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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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'Jir. SO Dr. Bloch's Wochenschrift Serie 507 Gemeinden zur Beratung ihrer AngeLege.theiten ui der sogenannten Vier-Länder-Synode. Lange nach der Umwandlung des ehemaligen Brisk in das^ moderne Brest stand noch die atte Synagoge, in der Saut Wahl, der Sohn des berühmten Gelehrten Samuel Jjoit Padua, Hum Andenken all seine Frau Deborah die H-rauengalerie gestiftet hatte. Der Name Saul Wahls ist dadurch ans die Nachwelt gekommen, daß er für eine Nacht^önig von Polen mar. Als Pertrauter und Berater des Fürsten Radziwill lvar er mit diesem 1586 nach dem Tode des Stephan Bathort zur Wahl des neuen Königs nach Warschau gereist. Da mm die Fürsten den ganzen Tag über stritten, ohne zur Einigung kommen zu 'können, stand Radziwill aus iiub rief: /.Hört auf. euch zu streiten. Saut soll uns regieren!" Die Fürsten erhoben keine Einwendung, und so blieb Saul bis zürn nächsten Morgen König, lvo man dann in einen! neuen Wahlakt Sigismund von Schweden zum Herrscher Polens erkor. Bei dem Umzug in den neuen Ort, lvo aus Moor und Brake die zukünftige Stadt erstehen sollte, schmerzte die frommen Juden nichts so sehr, als daß sie die Toten aus ihren alten Friedhöfen umznbetten gezwungen wurden. Anfangs wollte die neue Gründung feilte rechten Fortschritte machen, bis im Jahre 1835 ein großer Brand die Reste des alten Brisk einäscherte. Borr nun an gelangte Brest bald Zu Blüte und Ansehen. Schon 1839 erbauten die Juden das erste Krankenhaus, 1851 wurde zum Ban der großen Synagoge geschritten. Bor seiner Zerstöiung besaß Brest-Litowse achtunddreißig Synagogen und Bethäuser, acht Schulen, an denen unentgeltlich unterrichtet wurde, eine Handelsschule und ein Gymnasium. Obwohl diese Anstalt aus jüdischen Mitteln nicht nur erbaut war, sondern auch unterhalten wurde, dursten die Schüler nach russischem Gesetz doch nur bis zu 2 Prozent aus Inden bestehen. Um nun ihren Kindern möglichst zahlreich den Unterricht zu gewähren, bezahlten die Juden den Schulbesuch für die Söhne armer orthodoxer Eltern. Hier, wo die Juden nicht wie in anderen Städten Rußlands das unterdrückte uns zusammengepferchte Protariat, sondern den Stamm bildeten, gestalteten sie ihre Stadt zu einem geordneten und wohlanständigen Gemeinwesen aus. Ein Drittel der Bewohner waren wohlhabende, loenn nicht reiche Leute, die einen lebhaften Handel nach Deutschland trieben. 'Aber auch für die Armen wurde hinreichend gesorgt, und es wurde streng darauf geachtet, daß sie nicht als umherziehende Schnorrer den Namen ihres Heimatortes in Verruf brachten. Ja, unter ihren Schwestern, deren Gewand aus Seide und Lumpen ein bunscheckiges Gemisch ist, stellte Brest-Litowsk so etwas wie ein Muster an Ehrbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit dar. Und dennoch kam der Tag, an dem es ein Sodom- und Gomorrahschicksal zu leiden hatte. Kosaken trieben die Bewohner aus ihren Räumen, ließen ihnen kaum Zeit, das Nötigste zusammenzuraffen, und warfen den Feuerbrand in die Häuser. Binnen wenigen Stunden war die ganze Stadt ein rotes, glühendes Meer, dessen Flammenwogen unsere im stundenweitem Umkreis lagernden Soldaten durch die Nacht emporbranden sahen. Die Vertriebenen hatten sich in Dörfer und Wälder geflüchtet. Viele kamen elend um, andere kehrten nachdem Einzug der Deutschen zu ihren Ruinen zurück und wurden pon den Behörden ins Etappengebiet verteilt, lvo der Hilfsverein der deutschen Juden sich ihrer annimmt. Die Stadt selbst liegt jetzt verödet da. Ich habe im Kriege viele vernichtete Dörfer und Städte gesehen, keine, die aus hundert entseelten Augen eine solche Melancholie