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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-08-25 · 34 (25.8.1916) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seit? 570 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 34 Postbeamte las es und lachte. Dann ries er die anderen Beamten zusammen. Diese lasen es ganz laut und lachten über Leisers schlechtes Russisch und darüber, daß die Juden den Kommandanten beim Gouverneur anzeigen wollten. Schließlich gab man es den Juden zurück. Alan könne es nicht abschicken. Der Kommandant muß es unterschreiben. Zum Kommandanten .sind sie natürlich nicht gegangen. Etliche Juden gingen zu dem katholischen Geistlichen, andere hatten einen vornehmen nichtjüdischen Bekannten; beide aber erklärten, nichts tun zu können. Nun wurde ein Fasten an geordnet, und die Juden beteten Psalmen und liefen auf den Friedhof zum Grabe des Rabbiners. Aber gepackt haben sie nicht, denn die Hände waren kraftlos. Und sie warteten bis zur letzten Minute. Vielleicht wird noch ein Wunder geschehen. Die Männer liefen wie Irrsinnige umher. Was wird morgen sein? Die Frauen meinten, die christlichen Nachbarinnen weinten mit. Aber der Arzt und der Ingenieur gingen bei den Polen umher, mrd plötzlich erschienen Polen, die bis dahin Lastträger, Trunkenbolde oder Gelegenheitsdiebe waren, und schlugen den Juden vor, sie sollten ihre Geschäfte und Häuser verkaufen, der Doktor und der Ingenieur würden zahlen. Die Juden jedoch wollten davon nichts hören; sie warteten immer noch aus ein Wunder. ' Der letzte Tag war ein Freitag. Die Juden hatten schon keinen Sinn mehr für den Sabbat; sie wußten überhaupt nicht, was für ein Tag es war. Gepackt aber haben sie immer noch nicht: sie warteten. Plötzlich entstand ein Schrecken. Gegen den Nachmittag Zeigten sich Soldaten, gingen in jüdische Häuser und fingen an, Hausgerät und Bettzeug auf den Markt Zu tragen und die Juden ebendorthin zu treiben. Als die Juden das wahrnahmen, erhob sich ein großes Wehklagen. Die Frauen suchten die Kinder; die Mütter schrien laut: „Wo ist mein Kind? Josele ist nicht da!" Aber niemand hatte mehr Zeit, auf ihr Gemein zu achten. Jeder begab sich in sein eigenes Heim und begann zu packen. Aber die Hände wollten sich nicht heben. Man wußte iricht, was zuerst zu packen fei: Schränke, Kommoden oder Bett-! zeug? Und wie bei einer Feuersbrunst, hat ein Jude aus dem Schranke Frauenkleider und ein paar Stücke Wäsche ergriffen und ist damit auf den Markt gegangen. Ein airderer hat zwei Messingleuchter und einen Mörsergehalten, gemeint, daß das sein wertvollster Besitz sei. Knaben haben Bücher geschleppt; einen Wilnaer gebundenen Talmud. Dort haben zwei Juden ein Bett getragen, in dem ein alter, kranker Mann Mit weit geöffneten Augen lag: das war ,Rabbi Aaron Löb Dajjan (Mitglied des Rabbinatskollegiums), einer von den 36 ganz Frommen, der schon 20 Jahre lag und die heilige Thora lernte. Ein Knabe führte den alten, blinden Großvater und setzte ihn auf ein Pack .Machen mitten auf dem Markte; der Alte tappte mit dem Stock um sich herum, ohne zu wissen, wo er war, und redete etwas in der Meinung, jemand höre ihn; aber niemand hörte ihn, denn alle waren mit sich selbst beschäftigt. Die Erschrockenheit wurde immer größer, wuchs einer Feuerbrunst gleich; denn die Soldaten sagten, die Juden müßten sich beeilen. Zuletzt ließen die Juden alles zurück, nahmen nur ihre Kinder und liefen init ihnen nach dem Markte. Jedes Kind hielt ein Paket in der Hand: die einen mit Pentateuchen, Gebetbüchern und anderen Büchern, die ihnen als wertvollster Besitz der Eltern galten; die anderen mit Bettzeug und Wäsche. Die Weiber wußten schon gar nicht mehr, was mit ihnen war: sie liefen fortwährend umher, ihre