Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 43l hältigkeit nicht zu versagen ist. So prasseln Kritik und Antikritik auseinander, um sich gegenseitig in Lob Md Tadel §u überbieten, in solcher Fülle und Dichte, daß sie fast die Sonne des unbefangenen Urteils trüben. Das aber soll nicht abhalten, uns durch dieses Dickicht den Weg zu einer Lichtung zu bahnen, die den Blick ins Freie öffnet. Das ist wohl eine alte und unvermeidliche Ersahruug: So wie nur an die Frage des Religionsunterrichtes, und zumal des hebräischen Unterrichtes, gerührt wird, da schreien unfehlbar die Empfindlichkei.en schmerzhaft auf und gewöhnlich schreien dann alle Beteiligten. Der Kreis dieser Beteiligten ist nicht eng. In erster Linie sind es die Schüler selbst und die Lehrer. Das aber sind nicht alle. Dann kommen auch die Eltern an die Reihe und füglich auch jene Stellen, welche als Unterrichtsverwaltung anzusprechen sind. Die Gruppe der Interessenten scheidet sich aber nicht genau in der Art, daß gewisse Parteien zusammenstehen, wie etwa Kinder und Eltern auf der einen Seite und Lehrer und Unterrichtsverwaltung auf der anderen Seite; im Gegenteil, da wirbelt alles nur so durcheinander, daß es schwer ist, Freund und Feind von einander zu sondern oder gar die Kämpfer zu trennen. In stetigem Gewoge fallen in der Regel alle übereinander her, denn jeder Teil will recht und keiner unrecht haben und jeder Teil will dem anderen die Schuld an der Unzulänglichkeit in die Schuhe schieben. Die Kinder schimpfen über die Lehrer, das .ist eine alte Geschjchte. Die Lehrer wettern gegen die Kinder, sie wettern aber auch gegen die Ellern und gegen die Vorgesetzten Stellen. Auch die Eltern fahren ,gegen jeden und alles los, natürlich nur nicht gegen die Kinder. Die sind ihnen sakrosankt und das ist bis zu einem gewissen Grade auch begreiflich. Zuguterletzt aber stürmen alle auf die Unterrichtsverwaltung ein, was in unserem Falle soviel als Kultusgemeinde und was drum und dran ist, zu besagen hat. Diese ist selbstverständlich schon gär nichts nutz, die taugt überhaupt nicht. Man nennt das mit einem geflügelten Worte die Forderung nach .Reform an Haupt und Gliedern. Wenn man genauer zusieht, so muß ich mindestens von meinem Standpunkte bekennen, daß alle Parteien samt und sonders ohne Ausnahme wirklich unschuldig sind, daß sie alle vom besten Willen und den besten Absichten beseelt sind und sich redlich bemühen, ihre Sache gut zu machen; und wenn ich aus den Reden und Gegenreden, die sich anläßlich der Frage des Religionsunterrichtes entwickelt haben, den sachlichen Kern der Zwietracht herausschäle, so finde ich, daß niemand Anlaß hat, den anderen zu tadeln. Wir leben gewiß nicht in der besten aller Welten; allein im Grunde genommen ist die Welt doch besser als ihr Ruf, und wenn ich das aus dem Makrokosmos der Welt auf den Mikrokosmos des jüdischen Religionsunterrichtes, der eine Welt für sich ist, projiziere, so meine ich, auch der jüdische Religionsunterricht ist besser als sein Ruf, und es ist gar nicht notwendig, fort und fort an ihm herumzudoktern und ihn auf diese Weise nur noch kränker zu machen. Man kann solcherart leicht den Patienten verpatzen, und es sieht nach meinem Dafürhalten nichts dabei heraus. Natürlich müssen wir uns von allem Anfänge an die richtige Vorstellung davon machen, was denn eigentlich Religionsunterricht ist. Ein einheitlicher Begriff ist er gewiß nicht. Ich glaube, er birgt eine ganze Summe verschiedener Tätigkeiten in seinem so gehaltvollen Wesen. Aber gehen wir systematisch vor. Die Schule und der Jugendunterricht an sich haben überhaupt die Mission, planmäßig die „sittlich-religiöse" Erziehung zu bewirken. Darin müssen sich gewiß Schule und Haus ergänzen und sie ergänzen sich auch. Allein die