Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-07-14 · 28 (14.7.1916) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022224--25246-3050538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i/Jr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 463 bloß über 80.000 Streiter. Auch die beiden letzten Kreuzzüge (1248 und 1270) fanden über Initiative des französischen Königs Ludwig IX. statt. Nebst diesen großen, nach außen gerichteten,- fanden einige kleinere Kreuzzüge inr Innern statt. Das Anwachsen des blindwütigen Zelotismus halte iit Frankreich das erwähnte traurige Schicksal der Albigenser zur Folge. Bereits 1119 lvurden sie auf dein voll Papst Calixt abgehaltenen Konzil als „Toulousischc Ketzer" gebrandmarkt und etwa hundert Jahre später (1209) veranlagte Papst Jnnocenz III. einen wirtlichen Kreuzzug gegen sie. Dieses Beispiel fand in Deutsche land verständnisinnige Nachahmung in demVernichtungszng gegen die unter gleistlicher Oberhoheit stehenden „Stcdinger"*) (ein friesischer Stamm im heutigen Oldenbnrgischen). Hier war eine gegen die drückenderr Abgaben gerichtete Freiheitsbewegung (1200 und 1204) der Anstoß zu eitlem „Kreuzzug" (1232), dem sodann 1233 ein zweiter und 1234 du dritter folgte, der mit der cndgiltigen Vernichtung dieser „aufrührerischen" Bauern endete. Gewiß, auch andere Völker haben ihre blutige Vergangenheit, zunial jene, lvelche ebenfalls keltischen Ursprungs sind — Engländer und Spanier in erster Reihe, selbstverständlich läßt sich damit nicht die andere Schmach übertünchen, daß gerade Deutschland die ärgsten HexenProzesse aufweist. Allein Her Hexenglaube grassierte in England und Frankreich mindestens so stark ivie bei uns, hielt aber noch viel länger an! Hierbei darf als Entschuldigung iirs Tressen geführt iverden, daß als Motiv der wirkliche, vom Kultus sogar gewollte Glaube, bezlv. Aberglaube, somit Unwissenheit und Beschränktheit die Triebfeder waren. — Ganz anders die wegen des Glaubens allein verüb teil Morde: die Verbrennung (Xutoänt'tz), das Rädern: und das Hängen, welche nur der krassesten Unduldsamkeit entsprangen. Da waren es eben nur die keltischen Staateil, Großbritannien, Frankreich und Spanien, lvelche an der Spitze marschierten. Noch im Jahre 18 2 6 ward zll Valencia (Spanien) ein Lehrer namens Ripoll wegen Deismus hingerichtet,**) lvobei die Formen des Autodafe beobachtet wurde n. Die furchtbaren Jnquisitionsgerichte ivüteten nach einem Konzil (1184 zu Verona abgehalten) zilnächst in Südfrankreich (1199) zilr Unterdrückung der Katharer,***) woraus in weiteren Konzileir (1215 und 1228) dieses entsetzliche, nur aus 'Denunziation fußende Verfahren ausgebaut und seftgelegt ivurde. Zur Ehre des Volkes sei vermerkt, daß sich Ausstände dagegen erhoben, ulld zwar 1234 zu Narbonne und 1242 zil Avignon, allein diese Scheußlichkeit bestand bis 1772. Grausamer und länger wütete das sogenannte „Gerichtsverfahren" in Spaniell, wo die heimlich bet ihrem Glauben verbliebenen Mauren und Juden (seit der gewaltsamen Bekehrung zum Christentum, 1391) hauptsächlich das Opfer desselben lvurden. Jnsbesonders unter dem bekallntell Großinquisitor Thomas v. Torquemade, der int Zeitraum seiner Wirksamkeit, 1481—1498, an 8800 Menschen lebendig, 6500 inr Bilde verbrennen und 90.000 lnit Vermögensstrafen und kirchlichen Bußen belegt haben soll. Erst durch den Bruder des Kaisers Napoleon, durch Joses Bonaparte, lvurde dort die Inquisition 1808 aufgehoben, um 1814 durch König Ferdinand III. lvieder hergestellt zu werden, worauf sie dann 1834 über energischem Widerstand des Volkes endgiltig *) Abgeleitet von „Gestadebewohner". **) Eine Weltanschauung, die das Dasein und die Weltregierung Gottes uur auf Gründe der Vernunft, nicht aber auf die Offenbarung, welche auszuschlietzen isl, stützt. ***) Eine dem Dualismus des guten und bösen Gottes huldigende Sekte von