Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 37 (14.9.1916)
- Date
- 1916-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 612 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 wo man in ein Narrenhaus versetzt zu sein" glaubt; er besichtigte die Talmudschulen, wo „mit dem Studium rabulistischer Spitzfindigkeiten diese Menschen ihre besten Jahre hinbringcn"; er war in den ,,Winkelsynagogen", wo die Betenden ,,in große, ' weite, dunkclgraue Gebetmäntel gehüllt, den Gebetriemen an Stirn und Arm, so aussahen, als wären sie soeben aus einer Beduinenschar irgendwo in Afrika oder Asien gekommen". Dort also nirgends gehört zu haben, daß Cheder nicht der Lehrer ist — wahrlich, man wird diesem Berichterstatter trotz besten Willens nicht glauben können, wenn er nächstens berichtet: „Ich hörte den Donner der Kanonen......" Mein Freund, einer der „seine besten Jahre mit dem Studium der rabulistischen Spitzfindigkeiten des Talmuds" hingebracht hat, erklärt das auf eine ganz verzwickte Weise. Herr Noske, der wirklich ein Arier ist, wollte seinen jüdischen Prinzipalen, die bekanntlich nicht erst Eebetriemen anzulegen brauchen, um so auszusehen, als ,,wären sie soeben aus -einer Beduinenschar irgendwo in Afrika oder Asien gekommen",. eine Art Grubenhund- und Lauskatzenfalle legen. Adler-Austerlitz-Emnrerling aber überlegte äso: Den goischen Lesern ist es Wurscht. Vor meinen jüdischen Lesern, die ja alle wissen, was „Cheder" ist, ist es schön,, wenn ich von jüdischen Dmgen nichts weiß. In Warschau muß es aber auch der Goi wissen, und darum ist e r der Hereingefallene. Diese Erklärung meines Freundes ist allzu pilpulistisch. Sie kann nur richtig sein, wenn vielleicht der betreffende Redakteur der ,.Arbeiter-Zeitung" auch -einmal als Bocher den Talmud studiert hat. _ A. Sch. Korrespondenzen. KrieMvaistn. t Die Schrecken der mittelalterlichen Barbarei leben in unserem Jahrhundert wieder auf. Die Raub- und Mordzüge der fanatisierten Pöbelhorden des finstersten Mittelalters fanden ihre Wiederholung in den bestialischen Orgien des Mordes' und Raubes der zarischen Soldateska in Galizien. Bekanntlich wurden die jüdischen Einwohner vieler Städte und Dörfer dieses Landes von den einziehenden Kosakenhorden vertrieben, nach Rußfland verschleppt oder erschlagen. Was ihnen entkommen konnte, floh in überstürzter Eile unter Zurücklassung von Hab und Gut nach dem Westen. Die übrigen aber, denen das Schicksal nicht erspart blieb, der Knute der moskowitischen Bestien anheimzufallen, haben geradezu furchtbare Leiden mitgemacht. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Gie-i schichte dieses Martyriums zu schreiben; aber noch in ferner Zeit werden die Schilderungen dieser Abscheu erregenden, aller Kultur und Menschlichkeit hohnsprechenden Szenen geeignet sein, Entsetzen zu verbreiten und Empörung auszulösen. Daß auf höheren Befehl der „Echtrussen" hauptsächlich und zuerst Judenhäuser in Trümmer gelegt, jüdische Greise mrd Kinder vertrieben, Jüdensrauen und -Mädchen geschändet und ermordet wurden, ist so oft unwiderleglich nachgewiesen worden, daß es als bekannt vorausgesetzt werden kann. Als dann das Land von seinen Peinigern befreit wurde, irrten Tausende obdachlos und dem Hunger preisgegeben in den Straßen umher. Unter ihnen befinden sich mehr als 10.000 Kinder, deren Eltern verschleppt, ermordet oder im Kriege gefallen sind, also Kriegswaisen, jüdische Koiegswaisen. Und diesen mußgeholfen werden! Denn auch diese Kinder haben einst Eltern gehabt und ein Keim', bis das Unheil über sie hereinbrach, bis sie Zeugen waren der unmenschlichen Barbarei und Bertiertheit, hie jihnen wles -raubte. Bor Brand, Raub und Mord flüchteten sie von den alten Wohn-? stätten, verließen die Stätten