beiden Begriffe „sittlich" und „religiös" ergänzen einander nicht immer, lveil .sie letzten Endes nicht durchwegs zusammenfallen. Ist das Haus sittlich und religiös, dann wird auch der Einfluß aus die Kinder gewöhnlich (von Ausnahmen spreche ich nicht) nicht ausbleiben. Die Aufgabe des Lehrers wird sich dann umso leichter .gestalten. Wo das Haus auf Sittlichkeit hält, aber sich sonst nicht religiös gebärdet, religiös also indifferent ist, was vor allem mannigfach bei uns Juden vorkommt, da ist die Aufgabe des Lehrers und sintemalen des Religionslehrers schon eine schwierigere. Den dritten Fall, wo beide Begriffe fehlen, brauche ich nicht in Betracht zu ziehen; das sind Ausnahmen, von denen ich ja nicht sprechen will, und die schließlich — zur Ehre des jüoischen Namens sei es gesagt — im jüdischen Familienleben wirklich zu den Seltenheiten zählen. Die jüdische Familie ist — das ist ihr Stolz und ihr Ehrenschild — auf sittliche Grunde lagen aufgebaut. Die Sittlichkeit fehlt also nicht, mw zuweilen, oder sagen wir häufig, die Religiosität. Auf das religiöse Verhalten des Hauses oder der Familie einzmvirken, ist aber weniger die Aufgabe des Reltz gionslehrers, der in der Schule und für die Schule wirkt. Das ist Aufgabe des Religionsweisers, des Gottesdienstes und der Predigt. Die Pforten des Hauses sind dem Religionslehrer, namentlich in der Großstadt, gewöhnlich versperrt. Gewiß, die Kinder richten sich nach den Sitten und Gebräuchen des Hauses. Ist das Hans religiös indif>erent, setzen sich die Eltern über religiöse Vorschriften hinweg oder belächeln sie sie gar, weil sie sich über derartige „Velleitäten" überlegen oder sich überhaupt als freigeistig fühlen usw., so färbt sich dies unvermeidlich auch auf die Kinder ab. Das ist eine Alltagserscheinung des modernen gesellschaftlichen Lebens. Es mag nun vom Standpunkte des Kultus die Irreligiosität ungemein zu beklagen sein und es eine seiner obersten Aufgaben bilden, ihr vorzubeugen und ihre Schäden zu bannen — der Lehrer kommt, wie gesagt, gewöhnlich da nicht an. Vor bett Toren des Hauses hört seine geistige Gewalt auf. Aber den Schlüssel zu den Herzen und in das Gemüt der Kinder besitzt er urtb da kann er, wenn er willens und dazu befähigt ist, tief eindringen. Er kann die Empfänglichkeit der Kinder hegen, pflegen und befruchten. Das ist nun allerdings eine mühselige und vielfältige Aufgabe: denn der Religionsunterricht umfaßt, wie wir bereits oben angedeuret, haben, nicht eine einheitlich einfache, sondern eine vielseitige und vielfache Betätigung. Schon der Schulplan bringt dies zum Ausdrucke. Der Religionsunterricht umfaßt den Unterricht in biblischer beschichte, in jüdischer Sittenlehre, in der Heiligen Schrift und Sprache, verschiedentlich auch Gebetubungen, die insbesondere ans den Jugendgottesdienst verlegt sind, die Darstellung und Erläuterung der Zeremonien usw., kurz eine ganze FütÜe von Disziplinen und Fächern, die von dem Lehrer zu tradieren sind. Neueftens hat sich auch die Methode der Schulgemeinde angereiht. Mir kann es nicht zustehen, aus die Einzelheiten dieser verschiedenen Disziplinen und Methoden einzugehen. Ich bin dazu wirklich, lvas ich aufrichtig bekenne, nicht legitimiert. Hier das richtige Maß zu treffen, die richtige Einteilung vorzukehren, die Lehrpersonen geeignet vorzubilden und sie passend zu verwenden, das ist allein Aufgabe der Schulverwaltung und der Gemeinde. Die Kinder in den einzelnen Fächern zu unterweisen, die Lehre zu verbreiten und das Lernen zu fördern, ist Aufgabe der Lehrer. Die Aufgabe der Schüler ist es, das zu erfassen, und das Haus und die Familie haben damit eigentlich weniger zu schaffen, es sei denn, daß sie berufen sind, die Kinder zum Lernen anznhalten, und das geschieht. Warum sollte es denn