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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-06-30 · 26 (30.6.1916) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 430 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 26 zur Aneignung fremder Sprachen und der Wissenschaften' sogar eine ganz bedeutende ist. Oder gibt es nicht fc^oit gelehrte Werke, die von Indianern geschriebeil sind? Steht nicht z. B. der Neeger Booker T. Washington, dessen Selbstbiographie auch ins Deutsche übersetzt ist, als eine lebendige Verkörperung der Bildnngsfähigkeit der Neger vor unseren Augen? Also soll man sich doch ja hüten, von der europäischen Kulturhöhe veracht-« lich aus die Menschheitszweige herabzublicken, denen durch den Gang der Weltgeschichte nur eilt späterer Tag ihrer Berührung mit dem großen Strom der Kultur,- entwicklung bestimmt worden ist! Wenn es sich ferner bei dem Gerede über die Kullurfähigkeit der semitischen „Rasse" nur um die Aneignung gewisser äußerlicher Seiten der Kultur, eines gewissen Schlisjes oder einer gewissen Eleganz, handelil kann, so sollte man doch vor allem bedenken, daß die wahre Kultur nicht im Aeußerlichen besteht uitd manchen anderen Leuten auch, manche launenhafte Geste Der westeuropäischen Modetyrannin nicht zu gefallen braucht. Welch ernste Warnung vor Ueberfchätzung der äußerlichen Zivilisation hat außerdem gerade der gegenwärtige Krieg aufleuchten lassen! Gerade solche Nationen, die sich der äußerlichen. Feinheit und des -savoir vivre im höchsten Maße zu rühmen pflegen, haben sich ja in der Anwendung der scheußlichsten Kriegsmittel (wie staatlich hergestellter Dum-dum-Gefchosse, als die innerlich roheste Menschensorte entpuppt. Und wo hat die Verdrehung der Tatsachen, oder kurz gesagt, die Heuchelei und Lüge ihre ärgsten Orgien gefeiert? Bei Völkern, die sich die höchste Kulturblüte zuzuschreiben pflegen. 2. Womöglich noch unbegründeter aber ist, lvas manche „Arier" über den Anteil der „Semiten" an der Kultur s ö rderung im Munde zu führen pflegen. So lvenig manche daran zu denken pflegen, daß schon die mongolischen Chinesen längst z. B. Papiers und Buchstabendruck erfunden gehabt hatteir, ehe diese Ersindungen unabhängig davon in Europa gemacht worden sind, ebensowenig wissen sie davon, daß in Juda schon unter dem König Hi skia durch den Tempelberg hindurch eilt Kanal von zwölfhundert Ellen Länge so gegraben worden ist, daß man voit zwei Seiten her zu graben anfing und doch in der Mitte zusammentraf, ivie ja die berühmte Siloahinschrift bezeugt. Außerdem hat man z. B. in bezug auf die Holzfchnitzerei und Buntwirkerei, wobei Pflanzen und Tiere dargestellt wurden, auch bei den Hebräern inehr geleistet, als man in unseren fortgeschrittenen Zeiten leicht sich vorstellr. Auch kaitn lnail, wenn auch aus guten Grüllden der Panbabylonismus, der die Wurzel ungezählter Zlveige der modernen Kultur in Babylonien sucht, abgelehnt werden muß, doch dies nicht leugnen, daß auf denr Gebiete der Astronomie, des Kalenders, des Maß-, Gelvichts- und Münzwesens in der Tat schon von den Chaldäern Grundlegendes geleistet worden ist. Aber eilen wir auch auf dieser Linise der Betrachtung nur rasch zur Hauptsache hin! Speziell bei dem Volke, das manche mit dem Ausdruck ,/Semiten" immer zu meinen pflegen, liebt üran es, seinen wesentlichsten Beitrag zur Kultur sö rderung entweder zu vergessen oder aus andere Weise zu beseitigen. Denn es pflegt ja zu geschehen, daß man in einen: gelvissen Kreise von Schriften nicht nur keine Notiz z. B. von der im Eingänge berührte:: Beziehung der hebräische:: Geschichtsschreibung zur Universalgeschichte genommen, sondern auch' das hauptsächlichste Kulturgut des Volkes Israel, seine prophetische Religion, Den Ariern zugeschrieben hat und