verbreiten lvie diese. Anderwärts wird der Blick seftgehatten, weroen die Gedanken abgelenkt durch die bizarren Formen, welche das Wert der Zerstörung geschaffen hat. Diese leeren Hänserhüllen aber stehen in ihrer Gleichförmigkeit da wie endlose Reihen aufgerissener Särge. Wenn man durch diese schweigenden Straßen geht, in denen einem nirgendwo ein Mensch begegnet, wird man Die Empfindung nicht los, durch bloßgelegte Gräberstädte zu wandern/und dem schwülen Duft der Akazienblüten zum Trotz glaubt man, den Brand- und Verwesungsgeruch dieser steinernen Leichname einzuatmen. Ringsum aber treibt die ihrer eigenen Schöpferkraft überlassene Natur ihre schönsten Blüten, und es ist, als ob die wieder zur Wildnis gewordene Mutter Erde von diesem ihr geraubteli Fleck Boden von neuem Besitz ergreifen lvollte. Die nicht mehr beschnittenen Bäume breiten ihre Langgeschlossenen Zlveige zu einem dichten Blätterdach, und das Pflaster bedecken die üppig sprießenden Grashalme fast wie ein Wiesenüberzug. Bis in die Häuser hinein haben Kräuter und Blumen ihren Weg gesunden. Mitten ans einem zerborstenen Kamin blühte ein dichter Mohnbüschel hervor und glich mit seinem brennenden Rot der letzten Flamme des großen Brandes. Literatur. Das Buch vom polnischen Juden. In der Fülle neuerer Literatur über die Ostjuden ist das soeben vom „Jüd. Verlag" publizierte ZBuch vom polnischen Juden" eines der trefflichsten. Es ist ein Sammelwerk, die Auswahl ist mit hohem Verständnis getroffen aus den Schriften der großen ostjüdischen Dichter, aus alten Chroniken, aus den Legenden der Ahnen, den Erzählungen der Chassidim, ans den populären humoristischen Geschichten, den volkstümlichen Sprichwörtern und Anekdoten. Neben den modernen Schriftstellern Perez, Sokolow, Frischmann, Agnon, begegnet man dem alten Meier Diek und den Lebenserinnerungen Salomon Maimons; ursprünglich deutsch geschriebene Beitrüge wie die schönen Erzählungen „aus dem Leben des heiligen Rabbi Mordche Leib von Safaw" von Martin Bub er wechseln mit — im Ganzen recht guten — Uebersetzungen ans dem Hebräischen und Jiddischen; neben historischen Berichten aus der reichen Vergangenheit des polnischen Judentums stehen kurze Schilderungen aus seinem gegenwärtigen Leben, und ein jedes Stück bereichert den Leser um den Einblick in ein neues Gebiet des polnisch-jüdischen Lebens. „Ter Weltkrieg im Lichte des Judentums", von Doktor I. W o h l g e m u t h. Preis: broschiert M. 2.50, qeb. M. 3.50. Karl I ent sch schreibt in „Die Zeit" vom 23. April 1916: Ein gutes und tiefes Buch, das den schönen Charakter seines Verfassers offenbart und zweierlei lehrt: dag die Bibel den Befähigten zu historischem Sinn und politischem Weitblick erzieht, und daß ein deutscher Jude ein ganz echter „deutscher Michel" werden kann. Den Pazifismus lehnt Wohlgemuth ab. Cr erkennt die edlen Motive der Pazifisten an und das Berdienst, das sie sich durch die Verbreitung humaner Gesinnung erwerben, aber ihr Z:el nennt er utopisch. Der Gott der Bibel verbietet den Krieg so wenig, dag er selbst Kriege, und zwar Vertilgungskriege anordnet; nur ungerechte Kriege und die Verübung unnützer Grausamkeiten im Kriege lägt er durch den Mund der Propheten verbieten. Aber er ist auch weit davon entfernt, den Krieg als etwas Schönes, Gutes, Ideales zu preisen. Das Ideal des Volkes Israel ist der Friede, und diesen zu erstreben ist Pflicht. Der Krieg ist nur eine der Züchtigungen, die Gott über das sündige Menschengeschlecht verhängt, und die Schrecken des gegenwärtigen Krieges lägt Wohlgemuth durch die Erinnerung an grausige .Vorkommnisse aus uns wirken. Was das Verhalten der Juden im Kriege betrifft, so wird es durch Beispiele von Helden-

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