum einzigen Ausweg erhoben aus der Gefahr, die.dem jJudentnm droht, und für diese These eines geistigen Zentrums fand Achad Haam Worte haarscharfer Logik und suggestiver Ueberzeugungsmacht, die unerschütterlich? Bewußtheit eines Allerweltbeglückers und den leicht aufbrausenden Groll eines Doktrinärs. Eine Bilanz aller geistigen Werte am Scheidewege vermaß sich Achad Haam zu geben, doch seine glückverheißende Synthese verwandelte sich allzu rasch in das Dogma eines Predigers. Und wie er, mitunter allen Wirllichkeitssiunes bar, seine Gedanken starrhalsig verkündet, wie er in wissenschaftlichen Abhandlungen Töne niederschmetterndea Zornes bis zum Pathos zu steigert! versteht, lvie er in klarer, eindringlicher Sprach? mit suggestiver Gewalt einzuwirken vermag — da eröffnet sich unwillkürlich seine wahre Seele: die Seele eines nach Erlösung lechzenden Schwärmers, der unter der Hülle eines Philosophen sich verbirgt. In diesem Pathos eines Moralpredigers, dessen Ursprung ein tiefer, sittlicher Ernst bildet, in diesen! einseitigen Hervorkehren geistiger Werte, dieser elementaren Kraft, in welcher ein Echo Millionen ringender Geister widerhallt, gemahnt eben der schwärmende Philosoph an den philosophierenden Dichter Chaim Nachmau Bialik. * * * Ein Hauch tiefer Schwermut liegt über allen Dichtungen Bialiks. Was jahrhundertelang dumpf wühlte in den Seelen eines ganzen Volkes und seine Lebenskräfte allmählich verzehrte, das lodert auf in einem überragen den Dichter zum flammenden Pathos monumentaler Werke. Eine Dichterseele wird zum Mikrokosmos des Juden schicksals. Die Lehre, die ein Jahrtausend stolzer Abgeschlossenheit geschaffen, ward uns zum Heil'und errettete uns vom unentrinnbaren Verschwinden im Völkermeer, aber sie entriß uns dem realen Leben. Die übergroße Macht religiöser Tradition half uns über die Zerstreuung hinweg und linderte die unermeßlichen Leiden der Di-, aspora, aber sie entfachte zugleich ein ganz einseitiges Geistesleben und erstickte in uns gewaltsam den Sinn für jede Realität. Eine Art von.Starrkrampf schnürte im Lause der Jahrhunderte die Volksseele zusammen. Erstarrte Dogmen wurden zum Lebensinhalt ganzer Generationen und pilpulistische Spitzfindigkeit ertötete mit der Zeit jeden schöpferischen Drang. Wenn wir auch unsere völkische Eigenart erretteten, so blieb uns doch nur ein Schein des Lebens zurück, und zäh müssen wir üns -an die Vergangenheit klammern, da wir jeden Zusammenhang mit der Gegenwart verloren. Dieses tragische Dilemma eines anormalen Daseins erfaßte Bialik mit erschütternder Wucht. Das Grauen vor der Vergangenheit und doch eine kindlich? Liebe zu ihren wunderbaren Schöpfungen, das Aufflammen eines gewaltigen Ringens in der Seele jedes einzelnen ztvisch?n Tradition und Modernität, zwischen Realität und Scheinleben, offenbarte Bialik in einer Reihe großangelegter Gedichte, deren jedes ein Programm und eine Art Bilanz bedeutet, die wie ein Verzweiflungsschrei ganzer Jahrhunderte aufs tiefste erschüttert. Die Lehre und die Erhaltung des Jahaduth wird auch bei ihm zum Angelpunkt allen Strebens und Sehnens. Wie er von der Jeschiwa ins brausende Leben hinausstürmt, um bald traurig und gramgebeugt ..an der Schwelle des Beth Hamidrasch" das traurigste Reuebekenntnis des modernen Juden abzutegen: wie er mit überschäumender Wut unsere Ohnmacht brandmarkt und wie er in dem grandiosen Gedichte „Matmid" das erschütterndste Bild einer vergehenden Welt aufrollt - all dies mutet an wie die abgeschlossene Weltanschauung eines scharfsinnigen Philosophen. Was ist das jüdisch? Leben? fragt Achad Haam und hämmert mit wuchtiger Ueberzeugungskraft aufs jüdische Gewissen mit dein Schlagwort: Jahaduth. Wo ist das Volk. wo sind seine