der Gräber ihrer Eltern und die Trümmer ihres ärmlichen Besitzes und griffen nach dem Wander- und Bettelstab. Diese Waisen müssen vor dem sicheren Untergänge gerettet werden. Zweierlei ist hier notwendig: schnelle Hilfe und ausgiebige Mittel! Wenn nicht sofort etwas geschieht, um diesem furchtbaren Massenelend Einhalt zu tun, dann ist es zu spät. Kinder, die ohne Heim, ohne Obdach, hungernd, ohne Kleider, ohne Erziehung in den Straßen umherirren oder bestenfalls „irgendwo" untergcbracht sind, müssen körperlich und sittlich verkommen und gehen für die menschliche Gesellschaft verloren. . Und großzügig muß die Hilfe sein, Palliativmittel sind hier nicht angebracht. Um mehr als 10.000 Kindern Nahrung, Obdach, Kleidung, Erziehung und Unterricht zu gewähren, sind ungeheure Mittel erforderlich. Hierzu genügt die staatliche Fürsorgeaktion picht; auch nicht die wahrhaft großherzigen Spenden einiger Großen in Israel, an deren traditionellen jüdischen Wohltätigkeitssinn man noch niemals vergeblich appelliert hat. Diese Aktion ist eine Angelegenheit der jüdischen Gesamtheit, und kein Jude, der jüdisch -denkt und fühlt, , wird sich ausschließen. Und nur wenn jeder einzelne seine Pflicht erfüllt, lind nach seinen Kräften dazu beiträgt, wird es gelingen, eine Katastrophe abzuwenden. /Zur Lösung dieser Aufgabe hat sich hier ein Berein zur Rettung verlassener jüdischer Kinder Galiziens und der Bukowina gegründet, -der die Vorbedingungen schaffen will, um die jüdischen Kriegswaisen zu sammeln, in Heimen unterzubringen und zu versorgen. Er wendet sich in einem Aufrufe an die jüdische Öffentlichkeit, an jeden Juden, an jeden Menschen, und bittet um Geld, um den verlassenen Kindeim Nahrung und Obdach zu geben, um Kleider, Wäsche und Stoffe, um sie zu kleiden. Wahrlich, keine Gabe ist -groß genug, um das Elend dieser Armen zu bannen, keine gering genug, daß dem Geber dafür nicht Dank gebühre. Wohl selten hat sich eine Korporation ein so erhabenes Ziel gesteckt, ■ wie diese. Die jüdische. Wohltätigkeit steht vielleicht vor der größten Aufgabe, die ihr je--, mals gestellt wurde. Und wenn es gelingen wird, dieses Werk zu vollenden, dann werden 10.000 jüdische Kinder, die vor dem Untergange stehen, gerettet werden. Dann werden die Namen der Männer und Frauen, die diesen Verein ins Leben gerufen, geleitet und gefördert haben, mit ehernen Lettern eingetragen werden in das Buch der Menschenliebe und der Menschenpslicht. Tie HiWaktion der Schuhvw'sorgung pr die Armen gibt hiemit eine kurze, gedrängte Uebersicht (deren Details allen Gönnern in unserem Bureau, 9. Bezirk, Türkenstraße 17, jederzeit zur Einsichtnahme zur Verfügung stehen) -über ihre vom' 15. Dezember 1915 bis 31. Mai 1916 dauernde Tätigkeit. Es wurden neue Schuhe im Werte von zirka 65.000 Kronen und zirka 3000 Paar gesammelte alte, in unserer Werkstätte reparierte Schuhe verteilt. Darunter kamen ganze Lederschuhe für Frauen und Männer und Lederschuhe sowie Lederschuhe mit Holzsohlen (Kriegsschuhe) für Kinder zur Verteilung. 1200 Paar zur Reparatur nicht geeignete Schuhe wurden dem Asyl für Obdachlose geschenksweise überlassen. Berücksichtigt wurden folgende Organisationen: die Frauenhilfskomitees sämtlicher Wiener Gemeindebezirke, die israel. Kültusgemeinde Wien, die Ausspeisungsstellen: 10. Bez., Quellengasse 31, 20. Bezirk, Greiseneckergasse, 18. Bezirk, Semperstraße, 20. Bezirk,- Mortaraplatz, 19. Bezirk, Hofzeile, und 10. Bezirk, Quellengasse 52, die Auskunftsstelle für das Wohlfahrtswesen, der Frauenwohltätigkeitsverein iw 16., 17., 18. und 20. Bezirk, der Verein „Kurfürsorge", der Kaiser Franz Josefs-Kinderhort, die Kleidersammelstelle 19. Bezirk, der Pestalozziverein (9. Bezirk), der Elternverein «„Pestalozzi" -(2. Bezirk),