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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 494 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 30 Man sieht, die Engländer selbst machen zwischen arischen und jüdischen deutschen nicht den geringsten Unterschied. Als der hochverdiente Philanthrop Jakob H. Schiff in Newyork die Beteiligung an der englisch-sranzösi] cheu Anleihe mit der Begründung ablehnte, „nichts zu unternehmen, was Rußland irgendwie nützen könne'", haben die „Times"" die Tatsache der Ablehnung notiert, aber die Begründung unterdrückt, die der Entenre peinlich war. Die Ablehnung Schiffs, an dem Anlehen sich zu beteiligen, wurde in den Ländern der Entente zu emer Hetze gegen die Juden mißbraucht; nichtsdestoweniger wurde in antisemitischen Organen in Wien erzählt, die Firma Kuhn, Loeb und Comp., deren Teilhaber Jakob H. Schiff ist, habe das Anlehen der Feinde Deutschlands gezeichnet. Auf eine direkte Anfrage aus Wien kam hieraus ans Newyork folgende Anttvort: - r William and J?iue Streets. Newyork, 29. Oktober 1915. Kuhn, Loeb & Co. Werter Herr Bezirksrabbiner! Ach komme in den Besitz Ihrer Zuschrift vom 10. d. M., deren Inhalt ich mit Ausmerk,amkeit gelesen habe. Die englstch^franzöfische Anleihe, voll der Sie schreiben, ist bereits vor mehreren Wochen abgeschlossen worden, trotzdem meine Firma ihr Mitgchen und Unterstützung dieser Anleihe abgelehnt hat, gerade aus dem Grunde, weil i ch n i ch t w ü n s ch r e, etwas zu tun, was dazu beitragen könnte, die inhumane russische Regierung neuerdings zu stärken. Ihr ganz ergebener Jakob Schiss m. p. Herrn Bezirksrabbiner Benzion Katz, Obere Donaustr. 43, Wien."" Jener Selbstgerechtigkeit, die so gern die Sünden anderer beichtet, entspricht es, das Händlertum für alle Uebel der Menschheit, also auch für den Weltkrieg, verantwortlich zu machen. Nun hat aber einer unserer größten deutschen Philosophen, Kant, gerade im „Handelsgeist"" eine der stärksten Bürgschaften für die Erlangung des ewigen Friedens erblickt, und im ganzen verflossenen Jahrhundert hat gerade die ungestörte internationale Verknüpfung der Völker durch den Handel als bestes Vorbeugungsmittel gegen kriegerische Verwicklungen gegolten. Goethe hatte für diese Mission des Handelsgeistes ein etwas feineres Verständnis als unsere grobschlächtigen Teutomanen; er sagt im „Wilhelm Meister"": „Ich wüßte nichts wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müßte, als der Geist eines echte n H a ndelsmannes."" Wo bleibt denn dann der große „Profit"" für den Handel, den der Krieg bringt? Der gesamte internationale Güteraustausch! stockt, ganze Industrien, z. B. die Exportinduftrie, die in Deutschland allein soviele Werte für die heimische Landwirtschaft erzeugt, ist noch auf lange Zeit nach der Beendigung des Krieges lahmgelegt. Das im Auslande — in Wertpapieren und in der Industrie — angelegte Kapital wird für die Dauer des Krieges vollständig unproduktiv. Und da sollte gerade der internationale „Handelsgeist"" ein Interesse daran haben, die Kriegsfurie zu entfesseln? Nein, wie sehr auch die wildeste Industrie- und Handelseifersucht Englands zum Kriege getrieben haben mag, von einer Verschwörung des internationalen Großkapitals kann keine Rede sein, sie ist ein Wahngebildc, eine ten-' denziöse Lüge. Professor Hugo M ü n st e r b e r g von der Harvard-Universität kommt in seinem soeben auch in deutscher Uebersetzung erschienenen prächtigen Werke „Amerika und der Weltkrieg"" auch auf die Frage der Urheberschaft des Krieges zu sprechen, und er fuhrt unter anderem aus: „So oft haben wir