aszetischen Lebensauffassungen. .Aus diesem Namen entstand sodann der Ausdruck „Ketzer". abgeschasst ward. Natürlich lvar sie mich in den amerikanischen Besitzungen eingesührt gewesen, sowie in den Niederlanden, wodurch die Lvstrennung derselben von Spanien erfolgte, nachdem sie ca. 5 0.000 Menschen das Leben g e k o st e t hatte. .Ebenso versäumre Portugal nicht, diese sonderbare Kultureinrichtung nicht nur (1557) bei sich, sondern and; ill Indien mit dem Sitze in Goa einzusühren. In Italien führte sie Papst Gregor IX. 1235 ein, und dort wurde sie 1808 durch Napoleon ausgehobell, durch Papst Pius VII. 1814 dagegen lvieder eingesührt, um erst 1859 endgiltig beseitigt zu werden. Nur in Ellglaud salid sie — mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos, jenem der „blutigen Maria", — keinen Boden. Es mag dies hier aber lediglich die schwere Erreichbarkeit von Rom aus seine Ursache haben. In Deutschland wnrde sie wohl bald nach ihrer Begründung eingesührt, jedoch verschwand sie mit der Reformation. Zur Ehre des deutschen Volkes fei auch hier bemerkt, daß der erste .Ketzer- oder Hexenrichter, K o n r a d v o n .M a r b u r g, 1233 in einem Aufstande durch Edelleute erschlagen wurde. Sie ward indessen seit 1484 durch Papst Jnnocenz hauptsächlich aus „Hexen und Zauberer" angewendet. Wohl steht der Hexenglanbe kaum aus höherer Stufe als diese wahnwitzige Versolgungswnt gegen Andersgläubige. Allein auch dieser im mittelalterlichen Deutsch land leider so stark grassierende Unfug lvar Importware. Denn in Toulouse fand 1275 die erste beglaubigte Verbrennung einer 60 jährigen Frau wegen „Buhlschaft mit dem Teufel" statt, lieber Beniühen von ans Rom zugelvanderten Inquisitoren sollen allerdings 1230 und 1240 ill Trier Anklagen wegen Verwandlung von Frauen „in Kröten" erfolgt fein, allein diese Tatsachen sind nicht sichergestellt. Dagegen kann sich das sollst so nüchterne England eilies „General-Hexensinders" Ende des Mittelalters berühmen - und sein mit der Wissenschaft finit* fernher König Jakob I. (1603 1625« „wies" in einer „gelehrten" Abhandlung „unwiderleglich" das Dasein von Hexen nach! Derselbe, der 1590 einen „Schwarzkünstler". Dr. Finn, aus dem Grunde zu Tode martern ließ - u it b mit i h nt z u gleich 200 „H e x e it" , weil sie die Seefahrt seiner aus Dänemark znreifenden Braut durch Entfesselung eines wütenden Seesturmes zil stören versucht hatten! Bei solcher Tiefgründigkeit des Aber glaubens kann es daher nicht verwundern, daß llvch 1688 deshalb eine Frau in Boston (England) hingerichtet wurde, lveil sie vier Kinder einer Familie verhext hatte, welch' letztere „Tatsache" ans Grund „genauer Untersuchungen" an den Kindern durch einen Arzt „sestge stellt" wurde! In diesem Lande dursten daher noch im Jahre 1691 einige Mädchen in Salem sich dahin verabreden, sich als verhext auszugeben und beliebige ehrbare Leute hierdurch ins Verderben zu bringen. In der Tat lvurden infolgedessen 2 0 E i n w o h n e r h i n g e r i ch t e t und zwei starben int Gefängnis! Dann aber, als der Betrug auf gedeckt lvar, muß'.en die unschuldig Eingeierkerten die Kosten des Verfahrens tragen, wogegen die weiblichen Missetäterinnen straflos ausgingell. Dieser Staat halte denn auch keinen Raum für Inden, lvelche tatsächlich mit der Thronbesteigung Richard Löwenherz (3. Dept. 1189, unter unsäglichen Grausamkeiten ans dem Laude getrieben wurden bis auf einige Reiche , und erst durch Oliver Cromwell wieder das Recht der Rückwände rung erhielten. Ein kleiner Beleg für die Tüchtigkeit des englischen Volkes in zwecklosen Niedrigkeiten sei hier als besonders charakteristisch mitgeteilt: Die Leiche des am 3. September 1658 verstorbenen großen Diktators Cromwell »vnrde durch die Restauration unter dem früher vertriebenen König Karl Stuart II. halbvermodert aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.