Kinder suchend, die sie schon an der Hand oder an ihrer Schürze hatten. Am ruhigsten waren die alten Männer und die jungen Mädchen; letztere packten still Wäsche und Kleider und trugen sie auf hen Markt; die Väter aber verschlossen die Türen und Fettster in den Häusern und Läden, ließen alles! zurück, was nicht mitgenommen werden konnte, und gingen dann auf den Markt. Nach einer Stunde war der ganze Markt mit Juden gefüllt: ein unbeschreibliches Durcheinander. Sonst war es auf den Straßen still; nur hie und da standen etliche Nichtjuden und lachten. Es war ein schöner, sonniger Nachmittag. Die Sonne schien noch herrlicher als sonst, mit einem fröhlichen Freitagsglanz, um die Zeit, wann die Juden zu Ehren des Sabbats zum Baden gehen; sie wußte nicht, daß Krieg auf der Welt und man die Juden aus der Stadt vertreibt. Das große goldene Kreuz glühte irr der Sonne, als ob es Blut wäre und den Himmel erschrecken wollte. Um die Stadt aber dehnten sich grüne Felder und blühende Baumgärten. Jedes Blättchen und jedes Blütchen badete sich in der Herrlichkeit der Sonne. Alles aber schien die jüdischeir Kinder zu höhnen: „Wir stehen, wir bleiben; ihr aber müßt' fort." Und damals geschah es. Als alle Juden auf den Markt zusammengetrieben waren, erinnerten sich einige alte Familienväter an die alte „Schulst" (Synagoge), an die Gesetzesrollen. Einzeln, ohne irgendeine Verabredung, kamen sie'zur Synagoge: sie war schon geöffnet; der Diener stand vor der heiligen Lade und hatte die Gesetzesrollen herausgenommen und' in Gebetmäntel gehüllt. Still traten die alten Juden in das alte Haus, ohne ein Wort zu reden. Jeder nahm eine Gesetzesrolle auf dem Arm. Zehn alte Juden waren es mit zehn Gesetzesrollen. Als sie mit diesen aus der Synagoge hinausgehen wollten, blickten sie auf die Wände, und es schien ihnen, als ob die Wände mit den Inschriften in der heiligen Sprache ihnen nachschauteil, als ob sie reden wollten. Einen Augenblick blieben die Juden mit den Gesetzesrollen stehen. Da sagte der alte Diener: „Es scheint, ein Minjan!" „Ja, ein Minjan," antworteten die Juden. „Laßt uns zum letztenmale das Nachmittagsgebet sprechen." . „Zum letztenmale!" Mit den Gesetzesrollcn auf dem Arm stellten sie sich hin. Aber das Nachmittagsgebet haben sie nicht gebetet. Der alte Diener hat das Psalmenbuch geöffnet und das letzte Gebet gesprochen (Psalm 69): „Gott hilf mir, denn das Wasser geht nur bis an die Seele!" Und die Wände haben mitgeweiut. Ziteratur. Jüdischer Nationalkalender 5677. Ende August erscheint im Verlage der „Jüdischen Zeitung", Wien, der „Jüdische Natiouaüalender 5677", herausgegeben von Otto A b e l e s und Ludwig B a t o. Dieses Jahrbuch wird im 2 0. Jahre nach dem Auftreten Theodor Herzl's veröffentlicht und in zahlreichen Arbeiten berufener Autoren wird diesem bedeutsamen Zeitabschnitte Rechnung getragen. Aus dem Inhalte heben wir folgende Aufsätze hervor: „Das Jahr 5676" von Ludwig B a t o, „Theodor Herz! und wir" von Adolf Stand, „Zwanzig Jahre politischer Zionismus" von Otto A b e l e stl „Zurück zu Herzl!" von Nachum Eoldmann, „Großzügige Palästinaarbeit" von Adolf Böhm, „Die Entdeckung des Ostens" von Osias Thon, „Vom Leben einer toten Sprache" von Dr. Heinrich L o e w e, „Die volkserzieherische Bedeutung des jüdischen Nationalfonds" von Dr. Egon Zweig, „Von jüdischen Dichtern und Erzählern" von Martin B u b'e r, „Schalem Alechem" von Dr. Z. F. F i n k e l st e i n, „Vialik im Lichte des zeitgenössischen Judentums" von Ernst Müller, „Arnold Zweig" von Dr. Auguste Wedler-Steinberg, „Wilhelm Wachtel" von Josef Patai. Ferner Novellen, Skizzen, Gedichte und.Nachdichtungen von Otto A b e l e s, Ludwig Dato, Eh. N. B i a l i k.

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