gelesen, daß der große Krieg nicht mehr ' möglich sein werde, da die Weltmachr in die Hände zweier Klassen nbergegangen 'ist, die mächtiger als Regierungen und Heere sind, die Uroeiler mit ihrem sozialistischen Stimmzetteleinflutz und die Bankiers mit ihrer w.rtichajtlichen Gewalt. Wir haben gehört, daß sie keinen wirtschaftlichen Krieg erlauben würden. Können wir uns je wieder in solchen Hoffnungen wiegen? Zweifellos, der Kapitalismus wollte diesen europäischen Krieg nicht. Die Bankhäuser der ganzen Welt arbeiten dagegen; doch als die nationalen Leidenschaften erwachten, da war ihr Widerstand so wenig ein Hindenis wie Strohhalme vor einem Erpreßzug." Was aber d:e Preistreiberei autangt, so ist die Profitgier eine Erscheinung, von der leider keine Konfession frei ist. Hat doch selbst in Deutschland die Kirche sich gedrängt gefühlt, in besonderer Weise die schlafenden Gewissen zu wecken und zu schärfen. Nachdem schon vor einiger Zeit der Erzbischof von B a m b e r g in einer aufsehenerregenden Rede den „g e f ü h l l o s e n K r äm e r g e i st'" gegeißelt hat, der sich bereichern wolle auf Kosteti der Allgememheit, den „abscheulichen Egoismus"", der aus dem herrschenden Mangel feinen Nutzen zu ziehen suche, hat jetzt auch die evangekis ch e Ge n er a k s y n o d e aus ihrer jüngsten Tagung in Verbindung mit dem evangelischen Oberkirchenrat eine Kundgebung an die Gemeinden erlassen, die aufs schärfste den „G e i st der Habsu ch t"" bekämpft, der aus der Not der Zeit unberechtigten Gewinn zu ziehen suche. In besonders temperamentvoller Weise lvird dieser Kriegswucher gebrandmarkt in einem g e m e i n s a tu e it Hirtenbrief der drei Generalsuperintendenten der Provinz Sa ch s e n: „Wenn jetzt die Not des Volkes Erzeuger und H ä n d l e r v e r f ü h r e lt kann, ihre Vorräte zurück-' zuhalten, die Preise für die Nahrungsmittel hinauf^ zlltreiben, übermäßig hohe Gewinne einzustreichen, so, zeugt ein solcher Wucher in dieser schweren Zeit von G e w i s s e n l o s i g k e i t und harter! S e l b st s u ch t, gegen welche sich das Volksbewußtsein mit Recht emipört. . . . In der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments wird deshalb auf das eindringlichste vor der Aussaugung der Armut gewarnt und der Wucher als schweres Verbrechen gegen göttliche und menschliche Ordnung gebrandmarkt." Der konservative „Reichsbote"" in Berlin fordert den Wucher als sittliche Frage vor den Richterspruch des Wortes Gottes, da er leider sich überall breit mache: „Die Wortverkündigung darf an dieser traurige n K r i e g s z e i t e r s ch e i n u n g nicht vorübergehen. Sie muß in unbestechlicher Wahrheit und unbekümmerter Tatsächlichkeit die schlafenden G e - wiffen wecken und schärfen und die Christenpflicht in die Herzen hämmern: Einer trage des andern Last! Das allein genügt nicht. Kirche und Pfarrerstand haben ihre öffentlichen Vertretungen. Freie kirchliche und christliche Vereinigungen haben die Fülle der Kriegsaufgaben auch auf ihrem Arbeitsprogramm. Darum sollten die Synoden, die Konvente, die Tagung e n und die Jahresversammlungen in Kundgebungen und Entschließungen für die Öffentlichkeit keinen Zweifel darüber lassen,daß sie die sozialen Erfordernisse der Zeit verstehen und jeglichen Wucher als unsittlich verurteilen."" Die Kundgebungen der offiziellen Kirchenbehörden beider christlichen Konfessionen zeigen doch wohl mit aller Deutlichkeit, wie tief diese Niedertracht des Wuchers sich in allen Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens und des Standes eingefressen hat.

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