Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 512 Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift Der Abfall vom Judentum. (Vom praktischen Standpunkt Ntrachtet.) Von Richard Liffau. Der Abfall vom Judentum wird gewöhnlich nur vorn ethischen Standpunkt betrachtet, von dem aus er ohne Frage, soserne nicht der noch zu besprechende Ausnahmsfall' vorliegt, zu verurteilen ist. Moralischen und ethischen Auseinandersetzungen über diesen Geg.nstaud ist indes wenig Wert zuzusprechen, denn jemand, der sich aus materiellen oder Gründen gesellschaftlicher Eitelkeit voir der Gemeinschaft loslöst, mit der er durch die elementarsten und innigsten menschlichen Beziehungen verbunden ist, und in per sein,e moralischen und intellektuellen Fähigkeiten wurzeln, beweist eben durch einen solcheir Schritt, daß er durch, ethische Bedenken in keiner Weise zu beeinflussen ist. Es wird vielleicht also nicht unangebracht sein, einmal bei der Besprechung des Themas „Judentaufen" von der Berücksichtigung sozialer und ethischer Forderungen abzusehen und bloß vom realen, praktischen Standpunkte aus zu untersuchen, ob der durch die Taufe angestrebte Zweck auch wirklich erreicht wird. Daß ein Jude nie aus innerer Ueberzeugung zum Christentum übertreten könne, wird fast allgemein, von Juden und Christen, angenommen, welcher Ansicht aber durchaus nicht ohne weiteres beizupflichten ist. Man darf vielmehr annehmen, daß es wohl einzelne Juden gibt, die gerade im Christentum die ihrer besonderen Veranlagung entsprechende religiöse Befriedigung finden und denen die christlich-religiöse Weltanschauung wesenseigen ist. jEs .gibt Juden, die.in hohem.Grade'sogenannte .„christliche Tugenden" besitzen und in diesem Sinne bessere Christen sind, als viele dem christlichen Bekenntnis durch die Geburt Angehörige. Derartige Fälle, wollen -wir in unsere Untersuchung nicht miteinbeziehen. Bezeichnenderweise verbleiben so geartete Menschen meistens im Judentum, weil es ihrem Empfinden widerspricht, ihr Religionsbekenntnis gegen ein anderes einzutauschen; vor allem ist ihnen zuwider, durch solchen Religionswechsel materielle Vorteile zu erschachern. Wenn wir uns nun der Beantwortung der Frage zuwenden, als was sich der Abfall vom Judentum eigentlich darstelle, so muß man festhalten, daß das Wort „Judentum" zwei Begriffe in sich schließt, nämlich den einer Rasse und den eines religiösen Bekenntnisses. Daß unter den Anthropologen darüber, ob es überhaupt eine jüdische Rasse gebe, zwei sich 'bekämpfende Meinungen bestehen, ist für uns ohne 'Belang, denn das 'Wort „Judentum" soll nicht.in der Bedeutung eures anthropologisch-anatomischen Begriffes gebraucht werden. Wir verstehen unter „jüdische Rasse" nicht nur eine Summe von charakteristische Merkmalen, sondern auch eine gewisse Disposition, eine in einer bestimmten Art nuancierte Richtung des Denkens, Fühlens und Wollens. Oder um ein bezeichnendes Wort Otto Meiningers zu gebrauchen, eine bestimmte psychische Konstitution. Es scheint uns auch hier belanglos, ob die Züge, die heute als jüdische Rassenmerlmale gelten, die Juden seit jeher kennzeichnen oder von diesen erst später erworben wurden. Uns genügt die Tatsache, Paß man von einer jüdischen Eigenart sprechen kann und daß damit auch eine ganz bestimmte Vorstellung verbunden ist. Diese Eigenart muß der notwendige Ausdruck der dem leiblichen Menschen zugrundeliegenden Wesenheit sein, und diese Wesensgleichheit ist es, die dem einzelneil Individuum die innere Zugehörigkeit zu einein Volke, zu einer Rasse verleiht. Ueber das Judentum als Religion haben wir hier nicht zu sprechen und können nach dieser Begriffsbestimmung