immer noch zuschreibt. Ist doch behauptet worden und wird auch noch weiter ^besonders in Th. Fritschs „Hammer") behauptet, daß „Israel" im Unterschied von „Inda" eine arische Völkerschaft gewesen sei und die Propheten zu diesem arischen Israel gehört hätten, während doch ein Amos, Jelafa, Jeremia, Hefekiel aus Juda und die drei letztgenannten speziell ans Jerusalem stammten. Indes dieje Behauptungen stehen teils in einen: so offensichtlichen Gegensatz zu den Geschjchtstatsachen, daß sie von jeden: Leser selbst als VergewalUgungen der geschichtlichen Zeugnisse erkannt werden können, und teils sind sie in ihren, versteckteren Wendungen. schon in meinen: Schriftchei: „Das antisemitische Hauptdogma" (1914) so eingehend nach allen Seiten hin erörtert worden, daß ich jetzt nicht wieder daraus zurückzukommen brauche. Wer sich also unterrichten will, dem ist Gelegenheit geboten, über die tatsächlichen Völkerverhältnisse sich ausklären zu lassen, und in welchen: Moment der Weltgeschichte. könnte dies notwendiger sein, als in unserer Gegenwart? Ist doch jetzt eine Schicksalsstunde für mehr als ein' Volk herangerückt. Aber gerade biejV. schwere. Geburtsstunde der zukünftigen Verhättnßse eines großen Menschheitsteiles hat, nebenbei bemerkt, auch chrerscits den Blick darauf gelenkt, daß die Neugestaltung dieser Verhältnisse n i ch t i n der M e n s ch heit szersplitterung nach nationalem Gesichtspunkr ihren Zielpunkt zu suchen hat. Denn Das über Europa sich entladende Kriegsgewitter hat den Boden zu einer höchst bedeutsamen Erntefrucht ausgelockert. Oder hat inan nicht vor dem Kriege wer weiß :vic oft leise und laut davon gesprochen, daß der Donanstaat bald seiner Auflösung in einzelne nationale Gebilde eutgegengehc? Was aber geschah - während des Krieges? Nun, die vorher gewiß schon in manchem weitfchauenden Geiste ausdämmernde Erkenntnis, daß nur im Zus ammens chluß aller ihrer Glieder die Kraft der Donaumonarchie liege, und daß sie durch ihre Rechtsordnung und bürgerliche Freiheit tausendmal den: Regiment des angeblichen russischen Befreiers der Slawen vorzuziehen fei, diese Erkenntnis ist angesichts, des unmenschlichen Verfahrens der russischen Horden in Galizien und anderwärts zur vollen Reife gediehen. So hat die Idee des Rechts staates als eines seine Glieder schützenden und das Recht jedes Bürgers geivährleistenden Organismus über das 'Begehren jeder einzelnen Völkerschaft nach äußerlicher Selbständigkeit den Sieg davongetragen. Ist dies nicht abermals eine eindringliche Warnung vor der Zersplitterung der Menschheit? (Schluß folgt.) Der gesungene Religionsunterricht. Von Dr. Heinrich Schreiber. Mitten im Weltkriege ist buchstäblich eine Art Sänigerkrieg ausgebrochen. Ein Wiener Religionslehrer, Herr I. Oehler, hat in anerkennenswerter Beflissenheit eine neue Lehrmethode für den Religionsunterricht ersonnen und sie, wie es heißt, an der" Bibelschule, an der er selbst verdienstlich wirkt, erfolgverheißend eingeführt. Ein angesehener Wiener - Kultusvorsteher, Herr S. Brod, ist von dieser Idee derart entzückt, daß er sie eifrig in Wort und Schrift propagiert. Diese neue Lehr- und Lernmethode soll darin bestehen, den Religionsunterricht den Kindern durch synagogale Gesänge schmackhaft und mundgerecht zu machen und sie dadurch eher als jetzt zur verständigen, aktiven Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste zu "befähigen. Ziel und Zweck dieser Aufgabe sind gewiß ungemein löblich. Allein gleichwohl ist darob ein Wettstreit entbrannt, den: gleichfalls die Berechtigung nicht äbgesprochen werden kann. Während nämlich die Einen Beifall klatschen, zischen die Anderen und wissen ihr Mißfallen durch Grunde zu bekräftigen, denen die Sticht-

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