all die Erörterung des eigentlichen Themas gehen. Da sei nun gleich vorausgeschickt, daß der Schreiber dieser Zeilen nicht miteinzustimmeu vermag in das grundsätzliche Jammern über jeden Fall eines Uebertrittes, zumal es sich meist um Personen handelt, die schon vorher wenig Interesse für die Volksgemeinschaft an teil Tag legten. Für den lebendigen Volcsorganismus ist es physiologisch, daß einzelne Individuen, die innerlich den Zusammenhang mit dem Volksganzen verloren haben, sich loslösen und — eben ab fallen. Es müssen also tiefgreifende Veränderungen, wenn nicht der gänzliche Verlust derjenigen Komponenten der Psyche und des Charakters eingetreten sein, die aus der Volkseigenart, aus der Rasse herstammen, wenn der Abfall vom Judentum zwingend und aus naturnotwendige Weise begründet sein soll. Sind diese Voraussetzungen gegeben, dann ist gegen einen Uebertritt gewiß nicht viel einzuwenden; ob aber solche Täuflinge auch jene positiven Eigenschaften erworben haben, die sie nun zu Christen und Ariern machen können, das ist eine zweite Frage, die zu entscheiden nicht an uns liegt. In der Mehrzahl der Fälle geschieht jedoch, die äußere Loslösung von der jüdischen Blutsgemeinschaft zu einer Zeit, wo noch recht deutlich die körperlichen, psychischen und intellektuellen Merkmale vorhanden sind, die als jüdisch gelten, zu einer Zeit, wo der Betreffende nicht nur jüdisch aussieht, sondern auch noch alle jüdischen Merkmale in sich trägt. Letzteres vorwiegend im schlechten Sinne. Was sich in einer solchen Judentaufe abspielt, ist eine Tragikomödie der bittersten Art — nämlich daß gerade das, was von .-Judenfeinden eine „echt jüdische" Gesinnung bezeichnet wird, zur Taufe führt. Ein recht häufiges Beispiel von einem „Bekehrungsgrund" ist, daß jemand die jüdische Gemeinschaft , yerUßt. und eiNM., „neuen.Glauben" annimmt aus Ersparungsrucksichten, weil er eine Kultussteuer .nicht zahlen will. Es ergibt sich da die aus den ersten Blick absurd erscheinende, aber bei einigem Nachdenken sich als richtig erweisende Tatsache, daß jemand Christ wird,- weil er nach antisemitischem Jargon, ein „echter" Jude ist. Er „handelt" nicht ' mit alten Hosen, er schachert mit der Religion; er kauft sich eine billigere. Daß solche Fälle möglich sind, wirst auch ein eigentümliches Licht auf die herrschende christliche G esellsch astsMoral. Der moderne Mensch, der ja Sentimentalitäten im allgemeinen wenig Raum gönnt, will doch eine ethische Forderung im realen praktischen Leben durchgesührt wissen, nämlich das Gebot der Wahrhaftigkeit. Auf technischem, auf künstlerischem Gebiete sind Stilechtheit und Materialechtheit selbstverständliche Forderungen. In der Erziehung, im Verkehr zwischen den Geschlechtern gilt Wahrhaftigkeit als einer der Hauptgrundsätze. Nicht so ins allgemeine Bewußtsein ist es aber gedrungen, welche Bedeutung die Wahrhaftigkeit für die Kultur der Persönlichkeit hat. „Höchstes Glückder Erdenkinder istdoch die Persönlichkeit" ruft uns der Dichterfürst zu. Das, was den einzelnen Menschen von all den Millionen der anderen unterscheidet, ist eben die besondere Art, wie die allgemeinen Kräfte, Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen bei ihm variiert auftreten. Das, was der Einzelne leistet und schasst, das könnten auch noch andere mehr oder weniger gut vollbringen, aber das, was er im Grunde i st, w i e er ist, das kann unter allen Menschen der Erde nur er allein sein. Und dieses seines eigentlichen Besitzes eutäußert sich der Mensch oder läßt ihn verkümmern, wenn er etwas anderes darstellen will, als er innerlich ist. Er verfälscht dann seine Eigenart, sich^ selbst.